
Seit 1999 leitet Michael Haefliger das wichtigste Musikfestival der Schweiz, das Lucerne Festival. In dieser Zeit verhalf der Sohn des großen Tenors Ernst Haefliger und ausgebildete Geiger dem Festival zu neuem Profil und Ansehen, vor allem durch die Gründung eines eigenen Orchesters, dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado und der Akzentuierung der zeitgenössischen Musik z.B. durch die Gründung der Lucerne Festival Academy unter der Leitung von Pierre Boulez.
Im September 2003 wurde Michael Haefliger mit dem Europäischen Kultur-Initiativ-Preis der Europäischen Kulturstiftung ausgezeichnet. Kurz vor Beginn des Piano Festivals im Rahmen des Lucerne Festivals vom 17.-23. November sprach KlassikInfo mit Michael Haefliger über das bisher Erreichte und seine weiteren Pläne.
KlassikInfo: Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach fast zehn Jahren beim Lucerne Festival aus?
Haefliger: Vor zehn Jahren war das Lucerne Festival bereits in einer sehr erfolgreichen Position und man wusste, dass man mit dem neuen Konzertsaal auch neue Möglichkeiten haben würde, besonders hinsichtlich der Akustik. Gleichzeitig hatte man auch einen neuen Saal, der 70% mehr Zuschauerplätze zur Verfügung stellte und somit standen wir vor der Frage, ob wir diesen Saal tatsächlich auch auslasten können, wenn die erste Euphorie vorüber sein würde. Unser Ziel war es, das Lucerne Festival weiterzuentwickeln, den Saal mit neuen Inhalten zu füllen. Mein Vorgänger, Matthias Bamert, tat einen ersten Schritt in diese Richtung, indem er 1998 das Pianofestival ins Leben rief. Somit entstand im November der dritte Festivaltermin im Jahr. Dieses Festival haben wir in den folgenden Jahren mit mehr Konzerten, dem Off-Stage-Festival sowie einer Debütreihe bereichert.
Das Osterfestival war zu meinem Amtseintritt ein Nischenprodukt, das sich vor allem im Bereich der sakralen Musik bewegte. Es dauerte 4 Tage. Auch dieses Festival wurde weiterentwickelt und neu mit sinfonischer, sakraler und choraler Musik programmiert. Die Konzerte finden klassischerweise in Kirchen sowie im Konzertsaal des KKL Luzern statt. Die Besucherzahl konnten wir von 4000 auf 12.000 steigern. Oft vergessen wir in unserer Bilanz, dass dieses kleine Festival am stärksten unter meiner Führung gewachsen ist.
Bei unserem Flaggschiff, Lucerne Festival im Sommer, wurden erfolgreiche Projekte ausgebaut. So wurde die Anzahl der Sinfoniekonzerte von 18 auf 30 erweitert, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen «composer-in-residence» und «artistes étoiles» intensiviert sowie zwei neue Projekte lanciert: Das Lucerne Festival Orchestra und die Lucerne Festival Academy. Beide Projekte haben das Festival massgeblich verändert.
Das Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado hat von Anbeginn für Furore gesorgt und steigerte die internationale Wahrnehmung des Festivals, vor allem auch durch die einwöchigen Residenzen des Orchesters im Ausland. Diese Residenzen führten den Klagkörper nach Rom (2005 / Parco della Musica), Tokio (2006/ Suntory Hall), New York (2007/ Carnegie Hall) und Wien (2008/ Musikverein Wien). Zudem fanden mit diesem Orchester einige DVD- und CD-Produktionen statt. Gleichzeitig wurden Konzerte des Orchesters in Europa, aber auch in den USA und gar bis nach China im Fernsehen und am Radio ausgestrahlt.
Ganz wichtig ist auch die Lucerne Festival Academy, unter der Leitung von Pierre Boulez. Diese lädt seit 2004 jeweils 120 junge Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt, um sich mit der zeitgenössischen Musik auseinanderzusetzen. Die offenen Proben und Workshops laden das interessierte Publikum ein, in die Welt der modernen Musik hineinzuhören. Zeitgenössische Musik und junge Talente zu fördern ist uns ein grosses Anliegen. Mit diesem Projekt können wir auf einen Schlag beides verfolgen.
Auch das Budget konnten wir in meiner Amtszeit von 14 auf 25 Millionen Schweizer Franken steigern, durch das Gewinnen neuer Sponsoren, aber auch durch die Ertragssteigerung beim Kartenverkauf. Es ist dank des Vertrauens des Publikums, dass uns diese Erweiterung des Programms ermöglichte.
Für was steht das Lucerne Festival- was ist das Markenzeichen, was macht seine Unverwechselbarkeit aus?
Natürlich unsere beiden Projekte, das Lucerne Festival Orchestra und die Lucerne Festival Academy, die als solche einzigartig sind. Weltweit ist Lucerne Festival im Sommer eine der wenigen Plattformen, die innerhalb von fünfeinhalb Wochen ein Spitzenorchester nach dem anderen zu Besuch hat. Das ist unser Kernbusiness. Dieses Stelldichein von Orchestern ermöglicht unseren Gästen in einer kurzen Zeitspanne die weltbesten Klangkörper aus Europa und den USA zu hören und zu vergleichen. Auch die Integration und Förderung der zeitgenössischen Musik sowie die Förderung junger Talente ist uns ein wichtiges Anliegen. Was man aber auch nie vergessen darf ist der Standort. Die Stadt Luzern am Vierwaldstättersee, umgeben der schönen Alpen, gibt unserem Festival eine einmalige Kulisse.
Wie ist die Publikumsstruktur des Lucerne Festivals im Hinblick auf Nationalitäten und gesellschaftliche Schichten - ist es vor allem ein Festival für reiche Schweizer?
84% der Besucher unserer drei Festivals kommen aus der Schweiz. Die restlichen 16% kommen vor allem aus Deutschland, Italien, England, Japan und den USA. Im Bezug auf die Gesellschaftsschichten muss ich festhalten, dass bei unserem Festival alle vertreten sind. Unsere Konzerte sind in der Top-Preiskategorien nicht günstig; dessen bin ich mir bewusst. Man muss jedoch festhalten, dass wir in jedem Sinfoniekonzert über 100 Plätze in einer sehr günstigen Preiskategorie haben. Die Preise für diese Konzertkarten rangieren zwischen CHF 20 und 50. Somit sind diese Preise nicht viel teuerer als ein Kinobesuch, mit dem Unterschied, dass bei uns das Publikum ein Live-Musikerlebnis geboten bekommt.
Wie hat sich der Publikumszuspruch generell seit Ihrer Intendanz entwickelt?
Durch die Erhöhung der Veranstaltungszahl hat sich natürlich auch die Besucherzahl gesteigert. Trotz der Erhöhung des Angebots können wir im Schnitt eine Auslastung von 90% verbuchen. Ich freue mich besonders darüber, dass die internationalen Besucher von ehemals 8% auf 16% verdoppelt werden konnten während meiner Amtszeit.
Das Lucerne Festival lebt zu einem Großteil von Sponsorengeldern. Wird die Finanzmarktkrise, die die Schweiz ja sehr stark getroffen hat, Auswirkungen auf das Festival haben?
Da müssen wir natürlich abwarten, um dies beurteilen zu können. Mit unseren Sponsoren verbindet uns eine langjährige Zusammenarbeit sowie zum Teil mehrjährige Verträge, was uns eine gewisse Sicherheit gibt. Was der Kartenverkauf betrifft, können wir jetzt noch keine Prognosen stellen. Allerdings ist der Kartenverkauf eher ein Bereich, welcher die wirtschaftlichen Fluktuationen widerspiegelt.
Sie haben zusammen mit Pierre Boulez einen weiteren Aufführungssaal, die Salle modulable initiiert, in dem vor allem zeitgenössisches Musiktheater aufgeführt werden soll. Wie weit ist das Projekt?
Das Projekt befindet sich im Moment in einer sehr intensiven Phase. Es stellen sich Fragen wie beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Partnern aussehen könnte. Im Zentrum steht jetzt das Erstellen des Betriebskonzeptes für diesen neuen Raum für Musik.
Welche Ziele, welche Projekte möchten Sie in den kommenden Ausgaben des Festivals verwirklichen?
Für die kommenden Festivals wird wie immer auf die Programmierung fokussiert. Die optimale Integration der Salle Modulable - programmatisch und passend zu unserem Festival - ist mir ein wichtiges Ziel.
Die beiden flankierenden Festivals, das Klavier-Festival im Herbst und das Osterfestival haben bislang noch nicht die Ausstrahlung des Sommerfestival erreichen können. Wie wollen Sie deren Profil schärfen?
Das Pianofestival hat bereits ein sehr klares Profil und wird auch international wahrgenommen. Das Osterfestival hat das regionalste Publikum der drei Festivals. Aber auch hier arbeiten wir daran, das Interesse international zu steigern.
Interview: Robert Jungwirth
Weitere Informationen unter: www.lucernefestival.ch