Ich brauche kein Bühnenbild als Inspiration

Violeta Urmana Foto: Christine Schneider

Die litauische Sopranistin Violeta Urmana, an den führenden Opernhäusern in München, Wien, Bayreuth, London, Mailand und New York zu Hause, kann und will ihre Herkunft aus dem dramatischen Fach nicht verleugnen. Dennoch singt sie weltweit 5-6 Liederabende pro Jahr. Deutsche Zuhörer hatten zuletzt die Gelegenheit, sie im November 2006 mit einem Liederabend in der Oper Frankfurt zu erleben. In München gastierte Sie im Rahmen der Münchner Opernfestspiele am 26. Juli 2007. Auf dem Programm standen Berlioz' "Nuits d'été", fünf Lieder von Sergej Rachmaninow sowie Mahlers Rückert-Lieder. Auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper ist sie wieder im Dezember mit ihrem Partiedebüt als Amelia in Verdis "Maskenball" zu erleben.

Im Interview mit KlassikInfo erzählt Violeta Urmana von ihrem Münchner Liederabend und von den Unterschieden zwischen Lied- und Operngesang.

Frau Urmana, Sie sind als Sängerin nahezu ausschließlich auf Opernbühnen anzutreffen. Hin und wieder streuen Sie auch einen Liederabend in ihren Terminkalender ein. Was reizt Sie am Liedgesang?

"Es ist für mich eine große Erfüllung, wenn man als Liedsängerin auftritt. Man ist zwar auf sich allein gestellt, aber man wird auch von niemandem gestört. Man ist sein eigener Dirigent und sein eigener Regisseur. Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Erfüllung."

Ist es für einen Opernmenschen wie Sie nicht irritierend, wenn Sie die Bühne betreten, und es gibt da kein Bühnenbild, keine Kostüme, keine Handlung, in der Sie sich bewegen?

"Nein. Ich habe ja nun nicht nur Gesang, sondern auch Klavier studiert und bin als Pianistin aufgetreten. Ich brauche nicht unbedingt ein Bühnenbild, um inspiriert zu sein. Manchmal sind Bühnenbilder ja auch so hässlich, und man ist froh ist, wenn man davon befreit ist. Nein, mir fehlt überhaupt nichts. Es ist einfach eine andere Gattung."

Neben den Rückert-Liedern von Mahler singen Sie bei Ihrem Münchner Konzert fünf Lieder von Sergej Rachmaninow sowie die "Nuits d'ete" von Berlioz. Ein eher aussergewöhnliches Programm...

"Ich singe ja nun keine Oper von Rachmaninow, aber ich liebe seine Musik sehr und mit den Liedern habe ich eine schöne Möglichkeit, seine Musik aufzuführen. Als Pianistin habe ich seine Klaviermusik immer sehr gerne gespielt. Die Lieder sind etwas ganz besonderes, weil die Stimme in diesen Liedern ganz besonders aufgeht. Das kommt mir als Opernsängerin sehr entgegen. Die Art von Expansion, die in diesen Rachmaninow-Liedern verlangt wird, verlangt auch eine opernhafte Stimme. In Rußland wurden diese Lieder immer von Opernsängern gesungen. Es gibt große Höhen, man muß auch entsprechend laut singen können, sie verlangen also große stimmliche Möglichkeiten, und das liegt mir. Ich kann ja nicht sagen, dass ich eine typische Liedsängerin bin. Ich habe eine eher opernhafte Stimme, die ich zwar dazu bringe, viele Farben und Nuancen zu produzieren, aber Liedersängerin im strengen Sinne bin ich eigentlich nicht.
Ähnlich ist es mit der Musik von Mahler und Berlioz, die ich sehr liebe. Beide Komponisten sind nicht, oder selten auf der Opernbühne anzutreffen. Aber es gibt Lieder. In Berlioz' "Nuits d''Eté" habe ich mich wirklich verliebt. Natürlich sind sie eigentlich für Gesang und Orchester, aber sie klingen auch mit Klavier sehr gut, manchmal vielleicht sogar etwas subtiler."

Wie stellen Sie das Programm eines Liederabends zusammen? Welche Kriterien sind für Sie wichtig?

"Wenn ich nach Noten singen würde, könnte ich 30 verschiedene Programme haben, aber nachdem ich die Lieder auswendig singe, muss ich mich auf wenige konzentrieren. Und da ist es vor allem wichtig, dass mir die Lieder einfach sehr gut gefallen. Ich muss sie wirklich singen wollen und sie müssen mir gut liegen. Ich habe auch Schumann, Schubert oder Wolf gesungen, aber es kristallisiert sich das heraus, was mir wirklich am Herzen liegt."

Gerade hat sich Ihre Kollegin Vesselina Kassarova in einem Interview mit der "Zeit" sehr kritisch über den aktuellen Musikbetrieb geäußert. Sängerinnen und Sänger würden oft mehr nach ihrem Äußeren als nach ihrer gesanglichen Qualität beurteilt, es gebe ahnungslose Intendanten und auch das Publikum sei weniger kompetent als früher. Teilen Sie diese Meinung?

"Das kann ich unterschreiben. Heute wird ja zum Beispiel auch ganz oft über die Fachgrenzen hinweg gesungen, was eine Gefahr für die Sänger bedeutet. Und ich muss auch sagen, dass Regisseure oft eine zu große Macht haben. Und noch schlimmer ist, dass sich viele Intendanten von den Regisseuren auch in Besetzungsfragen leiten lassen. Und ich frage mich dann schon, warum Dirigenten und Intendanten das mitmachen?"

Sie sind vom Mezzosopran zum dramatischen Sopran gewechselt. Langsam erobern Sie sich auch die großen Wagner-Partien, die Sieglinde haben Sie bereits in Bayreuth gesungen, die Isolde gab es auch schon konzertant. Was sind die zukünftigen Highlights?

"Wagner habe ich bereits viel gesungen, vor allem die Kundry. Dann kam die italienische Phase, was damit zusammen hing, dass ich das Repertoire gewechselt habe. Aber das wird auch nicht für ewig sein und langsam kehre ich wieder zu Wagner zurück. Manche haben den Wechsel vom Mezzo zum Sopran kritisiert, weil sie glauben, wenn jemand als Mezzo gut ist, kann er nicht auch als Sopran gut sein, was natürlich vollkommener Quatsch ist. Nächstes Jahr im Sommer werde ich mit der Pariser Oper auf einem Japan-Gastspiel zum ersten Mal die Isolde auf der Bühne geben. Und 2009 singe ich die Partie dann an der Wiener Staatsoper. Bis dahin bleibt es aber vor allem beim italienischen Repertoire. Mal sehen, welche anderen Partien noch dazu kommen. Für die Brünhilde wurde ich natürlich auch schon angefragt, aber ich glaube, das ist noch nichts für mich."

Robert Jungwirth