Mit dem Lastwagen zum Wettbewerb

Organisiert den ARD-Wettbewerb: Ingeborg Krause

Am 5. September beginnt in München der 56. Internationale Musikwettbewerb der ARD, der bis zum 21. September erste, zweite und dritte Preisträger in den Fächern Oboe, Posaune, Schlagzeug und Klaviertrio ermittelt. Dafür stehen Preisgelder von über 100.000 Euro zur Verfügung, daneben gibt es noch Sonderpreise wie den Publikumspreis, die Preise für die beste Interpretation der Auftragskomposition und den Preis des Münchner Kammerorchesters in Gesamthöhe von über 20.000 Euro.
Seit sechs Jahren ist Ingeborg Krause für die Organisation zuständig und die gute Seele des Wettbewerbs. Im Gespräch mit KlassikInfo erzählt sie, wie sich der Wettbewerb verändert hat und was er jenseits von Preisen bewirken kann.

KlassikInfo: Die Vorbereitungen für den diesjährigen ARD-Musikwettbewerb sind weitgehend abgeschlossen, alles sitzt in den Startlöchern und wartet auf den Startschuss. Gab es irgendwelche Besonderheiten, Überraschungen in der Vorbereitung?

Krause: Abgesehen davon, dass wir in diesem Jahr zwei eher exotische Fächer haben, Schlagzeug und Posaune, gab es eigentlich keine Besonderheiten. Posaune hatten wir zuletzt vor zwölf Jahren, Schlagzeug vor sechs Jahren. Die Beschaffung der Instrumente für die Schlagzeuger haben wir einer Firma anvertraut, die sich darum kümmert und schon seit Frühjahr damit beschäftigt ist, die Instrumente aufzutreiben. Das müssen wir also Gott sei Dank nicht selbst machen. Die Übungsräume und die Prüfungsräume sind alle in der Musikhochschule, der Schlagzeugwettbewerb findet also komplett dort statt.

Wie viele Instrumente wurden denn dafür besorgt?

Es sind fast 1000 Einzelinstrumente von insgesamt 30 verschiedenen Firmen im Wert von 1,8 Millionen Euro. Es gibt natürlich auch Wettbewerbsteilnehmer, die ihr eigenes Instrumentarium verwenden wollen, das heisst, die werden dann mit dem LKW vorfahren.

Wie viele Anmeldungen gab es fürs Schlagzeug?

Wir hatten um die 70 Voranmeldungen, eingeladen wurden 35.

Gibt es Länderschwerpunkte?

Es gibt auffällig viele Japaner, Koreaner und Taiwanesen, also sehr viele Asiaten. Wir erklären uns das damit, dass in Asien das Schlagzeug traditionellerweise eine größere Bedeutung hat als in Europa.

Gibt es bei der Posaune auch Länderschwerpunkte?

Da ist es sehr gemischt, viele Europäer, einige Asiaten und Amerikaner, auch Russland, Ukraine.

Der Wettbewerb musste ja ein wenig abspecken und Geld einsparen, bei den Auftragskompositionen für die jeweiligen Fächern ist es aber erfreulicherweise geblieben. Von wem stammen die Stücke in diesem Jahr?

Für die Oboe hat Pianist und Komponist Olli Mustonen geschrieben, Stefan Heuke hat ein Stück für Posaune und Klavier komponiert, für Schlagzeug schrieb Matthias Pintscher und für Klaviertrio Tobias PM Schneid. Die Auftragskompositionen werden ja im Rahmen der jeweiligen Semifianale von jeweils sechs Kandidaten uraufgeführt, und wir freuen uns sehr, dass alle Komponisten ihr Teilnahme zugesagt haben.
Die Uraufführungen sind ja auch deshalb so interessant, weil sie eben zum ersten Mal gespielt werden und es noch keine Aufnahmen davon gibt, und jeder Kandidat sie für sich selbst erarbeiten muss.

Welche Besetzung ist für das Schlagzeugstück vorgesehen?

Ich habe die Partitur hier, also: Zwei Metallblocks, vier Woodblocks, fünf Tempelblocks, zwei Bongos, drei Tomtoms, große Trommel, antike Zymbeln, chinesisches Becken (Durchmesser 30 cm), zwei einzelne Röhrenglocken, zwei Sandpapierblöcke, zwei Hängebecken, Tamtam und Marimbaphon.

Der Wettbewerb war ja schon immer auch ein Publikumswettbewerb, das heißt, es gab immer ein großes Interesse des Publikums, das ja zu allen Durchgängen freien Zutritt hat. Erst die Preisträgerkonzerte kosten dann Eintritt. Mit der Einführung der Publikumspreise wurde die Attraktivität des Wettbewerbs für das Publikum vermutlich noch zusätzlich erhöht. Wie stark ist denn der Zuwachs?

Wir haben im vergangenen Jahr mal etwas genauer gezählt und sind auf rund 20 000 Besucher für den gesamten Wettbewerb gekommen, wobei Mehrfachbesuche auch gezählt wurden. Ich würde schon sagen, dass der Publikumspreis das Interesse des Publikums am Wettbewerb verstärkt hat. Wir bekommen zum Beispiel schon im Frühjahr Anrufe von Interessenten, die wissen wollen, wann was stattfindet, weil sie ihren Urlaub danach planen.

Es gibt also einen regelrechten Festspieltourismus für den ARD-Wettbewerb?

Ja, das kann man schon so sagen. Und ich glaube, dass wir das auch dadurch erwirkt haben, dass wir mit dem Wettbewerb stärker in die Öffentlichkeit gegangen sind. Früher fand er etwas mehr für sich statt.

Merken Sie, dass auch mehr Diskussionen im Publikum stattfinden, seit das Publikum selbst einen Preis vergeben kann?

Ich selbst bekomme davon nicht so viel mit, weil ich doch die meiste Zeit hinter der Bühne bin. Aber ich habe von vielen Freunden, die im Publikum sind, gehört, dass es durchaus sehr heftige Diskussionen gibt. Es gibt ja viele Besucher, die die Kandidaten von Anfang bis zum Ende begleiten und dann sehr sauer sind, wenn ihr Favorit rausfliegt.

Noch mal zu den Finanzen. Wie viel wurde dem ARD-Wettbewerb weggekürzt?

Wir haben seit letztem Jahr ein Drittel weniger zur Verfügung. Die Stelle des Leiters wurde eingespart, das war der Dirigent Christoph Poppen. Dafür ist jetzt die Hauptabteilung Musik des Bayerischen Rundfunks zuständig. Im vergangenen Jahr hatten wir nur drei Kategorien, da ging es ganz gut, heuer haben wir wieder vier - wobei wir ja auch bleiben wollen - und da wird es wohl etwas teuerer. Aber ich denke, dass wir es hinbekommen.

Es gibt wunderbare Beispiele von Karrieren von ehemaligen Gewinnern des Wettbewerbs, zum Beispiel Jessye Norman, Thomas Quasthoff, das Artemis-Quartett - die Liste ließe sich natürlich lange fortsetzen. Dennoch können diese Einzelbeispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass man von einer sehr großen Zahl außerordentlich begabter junger Musiker nach einem Wettbewerbserfolg oft überhaupt nichts mehr hört. Woran liegt das?

Die Teilnehmer des Wettbewerbs sind natürlich alle sehr gut präpariert und womöglich haben nicht alle hinterher die Kraft, dieses Niveau beizubehalten. Oder sie haben nicht die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit als Künstler weiterzuentwickeln, was ja auch dazu gehört. Man wundert sich tatsächlich manchmal. Es hat natürlich auch viel mit der Psyche zu tun, solch einen Beruf auszuhalten. Da braucht es schon eine starke Persönlichkeit und starke Nerven, das durchzuhalten. Das andere ist, dass unser Konzertbetrieb immer komplizierter geworden ist. Man braucht eine gute Agentur, die einen gut betreut. Sicher problematisch ist, dass man den jungen Künstlern heute keine Zeit mehr lässt, sich zu entwickeln. Jeder soll mit 20 fertig und für alles einsetzbar sein, und das geht einfach nicht. Künstler brauchen ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Plattenfirmen holen sich ein paar Stars, die werden dann hochgejubelt und ein paar Jahre durch die Lande geschickt, und dann hört man nichts mehr von ihnen, weil sie sich verschlissen haben. Dann kommt der nächste. Ich denke, dass das sehr eine ungesunde Entwicklung ist.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch viele Musiker, die durch einen Erfolg beim ARD-Wettbewerb sehr gute Möglichkeiten für interessanten Orchesterstellen erhalten.

Sehen Sie sich auch ein wenig als Vermittler zwischen den Musikern und den Agenturen?

Wir würden gerne noch mehr tun, aber wir versuchen es, wo es nur geht. Wir laden natürlich alle Agenturen und Konzertdirektionen zum Wettbewerb ein, geben Ihnen alle Informationen über die Preisträger. Aus dem Grund gibt es auch unsere Dokumentations-CD mit Aufnahmen der Preisträger, die wir bald nach dem Wettbewerb verschicken, damit auch die, die nicht kommen konnten, Hörbeispiele erhalten.
Was wir erfreulicherweise fortsetzen können, das ist das Kammermusikfestival auf Schloss Elmau, in Nymphenburg, in Berlin und heuer auch noch in Landshut, das ehemaligen Preisträgern die Möglichkeit gibt, gemeinsam aufzutreten. Da werden neue Netzwerke geknüpft, und es ist toll, was da an Kontakten und Möglichkeiten entsteht.

Interview: Heinrich Grün

Am 5. September beginnt der Wettbewerb mit der ersten Runde im Fach Oboe, 10 Uhr im Studio des Bayerischen Rundfunks, Rundfunkplatz1 - der Eintritt ist frei
Im Fach Klaviertrio startet der Wettbewerb am 6.9. um 11 Uhr im Studio 1 des BR, im Fach Posaune am 7.9. um 10 Uhr im Carl-Orff-Saal des Gasteigs und im Fach Schlagzeug am 8.9. um 11 Uhr in der Musikhochschule

Weitere Informationen unter: www.musikwettbewerb.de