Muti ex machina

Retter der römischen Oper? Riccardo Muti Foto: KI

Zum ersten Mal wieder nach 53 Jahren (!) wurde an der Staatsoper Glucks erste Reformoper "Iphigénie en Aulide" aufgeführt. Für diese Aufführung konnte Riccardo Muti als Dirigent gewonnen werden.

(Rom, 17. März 2009) Riccardo Muti soll die römische Staatsoper retten. Das Teatro dell'Opera leidet unter den vom Kulturminister beschlossenen Finanzkürzungen für die Opernhäuser. Die Staatsoper, die nie Schulden hatte, steht deshalb jetzt in der Kreide. Grund genug für Roms rechten Bürgermeister, ein ehemaliger Neofaschist, den Generaldirektor der Oper davon zu jagen und einen der seinen an dessen Stelle zu hieven. Jemanden von rechts natürlich, der auch dem künstlerischen Direktor des Hauses, dem Komponisten Nicola Sani, den Garaus machen könnte, denn Sani ist noch vom vormaligen linken Bürgermeister nominiert worden und schon deshalb dem neuen ersten Bürger ein Dorn im Auge.

Sani ist es zu verdanken, dass das römische Opernhaus in dieser Saison ein Programm bietet, endlich, wie man es aus anderen europäischen Großstädten her kennt. In Rom war das bisher nicht so. Außer Verdi, Puccini und ein bisschen Ballett wurde dort nicht viel Interessantes geboten. Dass die Römer Gluck zu hören bekommen, wäre unter den Vorgängern Sanis nie möglich gewesen.
Zum ersten Mal wieder nach 53 Jahren (!) wurde jetzt Glucks erste Reformoper "Iphigénie en Aulide" hier präsentiert. Riccardo Muti konnte dafür als Dirigent gewonnen werden. Muti ließ die Musiker des Opernhauses auf ihren modernen Instrumenten spielen. Das hörte man auch und Muti scheint es nicht gestört zu haben. Im Gegenteil. Er versuchte in keiner Weise den Klang des späten 18. Jhdts. heraufzubeschwören. Mutis Gluck wirkte wie eine Komposition aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jhdts. Das hatte sicherlich seinen Reiz, aber mit Gluck hatte es nicht viel zu tun. Der Dirigent zog einen Stil vor, den man spätklassizistisch nennen kann. Ein Stil, der der Musik von Gluck eine fast schon unangenehme Schwere und Kühle, einen extremen Mangel an Leichtigkeit verlieh.

Die psychologisch komplexe Oper, deren Libretto von Marie-Francois-Louis Gaud Bailli du Roullet nach einer Vorlage von Jean-Baptiste Racine verfasst wurde, hat Yannis Kokkos in Szene gesetzt. Keine glückliche Idee. Selten ist ein erfahrener Bühnenbilder auch ein guter Regisseur. Kokkos scheint kein Gefühl für die Dramatik der Handlung zu haben. Seine Protagonisten wirkten ungemein flach, oberflächlich. Sie bewegten sich wie in einer nicht gelungenen Inszenierung von Robert Wilson. Die Protagonisten und der Chor schwenkten immer wieder mit ihren Armen. Was das bedeuten sollte war unklar und wirkte mitunte sogar lächerlich.

Muti wählte für die römische Inszenierung das Ende der Oper in der Fassung von Richard Wagner. Danach wird Iphigénie nicht der Göttin Diana geopfert, sondern von ihr zur Priesterin berufen. Anstatt aber, was logisch wäre, vor allem weil bei Kokkos Diana vom Bühnenhimmel herabschwebt, Iphigénie mit der Göttin davon fliegen zu lassen, verschwindet sie irgendwo im Bühnenhintergrund, hinter dem Chor. Dieses Ende wirkt verworren und unklar.
Ein großes Lob für die Auswahl der Sänger! Die bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova ist eine faszinierende und ergreifende Iphigènie. Ein reife Stimme, der es auf überzeugende Weise gelingt, das ganze Drama der Tochter Agamemnons zum Ausdruck zu bringen. Der Bass Alexey Tikhomoriv hat sicherlich eine ausdrucksstarke Stimme, perfekt für die Rolle des Agamemnon, aber sein Französisch ist recht bedenklich. Man hatte noch nicht einmal das Gefühl, dass er überhaupt französisch singt. Die Russin Ekaterina Gubanova sang eine perfekte Clytemnestre, die zwischen mütterlicher Liebe und königlichem Stolz hin und her gerissen ist.

Thomas Migge

"Iphigénie en Aulide" von Christoph Willibald Gluck
Teatro dell'Opera di Roma
17. bis 29. März 2009