
Am 5. April vor 100 Jahren wurde Herbert von Karajan als Heribert Ritter von Karajan in Salzburg geboren. Als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und Leiter der Salzburger Festspiele errang er Weltruhm.
Während er vielen als Pult-Autokrat erschien, war Karajan auf der anderen Seite doch auch ein großer Förderer des musikalischen Nachwuchses. Viele hochkarätige Dirigenten sind bei ihm in die Lehre gegangen, darunter der aus Lettland stammende Mariss Jansons, der derzeit das Symphonieorchester des BR und das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester leitet.
Im Gespräch erzählt Jansons von den Vorzügen und Besonderheiten seines Lehrers Herbert von Karajan.
Herr Jansons, Sie kommen aus einer Musikerfamilie - Ihr Vater, Arvid Jansons war Dirigent. Sie selbst haben mit Jewgenij Mrawinskij zusammengearbeitet und waren Assistent von Herbert von Karajan. Wer hat Sie als Musiker am meisten geprägt?
"Natürlich war mein Vater mein bester Lehrer. Ich habe oft seine Proben und seine Konzerte im Opernhaus von Riga besucht. Mein Vater war dort als Dirigent, meine Mutter als Sängerin tätig. Es war der Ort meiner Kinderspiele, denn sie hatten keinen Babysitter und brachten mich immer mit. Ich erlebte jeden Tag die Proben, die Vorstellungen - und kannte alle Ballette und Opern auswendig, konnte dann zu Hause danach tanzen und singen.
Ich hatte mir sogar ein Orchester aus verschiedenen Knöpfen zusammengestellt. Und wenn ich krank wurde und nicht in die Schule musste, dann war ich glücklich, im Bett zu liegen und mit meinem Orchester zu spielen. Ich habe mit meinem Knopforchester geprobt und konzertiert, ich habe Programmhefte geschrieben, wo ich mich selbst als künstlerischen Leiter der Philharmonie bezeichnete, ich habe Abonnementkonzerte organisiert - das war meine Welt!"
Dann ging ihr Vater nach Leningrad...
"Ja, und wir folgten ihm später. Das war eine ziemlich dramatische Veränderung in meinem Leben. Ich habe sehr schlecht Russisch gesprochen und auch die Mentalität war ganz anders. Aber ich bekam eine ausgezeichnete Musikausbildung an einer Spezialschule für begabte Kinder. Ich habe dort Geige studiert und später Bratsche. Das Konservatorium habe ich übrigens zuerst als Chordirigent absolviert. Erst danach habe ich das Orchesterdirigieren studiert. Und ein Jahr bevor ich fertig wurde - da kam Karajan mit seinem legendären Orchester nach Leningrad."
Wie haben sie Karajan kennen gelernt?
"Er hatte eine Meisterklasse in Leningrad gegeben. Wir waren 12 Leute. Ich dirigierte den ersten Satz der 2. Sinfonie von Johannes Brahms. Daraufhin lud mich Karajan nach Berlin ein, um bei ihm zu studieren. Ich war sehr stolz darüber. Aber es wurde nichts daraus, denn ich hätte ein Jahr im Ausland verbringen müssen und zu sowjetischen Zeiten durfte man nicht einfach so zum Studieren ins Ausland. Aber weil Karajan meinen Namen damals genannt hatte, war ich der erste Student, der ein Jahr später im Zuge des neugegründeten sowjetisch-österreichischen Austauschs nach Wien kam. Eine österreichische Ballerina fuhr nach Leningrad, in die Ballettschule Namens Waganowa, und ich an die Musikhochschule Wien. Das war 1969 - eine fantastische Zeit! Ich habe von meinen Professoren sehr viel gelernt - Hans Swarowski, Karl Österreicher. Und ich habe jeden Tag Konzerte besucht - ich hatte Angst, etwas zu versäumen. Die Billetteure kannten mich schon und wussten - da kommt wieder dieser wahnsinnige Russe."
Und Sie haben in Wien auch Kontakt zu Karajan aufgenommen?
"Natürlich! Kaum in Wien angekommen, griff ich zum Telefon und rief Karajan an. Und er hat mich sofort eingeladen, ihm während der Salzburger Oster- und Sommerfestspiele zu assistieren. So bin ich dann im Frühling 1970 zu Karajan nach Salzburg gekommen. Es gab die Osterfestspiele, dann Pfingstfestspiele, dann Sommerfestspiele. Und ich war mit ihm bei allen drei Festivals jeden Tag von 9 Uhr morgens bis 11 Uhr abends zusammen. Das war für mich wirklich ein Traum, eine wunderbare Zeit."
Wie war Karajan als Mensch? Woran denken Sie als erstes, wenn Sie sich an ihn erinnern?
"Karajan war einer der größten Dirigenten aller Zeiten und eine der größten Persönlichkeiten, die ich je getroffen habe. Er erschien mir immer wie ein großer Vogel mit weiten Schwingen. Wir waren unten auf der Erde, doch er überflog die Welt und betrachtete sie aus einer viel höheren Perspektive. Dieser Mensch hatte ein enormes Repertoire. Er dirigierte alles und er setzte unglaubliche Ideen in Salzburg um. Zudem war er ein fantastischer Opernregisseur.
Wenn er einen jungen begabten Musiker fand, dann unterstützte er ihn nach Kräften. Sein Gespür für musikalische Talente war untrüglich. Viele Musiker sind Karajan zu Dank verpflichtet - er hat ihnen die Möglichkeit gegeben, Karriere zu machen. Er besaß sehr viel Autorität."
A propos Autorität. Es ist bekannt, dass Karajan durch seine enorme Persönlichkeit Menschen auch ziemlich unterdrücken konnte...
"Ja, das stimmt. Aber das ist eben die Stärke einer großen Persönlichkeit, ihre besondere Ausstrahlung. Ich glaube, dass es nicht einmal Absicht war. So war er eben. Ich kannte noch so eine starke Persönlichkeit - Jewgenij Mrawinskij, den berühmten Leningrader Dirigenten. Ich habe selbst folgende Szene in Leningrad beobachten können: Richter, Ojstrach und Knuschewitskij standen vor Konzertbeginn zusammen und unterhielten sich lebhaft. Dann ging Mrawinskij vorbei. Er hat nichts getan, er hat nichts gesagt - er ging nur vorbei. Und diese drei Genies, diese Künstlerlegenden verstummten plötzlich und standen wie hypnotisiert da. Das war diese Magie, diese Aura seiner Willensstärke. So war es auch mit Karajan. Er sprach kein Wort zuviel. Er hatte nie Zeit, sein Tag war bis zur letzten Minute verplant. Er kam immer mit quietschenden Reifen an. Hat sofort alle Organisationshinweise gegeben, im Gehen wichtige Probleme gelöst - alles musste schnell gehen, ohne lange Diskussionen. Und wenn Karajan etwas gesagt hat, dann konnte man nur mit "Jawohl" antworten! (lacht)"
Auch zum Konzert kam er immer in letzter Minute. Und nach dem Konzert brachte ihm sein Sekretär Herr Papier den eleganten schwarzen Mantel direkt auf die Bühne. Karajan zog ihn an und war sofort weg. Er blieb nie nach dem Konzert hinter der Bühne. Ich war in Salzburg während der Konzerte ständig hinter der Bühne - und das war immer meine einzige Gelegenheit, mit ihm zu reden und meine Begeisterung von der Vorstellung zu äußern: auf dem Weg von der Bühne zu seinem roten Ferrari."
Gab es sonst noch Möglichkeiten zum Reden?
"Natürlich haben wir während der Proben oft miteinander gesprochen und über Musik diskutiert. Karajan hat fantastisch geprobt! Er hatte immer sehr genaue Klangvorstellungen. Er konnte zum Beispiel eine Gruppe von Bratschen oder ersten Geigen um einen einzigen Ton bitten. Und die haben diese eine Note gespielt - 20 bis 30 Sekunden. Karajan hörte zu, sagte "nein, nein, das klingt nicht so, bitte finden Sie den Klang, noch mal." Erst wenn er den Klang gut fand, dann sagte er "So! Und jetzt bitte diese Phrase genau mit diesem Klang spielen". Über den Klang hat er sehr viel nachgedacht, er war ihm außerordentlich wichtig. Und die Linie - er hat von seinen Musikern immer große Linien verlangt. Er sagte immer: "Musik braucht keine Taktstriche, sie muss fließen." Bei Pausen hat Karajan zum Beispiel nie leere Takte mit der Hand gezeigt."
Und wie haben dann die verschiedenen Orchestergruppen nach langen Pausen ihren Einsatz gefunden?
"Ja, das war nicht immer leicht. Ich erinnere mich, bei einer "Götterdämmerung" - Probe hat er wie üblich keine leeren Takte mitgezählt. Und der Timpanist, der zum ersten Mal mitspielte, hatte seinen Einsatz verpasst. Karajan brach ab und fragte wütend: "Was ist los? Sie müssen die Partitur kennen! Nehmen Sie die Partitur und schauen Sie, was an dieser Stelle alles passiert und wer da zu singen hat!". Und der Musiker nahm die Partitur und begann sie zu studieren."
Karajan und seine Orchestermusiker - war das ein schwieriges Verhältnis?
"Niemand wagte, ihm etwas zu sagen oder etwas zu kritisieren. Nein! Er bestimmte alles. Auch bei Solisten gab es keine Diskussion - was Karajan sagte, war richtig, Schluss. Vielleicht wäre er auch mit anderen Vorschlägen oder Ideen einverstanden gewesen, aber keiner wagte, ihm zu widersprechen. Obwohl - ein einziges Mal habe ich erlebt, dass auch Karajan angeschrieen wurde. Er probte mit dem Sänger Jon Vickers mehrmals eine Stelle aus "Otello" - immer wieder dieselbe Stelle, bis Vickers explodierte: "Lassen Sie mich jetzt endlich in Ruhe!" Und Karajan hat es geschluckt und hörte auf."
Wie hat sich diese starke Persönlichkeit Karajans in der Musik bemerkbar gemacht? Und wieviel darf sich Ihrer Meinung nach überhaupt vom Dirigenten in der Musik wiederspiegeln?
"Karajan strahlte eine enorme Energie aus, auch wenn er mit geschlossenen Augen dirigierte. Ein Dirigent muss Einfluss auf die Musiker ausüben, er muss das Orchester führen und es im positiven Sinn hypnotisieren. Mein Vater sagte immer, der Dirigent muss kommen und das Feuer anzünden. Wir zünden das Feuer an, bekommen etwas vom Orchester zurück und dann geben wir noch mehr. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der Dirigent muss ein Führer sein. Es sitzen vor ihm hundert Berufsmusiker. Wenn er keinen starken Willen hat, dann hat er keine Chance. Aber wie der Dirigent mit diesem Willen umgeht - das ist etwas anderes. Toskanini hat geschrieen und Taktstöcke zerbrochen. Aber es war eine andere Zeit. Heute wird kein Dirigent sich so etwas erlauben können.
Ich sage immer, man muss so sein, wie man ist. Auf keinen Fall ist Wichtigtuerei erlaubt, die Musiker fühlen das sofort und werden das nie akzeptieren. Dann sind Sie als Dirigent unten durch. Karajan war sehr natürlich. Er war immer ruhig und selbstbewusst, hat sich nie verstellt. Und bei den Konzerten, da war diese enorme künstlerische Ausstrahlung. Das hat mich immer fasziniert. Das kann man nicht lernen. das hat etwas damit zu tun, was wir Dirigiertalent nennen. Unser Beruf ist ja so undurchsichtig. Was macht ein Dirigent? Er produziert selbst keinen Klang, steht da und macht Bewegungen mit den Händen. Bei dem einem spielt das Orchester wunderbar und beim anderen nicht, was ist das Geheimnis? Genau das ist meiner Meinung nach das Talent. Ich habe in den dreißig Jahren meiner pädagogischen Tätigkeit viele Studenten gesehen. Und ich kann nach fünf Minuten sagen, ob der Junge Talent hat oder nicht. Auch wenn er die professionellen Bewegungen noch nicht drauf hat. Wenn er diese Energie besitzt, wenn er die Musiker mit seiner Ausstrahlung, seinen Händen und Augen überzeugen, inspirieren und führen kann, dann hat er dieses Dirigententalent. Das kann man nicht lernen. Alles andere kann man studieren, Bewegungen, Probentechnik. Aber das nicht. Es muss von Gott gegeben sein. Und das war das Enorme, Einzigartige, was Karajan hatte, diese enorme Kraft und hypnotische musikalische Ausstrahlung."
Interview: Julia Smilga