
Das Theater La Fenice in Venedig feiert in diesem Jahr den 300. Geburtstag des venezianischen Lustspielautors Carlo Goldoni. Aus diesem Anlass erhielten der Komponist Luca Mosca und der Librettist Gianluigi Melega den Auftrag für eine neue Oper. Die komische Opera in zwei Akten mit dem Titel "Signor Goldoni" wurde am 21. September am La Fenice in englischer Sprache uraufgeführt.
Franco Soda hat mit den Komponisten Luca Mosca über seine neue Oper befragt.
Soda:
Wie kam es zu dem Projekt "Signor Goldoni"?
Mosca: Um den 300sten Geburtstag Goldonis zu feiern, hat La Fenice eine neue internationale lyrische Produktion zeitgenössischer Musik vorgeschlagen. So erhielten der Librettisten Gianluigi Melega und ich den Auftrag für die Oper "Signor Goldoni". Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist eine äußerst komplexe Partitur, die eine große vokale und instrumentale Besetzung erfordert. Es war ein großes Glück für mich, die Sänger schon während des Komponierens kennenzulernen. So konnte ich die Eigenheiten der acht Gesangssolisten in allen ihren Nuancen ausnutzen.
Warum die Wahl eines Librettos in englischer Sprache für eine Oper eines italienischen Lustspielautors, noch dazu in Venedig?
Es gefällt mir sehr in einer Sprache zu schreiben, die nicht die meine ist. Abgesehen davon, dass Goldoni selbst viele seiner Opern auf französisch verfasst hat, interessieren mich grundsätzlich an einer Sprache vor allem der Klang und ihre Prosodie. Es würde mir gefallen, Opern zum Beispiel auf rumänisch zu schreiben, auf persisch, isländisch oder altgriechisch... Wie die Stimme hat auch jede Sprache ihre besondere Charakteristik und einen eigenen Klang. Der wiederum wirkt sich auf die Musik aus. Ich habe auch eine Kantate in Mittelhochdeutsch geschrieben, die fast nur aus einsilbigen Wörten besteht! Mir gefällt der Klang der kurzen Wörter mit einer oder zwei Silben.... Schon ein Wort wie "Regenbogen" deprimiert mich ein wenig, es ist zu lang... Das ist sicherlich eine meiner Schwächen, aber auch wieder charakteristisch für die Musik, die ich schreibe.
Was war die Inspirationsquelle für diese Oper?
In "Signor Goldoni" gibt es keinen direkten Bezug zu irgendeinem Werk Goldonis. Er ist der Protagonist der Oper und der Hauptmotor der theatralischen Entwicklung, die Melega frei erfunden hat. Ich würde sagen, dass seine ungewöhnliche zwischenmenschliche Beziehung zu zwei anderen Figuren der Oper, nämlich Othello und Giorgio Baffo, Inspirationsquelle ist für Situationen und drammatische Abläufe, die nicht unbedingt einem kontinuierlichen roten Faden folgen. Um diese Triade herum kreisen dann die keineswegs nebensächlichen Figuren Arlecchino, Despina, Mirandolina, Desdemona und Anzolo Rafael.
Die Oper spielt in der Gegenwart auf einem Maskenball in einem venezianischen Palast. Die Gruppe der Sänger besteht aus acht Solisten und Chor. Die Protagonisten sind sowohl reale als auch literarische Figuren.
Kann man heute noch eine Opera buffa schreiben?
Man könnte genauso gut fragen, ob man heute noch eine drammatische Oper schreiben kann. Wir leben in einer ausgesprochen blutrünstigen Zeit. Aber welche Epochen im Laufe der Geschichte waren das nicht? Es ist nicht so, dass es zu Zeiten des Aristofanes, des Menander und des Plautus weder Mord noch Gewalt gegeben hätte. Und auch zur Zeit Ragelais, Molières und Goldonis war das nicht anders. Zwischen den beiden schrecklichen Weltkriegen entstanden zwei absolute Meisterwerke des komischen Kinos: "Duck Soap" der Brüder Marx und "Der große Diktator" von Chaplin. Beide behandeln auf scherzhafte Weise ausgerechnet das Thema Krieg und den damit verbundenen Wahnsinn.
Was sind die musikalischen Merkmale dieser Komposition?
Ich vermeide beispielsweise die traditionellen opernhaften Begleitungen komplett. Meine Musik ist nie "Begleitung" oder bloße Stütze für die Stimme, wie es in der Operntradition üblich ist. Das Heilmittel dagegen ist für mich der Kontrapunkt. Meine Musik ist ausgesprochen kontrapunktisch, weshalb die Orchesterstimmen nie, oder fast nie, reine Begleitung sind. Sie sind den Gesangsstimmen ebenbürtig. Oft gibt es drei oder vier Linienführungen gleichzeitig. Sie sind alle gleich wichtig, wobei sie sich gegenseitig durchdringen und beeinflussen. Im Gegensatz zu meinen ersten Opern machen die Figuren hier eine Entwicklung durch. Ich habe versucht, sie musikalisch auf natürliche Art und Weise zu entwickeln, sie mit wahrhaften und individuellen Ansprüchen lebendig zu gestalten. Sie sind nicht ein für alle Mal festgelegt. Das ist natürlich nicht immer leicht, aber ich glaube, im Lauf meiner Arbeit mit dem Theater Fortschritte gemacht zu haben. Meine Geschichten sind weder linear noch beschreiben sie einen lückenlosen Handlungsbogen. Die Geschichte ist zwar nur ein Mittel für die Aufeinanderfolge dieser Situationen, aber sie ist doch wichtig, um die Figuren aufeinandertreffen zu lassen, sie miteinander in Beziehung zu bringen, um Spannung zu erzeugen und nicht zuletzt um einen Anreiz zu schaffen, darüber hinaus zu gehen - nicht nur für mich als Komponist, sondern auch für den Zuschauer.
Wenn Goldoni die Aufführung von "Signor Goldoni" miterleben könnte, was glauben Sie würde er denken?
Er würde sich hoffentlich sehr amüsieren!
Interview: Franco Soda (Übersetzung: Susanna Felix)
Weitere Vorstellungen am: 23., 25., 27. und 29. September 2007