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Peter Konwitschny, geboren 1945 in Frankfurt am Main, ist bekannt für seine unkonventionelle Sichtweise auf das Opernrepertoire. Buhrufe beim Schlussapplaus gibt es fast obligatorisch, wenn er Regie führt. Fünfmal hintereinander wurde Konwitschny von der internationalen Fachpresse zum Regisseur des Jahres gekürt, zuletzt für seine Grazer Inszenierung des "Falstaff". Vor allem in der Zusammenarbeit mit Ingo Metzmacher an der Hamburgischen Staatsoper sind exemplarische Arbeiten eines zeitgemäßen Musiktheaters entstanden. Wichtige Wagner-Inszenierungen waren "Tristan und Isolde", "Parsifal" und "Der fliegende Holländer" an der Bayerischen Staatsoper in München. An der Komischen Oper Berlin hat Peter Konwitschny bereits "Don Giovanni" und "Così fan tutte" inszeniert. Seine Inszenierung der Operette "Die Csárdásfürstin" 1999 in Dresden geriet zu einem handfesten Theaterskandal.
Jetzt inszeniert er an der Komischen Oper in Berlin Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns". Premiere ist am 1. Juli 2007.
Karl Kraus schrieb 1908: "Die Menschheit verblödet zusehends... in allen Zentren der europäischen Kultur geht die Verendung mit rauschenden Erfolgen der 'Lustigen Witwe' und des 'Walzertraums' Hand in Hand". Puccini - elf Jahre später - lobte Lehár anlässlich der Premiere von "Wo die Lerche singt": "Bravo, Maestro! Erquickend frisch, genial, voll von jugendlichem Feuer!" Wer hat nun recht, Kraus oder Puccini?
Peter Konwitschny: Es stimmt beides! Wir müssen die Operette aus ihrer gesellschaftlichen Entwicklung betrachten: Die Revolution von 1848 war gescheitert, das Bürgertum hatte sich mittendrin vom Proletariat abgewendet und verband sich wieder mit dem Adel. Nach 1848 gibt es keine Spieloper mehr, diese Musik hat den Zugang zu den Massen verloren. Auf der einen Seite steht nun Wagner, das große Orchester, die gigantische Musik. Und auf der anderen Seite: die Operette. Auf das Gigantische erweitern sich auch Industrie und die militärische Entwicklung: Dass man auf einen Knopf drückt, und woanders explodiert etwas, das gab es vorher nicht. Letztlich mündet das in die Atombombe. Und mit der Atombombe sind wir dann beim Absurden, künstlerisch gespiegelt in Becketts "Warten auf Godot". Die Operette ist der halbe Schritt zum absurden Drama. Auf Logik und Glaubhaftigkeit kommt es hier nicht mehr an, denn es passiert immer irgendetwas ganz Unwahrscheinliches: Die reiche Tante taucht auf, und alle Probleme sind plötzlich weg. So ein Happyend ist aber gar kein richtiges Happyend. Nur: Wir wollen lachen, verdrängen.
Die Operette ist eine ganz großartige Gattung. Es stecken in ihr noch viel mehr Möglichkeiten als in der Oper, die an Folgerichtigkeit und Psychologie gebunden ist. In der Operette kann ich allen Nonsens machen. Sie bildet zwar die Wirklichkeit ab, kommt dabei aber ohne das Lachen nicht aus. Kraus hatte schon Recht, dass alles verblödet. Das liegt aber nicht an den Stücken selbst, sondern an den schlechten Interpretationen. Mit der Erfahrung von nicht-illusionistischen Theatermodellen, von Brecht bis Artaud - und die konnte Kraus nicht haben - muss man das Genre heute nicht mehr verdammen. Und Puccini hat auch recht. Lehár ist genial. Denn er beherrschte nicht nur sein Handwerk als Komponist wirklich gut, er nahm auch alle Katastrophen der Zeit, diese ganze industrielle und militärische Entwicklung, in sich auf, liess sie durch sich hindurch gehen und formulierte das, was wieder herauskam, in einer Sprache, die für das Publikum damals und für uns heute verständlich ist.
Operette heißt ja «kleine Oper», man könnte sich durch die Genrebezeichnung irreführen lassen...
Peter Konwitschny: Das Vorurteil des Billigen und Oberflächlichen ist gekommen durch die Verdrängung ihres wahren Inhalts durch die Inszenierungspraxis. Operette wurde und wird oft albern inszeniert. Die Leute denken, das muss lustig sein. Nehmen wir "Das Land des Lächelns": Lisa folgt Sou-Chong von Wien nach Peking. Dabei gehen beide ein großes Abenteuer ein. Ihre Schwierigkeit ist, dass sie unterschiedlichen Kulturen entstammen. Da gibt es riesige Missverständnisse. Wenn die Regisseure das einfach weglassen, wird's ekelhaft dumm und niedlich.
Gehen solche Interpretationen vielleicht schon auf Lehár selbst zurück? Sie haben mal gesagt, das Werk sei klüger als sein Autor.
Peter Konwitschny: Lehár war nicht dumm, aber sein Werk ist klüger. Das Werk überlebt den Autor ja auch. Es bleibt an sich unverändert. Doch der Kontext verändert sich. Hundert Jahre später haben wir andere Menschen, andere Gepflogenheiten. Der Mensch ist heute gezwungenermaßen flexibel geworden. Dadurch kann er aber keine tieferen Beziehungen entwickeln. Er ist nicht verwurzelt, ist sehr oft von seiner Familie getrennt. Durch die sich verändernden Verhältnisse zwischen Werk und Kontext, gibt das Werk immer wieder neue Dinge preis, die man zu seiner Entstehung noch nicht absehen konnte.
Jahrzehntelang waren Operetten selten auf den Opernspielplänen zu finden. Das scheint sich zu ändern. Bedeutende Regisseure inszenieren sie an großen Häusern. Ein Trend?
Peter Konwitschny: Es ist eine gute Entwicklung, dass man auch von Seiten der Theaterverantwortlichen die Vorurteile gegenüber der Operette überwindet. Ende 1999 habe ich in Dresden "Die Csárdásfürstin" inszeniert. Das Stück war im Krieg angesiedelt, also zu seiner Entstehungszeit 1915. Bei der Premiere dann gab es einen Skandal, und der Intendant hat mich aufgefordert, eine Szene zu verändern. Als ich ihm entgegnete, dass ich das nicht mache, strich er sie selber. Ich verklagte ihn und bekam in zwei Instanzen recht. Die Richter befanden, meine Inszenierung habe Werkcharakter und sei darum geschützt. Es war ein Muster-Prozess.
In der Operette liegt also noch einiges brach, das man heraufholen kann.
Peter Konwitschny: Ja, und interessanterweise gibt es gerade von Liebhabern der Operette dagegen eine starke Abwehrreaktion. Das ist ja auch in der Oper so: Wenn man gegen die Verharmlosung und Verniedlichung angeht, ist der Teufel los. Das legt den Gedanken nahe, dass es hier um Heiligtümer geht. Sonst wären solche Reaktionen völlig unangemessen.
Tödlich traurig im Land des Lächelns
"Das Land des Lächelns" spielt in Wien und Peking. Lehárs Musik dreht sich dazu meist im Dreivierteltakt oder tut pentatonisch-chinesisch. Ist das nicht ein bisschen zu einfach?
Peter Konwitschny: Die Musik ist ziemlich verständlich, ja, und die äußeren Verhältnisse, Harmonik, Rhythmik sind einfach. Aber darin erschöpft sie sich nicht. Lehár kann sogar besonders gut begründen, worum es hier geht. Um die Melancholie, um das tödlich Traurige... Das liegt alles in der Musik. Dazu muss man nicht zwölftönig schreiben.
Statt einer gut ausgetüftelten Zwölftonreihe, bekommt das Publikum schöne Walzer. Was noch?
Peter Konwitschny: Die Musik ist zwar tonal, aber sie hat sich auch weiterentwickelt. Sie hat die Krankheit der Epoche aufgenommen und spricht davon. Nehmen sie das Duett "Freunderl, mach dir nix draus": Lisa teilt Gustl mit, dass sie ihn nicht heiraten will. Auf den ersten Blick ist das nur eine naive Abschiedsmusik, und wenn der existenzielle Hintergrund weggeblendet ist, ist das wirklich nicht auszuhalten. Gustl aber ist, wie so viele nach dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie, ein "Mann ohne Eigenschaften". Nun will er Lisa heiraten - ein sinnloses Projekt. Was er singt, ist zynisch und bitter. Ein anderes Beispiel ist das Auftrittslied von Sou-Chong. Da gibt es unverhältnismäßig viele Fermaten. Sou-Chong fragt "Wen kümmert mein Schmerz?", dann kommt eine Fermate und dann antwortet er «Nur mich allein». Wenn man diese Fermate richtig lang aushält, wird der Zuschauer auf sich selbst zurückgeworfen.
Dann ist es nicht sentimental...
Peter Konwitschny: Das ist ja genau mein Hauptinteresse, dass ich die alten Gegenstände neu befrage. Durch die Vorurteile der Interpretationsgeschichte hindurch komme ich wieder zu den Stücken selber und finde Dinge, die nicht tradiert sind. Leuten, die die Stücke nicht kennen, gefällt das. Und andere, die mit falschen Traditionen gross geworden sind, regen sich tierisch auf.
Die erste Fassung der Operette entstand 1923 unter dem Titel "Die gelbe Jacke" und hatte ein Happyend. 1929 wurde sie zum "Land des Lächelns" umgeschrieben. Warum eigentlich?
Peter Konwitschny: Die erste Fassung war völlig erfolglos, weil die Leute in der Wirtschaftskrise dieses überdrehte Lachen nicht hören wollten. Die Librettisten der zweiten Fassung, Ludwig Herzer und Fritz Löhner haben Lehár dazu überredet, den Schluss der "Gelben Jacke" ins Tragische wenden zu dürfen. Die Musik blieb die gleiche, und die Operette wurde zu einem Welterfolg.
Warum Operette, warum Oper?
In Barbara Beyers Buch "Warum Oper" (2005) sagen Sie: "Wenn das gesellschaftlich ernst genommen würde, was die Oper zu sagen hat, dann wäre das möglicherweise die Rettung unserer Zivilisation." Vor sechs Jahren hat Sie Claus Spahn in der "Zeit" gefragt, ob das Theater denn noch eine Zukunft habe. Sie wollten sich nicht festlegen. Stirbt das Theater? Oder rettet es unsere Zivilisation?
Peter Konwitschny: Unsere Zivilisation ist nicht mehr zu retten. Die Anzeichen für die Katastrophe werden immer deutlicher, aber die Wirtschaft lässt nicht zu, dass das wahrgenommen wird. Das Meer steigt an, die Arten sterben aus, die Ozonschicht wird kein Loch mehr haben, sondern ganz weg sein. Dann können wir nicht mehr an die Sonne gehen. Vielleicht verlagert sich das Leben unter die Erde. Eine andere Katastrophe ist der Terrorismus. Der nächste private terroristische Angriff wird schlimmer sein als derjenige auf das World-Trade-Center. Der nächste Gegenangriff, ich nenne das staatlichen Terrorismus, wiederum wird schlimmer als der Irakkrieg... Sehen Sie vielleicht eine Möglichkeit, dass das alles nochmal besser wird?
Nun ja, ich hoffe eigentlich schon. Wir haben ja auch nur einen beschränkten Blick auf das Ganze.
Peter Konwitschny:...und deshalb können Sie auch jederzeit sagen: Ich weiß sowieso nicht alles, es wird schon gut werden. Für die Psychohygiene ist das sicher besser? Warum leben wir überhaupt weiter? Nun kommt genau der Punkt, wo das, was ich sage, widersprüchlich wird: Ich bin zwar überzeugt, dass wir am Ende der abendländischen Zivilisation leben, aber je mehr ich diese Einsicht bekommen habe, desto freier sind meine Impulse. Komisch nicht wahr? Ich entwickle einen Widerstand, der alle positiven Kräfte verstärkt, die das Leben bewahren und befördern.
Es lähmt Sie nicht?
Peter Konwitschny: Luther pflanzte Bäume, auch wenn er wusste, dass morgen die Welt untergeht. Und genau das ist es. Solange das Leben noch da ist, halten wir daran fest und kümmern uns nicht um das, was wir nicht mehr ändern können. Ob wir jetzt hoffen, dass alles weiter geht, ist gar nicht erheblich. Mit meinem Kreis von Leuten, mit denen ich hier sechs Wochen an einem Opernprojekt arbeite, kann ich eine Atmosphäre schaffen, die mit Freude und Glück verbunden ist, mit Erfüllung. Wenn man nicht verdrängt, sondern von der Wahrheit spricht, wird dabei eine große Kraft freigesetzt. Die Wahrheit ist zwar niederschmetternd im Kleinen wie im Grossen, im Privaten wie im Ganzen. Wenn wir es aber schaffen diese Wahrheit in das Stück einzubringen, wenn der Sänger von seiner Wahrheit etwas durchblicken lässt, der Beleuchter, jeder, dann ist das ein therapeutischer Vorgang! Wunderbar!
Daran sollte ja auch der Zuschauer teilhaben...
Peter Konwitschny: Ja, natürlich. Traurig ist bloß, dass er von dem ganzen Prozess nichts erfährt. Denn der Prozess ist ja der eigentliche Vorgang. Der Zuschauer aber bekommt nur das Ergebnis. Mir ist dabei ganz wichtig, dass ich durch die Schwelle seiner Unempfindlichkeit durchkomme, durch seine Abwehr dessen, was ihn vielleicht lebensunfähig macht, weil es einfach zu happig ist. Ich muss den Zuschauer im Herzen und im Kopf erreichen, so dass er in Resonanz kommt. Das Wichtigste ist nicht die Geschichte; sie ist nur ein Vehikel für das immer Gleiche. Es geht darum, dass das Theater vom Menschsein spricht. Die Menschen auf der Bühne sagen denen, die unten sitzen, was wesentlich ist und uns alle betrifft. Mit Ende der Vorstellung ist das für den Zuschauer nicht abgeschlossen. Er sollte an sein Leben denken und sagen: Mein Gott, müsste ich mich nicht ein bisschen anders verhalten? Mache ich vielleicht mein Glück selbst kaputt, weil ich einfach nicht bindungsfähig bin? Gerade Männer haben ja eine enorme Bindungsangst.
Nur Männer?
Peter Konwitschny: Frauen sind nicht so verstrickt in diese Hierarchie von Macht. Die Hauptaussage in Wagners "Ring" ist: Entweder wir gründen unsere Existenz auf Macht und Besitz. Oder auf Leben, und das heißt in erster Linie Liebe. Das ist auch meine zentrale Aussage. In jeder Oper gibt es Gewalt, Eifersucht, Intrigen. Ich führe diese Grausamkeit vor und schaffe so die Sehnsucht nach dem Anderen.
Im zweiten Akt fragen sich Lisa und Sou-Chong «Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt?» Damit kommt auch eine theologische Komponente ins Spiel.
Peter Konwitschny: Wagner sagte, die Kunst müsse die Rolle der Religion übernehmen. Alle Religionssysteme der Welt haben versagt. Sie haben Menschlichkeit gepredigt und in Wahrheit die schlimmsten Taten begangen oder wenigstens gutgeheissen. Gott ist gestorben, aber ohne Gott können wir gar nicht leben. Natürlich schuf nicht Gott den Menschen. Aber wir schaffen ihn, weil wir einen Gott als Gesprächspartner brauchen, in den Fragen, auf die wir aufgrund unserer Intelligenz stoßen. Zum Beispiel, warum wir überhaupt da sind. Unser Geist reicht aber nicht aus, das zu beantworten. Um nicht verrückt zu werden, brauchen wir also jemanden, der uns die Möglichkeit gibt, zu glauben. Das heißt aufzuhören mit diesem Amoklauf des Immer-Mehr-Wissens-Wollens in der Hoffnung, so an die eigentliche Wahrheit zu kommen. Wenn wir sagen, es gibt überhaupt keinen Gott, werden wir krank. Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt? Ja wer denn? Der liebe Gott, das Schicksal? Wer das immer hinterfragen will, der kann nicht lieben. Und da hilft uns die Musik: Nicht nur zu begreifen, dass wir mit unserem Wissen an eine bestimmte Grenze kommen, sondern, uns dabei sogar wohlzufühlen, das zu genießen, mit dieser Beschränkung einverstanden zu sein! Denn auch Musik ist rational nicht völlig fassbar. Wenn Lisa und Sou-Chong ihr Duett singen, ist das für mich der Ausdruck eines kurzen vollkommenen Glücks. Ich bin als Mensch tief berührt. Es hat eine religiöse Dimension.
Benjamin Herzog