
Der Intendant der Münchner Philharmoniker Paul Müller zum bevorstehenden Zyklus aller Schostakowitsch-Symphonien
KlassikInfo: Wie kam es zu dem Schostakowitsch-Zyklus? Wer hatte die Idee dazu? Wie war der Prozess?
Müller: Die Idee wurde geboren zwischen Maestro Gergiev und mir. Der Zyklus hat ja schon an einigen Orten stattgefunden. In New York, Paris und zuletzt in Wien. Und insofern kam die Idee nicht von ungefähr, ob man etwas Ähnliches auch in München machen könnte. Ich fand die Idee extrem spannend, einmal weil es in München bislang keinen Schostakowitsch-Zyklus gegeben hat und zum anderen, weil Schostakowitsch der letzte große Symphoniker war. Dann natürlich weil Maestro Gergiev einer der herausragenden und spannendsten Interpreten dafür ist. Danach begann die organisatorische Arbeit, und einen Zyklus von 15 Symphonien zu machen ist eine umfangreiche Aufgabe mit umfangreichen organisatorischen Fragestellungen und Herausforderungen, nicht zuletzt muss man das auch finanzieren können.
KlassikInfo: ...zumal, wenn zwei Orchester daran beteiligt sind. Wie kamen Sie darauf, den Zyklus auf zwei Orchestern aufzuteilen? Und wie kam es zur Miteinbeziehung von München Musik? Es ist ja zum ersten Mal, dass die Münchener Philharmoniker mit einem privaten Veranstalter zusammenarbeiten...
Müller: Wenn wir den Zyklus alleine mit den Philharmonikern geplant hätten, dann würden wir für die sieben Programme sieben Perioden brauchen - eine Periode meint Proben plus Konzerte für ein Programm. Das hätten wir auf dann auf mehrere Jahre verteilen müssen, so dass es nicht mehr als Zyklus wahrzunehmen wäre. Also war die Überlegung, wir machen daraus ein Gemeinschaftsprojekt, weil Maestro Gergiev und das Mariinsky-Orchester, die quasi ein Markenzeichen für dieses Repertoire sind, diese Symphonien oft aufgeführt haben. Also ist für die natürlich der Aufwand des Wiederauffrischens wesentlich geringer. Und hier hätte alles neu einstudiert werden müssen. Ich glaube, wir haben ein interessante Mischung gefunden, nämlich drei Programme mit den Münchner Philharmonikern aufzuführen und vier Programme mit dem Mariinsky-Orchester. Und diese vier Programme sind auf zwei Wochenenden konzentriert im März und im Mai. So ist es möglich, in einer Spielzeit den gesamten Zyklus zu disponieren. Münchenmusik war von Anfang an bereit, sich mit diesem Projekt zu beschäftigen. Das war eine wichtige Voraussetzung, weil wir keine Konzerte anderer Orchester veranstalten können. Und natürlich braucht man, um so etwas machen zu können, eine Vermarktungs- und Distributionsstruktur, die wir für unsere eigenen Konzerte und Abonnements haben, aber nicht für ein Projekt dieser Art. Das war ein längerer Weg, aber wir haben es geschafft und sind jetzt sehr gespannt wie es angenommen wird und wie die Wirkung des Zyklus' sein wird.
KlassikInfo: Das heißt, die Finanzierung ist so geregelt, dass die Philharmoniker für ihre Konzerte zuständig sind, und Münchenmusik für die Mariinsky-Konzerte?
Müller: Ja, so ist es. Wenn ich das noch sagen darf, ich bin als Manager stark mit der organisatorischen Seite verbunden, aber was mich an diesem Zyklus sehr gereizt hat, ist die musikalische Dimension. In der Pressekonferenz wurde schon darüber gesprochen, Schostakowitsch hat in einer extremen Zeit gelebt. Das ist von großem Interesse. Ich bin auch sicher, dass die Menschen, die sich mit diesem Zyklus beschäftigen, auf die Idee kommen werden, zu recherchieren was da los war. Andererseits, und das hat Maestro Valery Gergiev zwingend formuliert, ist es pure Musik. Das gilt für jeden Komponisten insofern ist es gar nichts besonderes, aber bei Schostakowitsch ist die Neigung offensichtlich doch relativ groß, diese gesellschaftspolitischen Kontexte zu thematisieren und um die geht es ganz bestimmt nicht in erster Linie. Sondern es geht um die Musik, um Phänomene, die sie einzigartig macht. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, ich habe an einem Wochenende diesen Zyklus in Wien miterleben können. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Und das würde ich gerne auch in München erleben, und die Chance, das zu erleben, möchte ich gerne dem Publikum bieten.
KlassikInfo: Es ist dies ja eine interessante Kooperation. Ist daran gedacht so etwas zu wiederholen? Ist es sinnvoll, über solche Projekte nachzudenken?
Müller: Für sinnvoll halte ich es immer, über solche Dinge nachzudenken. Sie sehen, wie dieses Projekt entstanden ist. Wenn sich etwas anbieten sollte was diese Konstruktion oder eine andere wieder sinnvoll machen würde, natürlich. Denn die Alternative wäre, dass spannende Projekte nicht stattfinden, und das ist einfach schade. Und sicherlich ist es auch für die Musikstadt München eine Bereicherung, dies anzubieten.
KlassikInfo: Man kann als Besucher des Zyklus' also zwei Orchester mit einem Komponisten, mit einem symphonischen Ouevre hören und auch vergleichen. Wie sehen Sie die Konkurrenzsituation, ist es eine Konkurrenzsituation für Sie?
Müller: Also erstens ist Konkurrenz was wunderbares, weil es das Geschäft belebt. Und es hält die Menschen wachsam...
KlassikInfo: ...also haben Sie keine Scheu davor, sich zu messen und dem Vergleich auszusetzen, wenn man die beiden Orchester überhaupt vergleichen kann...
Müller: Die beiden Orchester haben sehr unterschiedliche Traditionen, auch wenn das Mariinsky-Orchester und das Mariinsky-Theater in Petersburg eine sehr starke Orientierung gerade nach Deutschland gehabt haben. Und das ist bis heute noch aktiv und vital. Aber das wird eine spannende Erfahrung, über die man im Vorhinein wenig sagen kann und die man nur erleben kann.
Interview: Robert Jungwirth