Vor fünf Jahren gründete der Dirigent Kristjan Järvi das Baltic Youth Philharmonic - ein Orchester mit Musikstudenten aus den Anrainerstaaten der Ostsee. Mittlerweile hat sich das Orchester viel Ansehen erspielt - morgen am 11. August in es in Berlin zu hören. Außerdem wird Kurt Masur das Orchester zum Auftakt des Usedomer Musikfestivals dirigieren.
Im Interview mit KlassikInfo erzählt Kristjan Järvi über die Gründung, die Entwicklung und die Projekte des Orchesters.
KlassikInfo: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Baltic Youth Philharmonic zu gründen?
Järvi: Zu erst einmal ist es eine dieser Gegenden, die mehrere Identitäten hat. Das baltische Meer wird in vielen Ländern, Deutschland eingeschlossen, nicht baltisches Meer genannt. Es wird, wie Sie wissen, Ostsee genannt. In Estland beispielsweise, ist es die "Westsee". Es hängt von der geografischen Position ab, aber es wird tatsächlich auf allen Weltkarten als baltisches Meer bezeichnet. Es hat eine unglaubliche Vielfalt von Menschen, die an seinen Gewässern leben. Es verbindet Zentraleuropa mit Skandinavien und Osteuropa und war das Haupthandelsgewässer im hanseatischen Zeitalter. Wir wiederholen dies nun musikalisch, indem wir dieses Meer benutzen um diese drei unterschiedlichen europäischen Regionen und deren Menschen zusammenzubringen. Das Orchester verkörpert diese Verbindung kultureller Wurzeln, aber auch den Stolz unterschiedlich zu sein. Was das kulturelle Erbe angeht, sind Estländer keine Finnen, Schweden keine Norweger, Dänen keine Deutschen und Polen keine Russen. Wir alle haben unsere eigene kulturelle Identität, Sprache, Wurzeln, Traditionen, aber alle teilen wir eine gemeinsame geografische Lage.
KlassikInfo: Und das ist so wichtig, um ein Orchester zu gründen? Sie hätten ja auch als gemeinsamen Hintergrund die Europäische Union nehmen können.
Järvi: Die europäische Union hat bereits ein Orchester. Zudem bin ich der Meinung, dass sie dafür zu groß ist. Die europäische Union ist zwar regional, aber auch sehr international. Ich komme aus der baltischen Region, aus Tallinn in Estland und ich finde wir haben so eine unglaubliche Nähe und Nachbarschaft zu den anderen Ländern dort, wir sprechen ja nicht von einem riesigen Ozean, der uns trennt. Nachdem ich aus dieser Gegend stamme und nun so viel in Deutschland arbeite, habe ich einen starken Wunsch entwickelt, die Kulturen dieser Länder, welche eben nicht zu den bekanntesten zählen, einer Welt zu zeigen, die überwiegend deutsche, russische oder polnische Musik hört. Estland, Lettland, Schweden, Dänemark haben alle sehr viel zu bieten, und wir alle sind auf eine gewisse Weise musikalisch verbunden, weil wir sehr viele historische Aspekte miteinander teilen. Sie sehen das am Essen. Estländisches Essen beispielsweise, könnte man als teils deutsch, teils russisch und skandinavisch bezeichnen. Genau so verhält es sich mit der Musik, welche sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Ich denke, es war sehr wichtig ein Orchester zu gründen, das den Flair dieser Region verkörpert.
KlassikInfo: Also spielen Sie viel Musik aus dieser Region? Ist das ein wichtiger Aspekt für das Orchester?
Järvi: Ja, das ist auch der Grund dafür, dass wir dieser Musik ein ganzes Programm gewidmet haben. Es ist so etwas wie unserer Markenzeichen, es ändert sich zwar jedes Jahr etwas, aber das Konzept ist immer dasselbe, es heißt "Baltic Voyage" ("baltische Reise"). Es ist so, als ob man an einem baltischen Hafen beginnt, und zu einem anderen fährt, und dabei wirklich die ganzen Eindrücke und Kulturen der einzelnen Länder wahrnimmt. Das ist unsere Konzept, und als wir beispielsweise dieses Konzert vor ein paar Jahren in Berlin gaben, spielten wir Grieg, Strauss, Sibelius, Eduard Tubin, Glinka, Nielsen und sogar Hindemith.
KlassikInfo: Wie oft arbeiten Sie im Jahr mit diesem Orchester, wie viele Konzerte geben Sie?
Järvi: Es ist jedes Jahr mehr geworden. Diese, unsere fünfte Saison, war bisher die intensivste. Wir arbeiten im Augenblick an unserer zweiten Tournee. Unsere erste endete soeben im Mai, bei der wir eine Co-Produktion mit dem MDR Sinfonieorchester in Leipzig hatten und bei den Dresdner Musikfestspielen spielten. Danach gaben wir zwei unterschiedliche Konzerte in der Tonhalle Düsseldorf, eines davon gemeinsam mit dem Bundesjugendorchester. Zum Schluß haben wir für Angela Merkel und die Regierungschefs des Ostseeratsgipfels in Stralsund spielen dürfen. Jetzt bei unserer zweiten Tournee, spielen wir hauptsächlich in Skandinavien, in Kopenhagen, Göteburg und Stockholm aber als Auftakt geben wir ein Konzert in Berlin, wo wir wieder die "Baltic Voyage" ("baltische Reise") aufs Programm gesetzt haben, allerdings mit anderen Stücken als vor zwei Jahren und einer Uraufführung. Zudem wird Kurt Masur mit dem Baltic Youth Philharmonic das Usedomer Musikfestival in Peenemünde eröffnen. Zuvor probt er intensiv mit dem Orchester und wird einen Dirigenten Meisterkurs leiten. Ende November gehe ich dann erneut mit dem Orchester auf Tour: Wir gastieren in Mailand und Kassel.
KlassikInfo: Also arbeiten Sie das ganze Jahr über mit diesem Orchester?
Järvi: Wir spielen das ganze Jahr, versuchen uns aber auf die Zeiträume zu konzentrieren, in der die Studenten Freizeit haben.
KlassikInfo: Sie sind 40 Jahre alt. Normalerweise sind Dirigenten älter, wenn sie mit Jugendlichen oder Jugendorchestern arbeiten. Warum ist es für Sie wichtig und interessant für Sie mit jungen Menschen zu musizieren?
Järvi: Zunächst einmal bin ich nicht sicher ob Menschen, die sehr viel älter sind, auch in der Lage sind, sich auf eine jüngere Generation einzulassen. Eventuell können sie ihnen ihre Weisheit und Erfahrung mit auf den Weg geben, was ebenfalls sehr wichtig ist, aber ich bin der Meinung, dass man eine gewisse Nähe haben muss, um die Mentalität junger Menschen zu verstehen. Es gibt so viel Musik, die junge Leute anspricht, nicht nur klassische. Von Weltmusik zu R&B und Hip Hop, House, Jazz oder was auch immer. Elemente wie Phrasierung, Rhythmus und generelle Strukturen von Musik existieren in jeder klassischen Musik, aber sie sind wesentlich besser nachzuvollziehen, wenn man begreift, dass es dieselben auch in der Popmusik gibt. Alle Dinge unterliegen aufgrund von historischen und politischen Veränderungen einem ständigen Wandel. Beispielsweise ist die heutige Sprache in Deutschland nicht dieselbe wie vor 100 Jahren, ebenso in anderen Ländern. Wenn wir das in Bezug auf klassische Musik nicht beherzigen, und jungen Leuten keine modernere Herangehensweise an sie ermöglichen, hat sie keine Chance sich neu zu erfinden.
KlassikInfo: Geben Sie auch Komponisten Anregungen für dieses Orchester zu schreiben, vielleicht junge Komponisten mit neuartigen Ideen für klassische Musik?
Järvi: Wir haben gerade heute das Stück "Never Ignore the Cosmic Ocean" eines wunderbaren Komponisten geprobt. Sein Name ist Gediminas Gelgotas, er stammt aus Litauen und hat dieses Jahr ein Stück für uns geschrieben, das wirklich einzigartig und wundervoll ist. Wir werden dieses Stück am Samstag, den 11. August, in Berlin uraufführen.
KlassikInfo: Was macht das Stück besonders, warum finden Sie es interessant?
Järvi: Zunächst einmal verkörpert es theatralische Elemente und Dinge, die man normalerweise nicht mit klassischer Musik in Verbindung bringen würde, es enthält Rap.
KlassikInfo: Also gibt es neue Ideen für Neue Musik. Das ist offenbar wichtig für die Arbeit dieses Orchesters.
Järvi: Absolut, es ist aber auch wichtig für die Entwicklung der Orchestermusik generell.
KlassikInfo: Glauben Sie, Sie könnten so eine Musik auch mit dem MDR- Symphonieorchester spielen, wo Sie jetzt Chefdirigent sind?
Järvi: Auf jeden Fall. An dieser Stelle muss ich etwas loswerden, viele Orchester, nicht nur das MDR Sinfonieorchester, sind hungrig auf solche Projekte, weil sie auch gerne etwas Neues machen möchten. Sie wollen nicht immer wieder das alte Zeug wiederholen. Stellen Sie sich vor, sie würden die ganze Zeit dasselbe essen, das wäre doch verrückt.
KlassikInfo: Entscheiden Sie persönlich, wer beim Baltic Youth Philharmonic mitmachen darf und wie lange er oder sie bleibt?
Järvi: Das wird im Laufe eines Vorspielprozess entschieden, bei dem sehr viele Menschen teilnehmen. Jeden Winter finden Probespiele statt. Aber selbst wenn man schon teilgenommen hat, muss man sich jedes Jahr erneut bewerben.
KlassikInfo: Wie lange bleiben die Musiker dann letztendlich?
Järvi: Zunächst ein Jahr, dann können sie sich erneut bewerben. Normalerweise werden jedes Jahr 50% ausgetauscht. Das Niveau wird also extrem hoch gehalten.
KlassikInfo: Was ist ihr Ziel, das Sie mit diesem Orchester erreichen wollen?
Järvi: Das Orchester entstand durch die sehr großzügige Unterstützung der Firma Nord Stream. Sie finanzierten uns und warben für andere Sponsoren, so sind noch viele weitere hinzugekommen. Die Zahl der Sponsoren wächst, aber dennoch brauchte es ein großes Maß an Selbstvertrauen, so ein Orchester zu gründen, besonders weil man nicht wusste, wie es am Ende sein würde. Jetzt, wo es so ein Erfolg geworden ist, sind die Menschen daran interessiert zu beobachten, wie es sich weiterentwickelt und wächst. Was ich mir wünsche ist, dass dieses Orchester ein Grundpfeiler im baltischen Musikerziehungssystem wird, wo es außerdem noch ein Orchester aus Alumni geben wird, sagen wir als ein Baltic Philharmonic Orchestra und auch ein Vorbereitungsorchester, das für Jüngere, für Kinder gedacht ist.
KlassikInfo: Sie würden also gerne das Projekt weiter ausbauen?
Järvi: Ganz genau. In jedem Fall kann man sagen, dass wir sehr viel Glück hatten, denn im Augenblick steigt die Eigendynamik stetig, worüber ich sehr froh bin. Unsere Sponsoren verstehen ebenfalls, dass das Projekt sehr viele positive soziale Aspekte mit sich bringt. Wir arbeiten wirklich daran, das Leben vieler Menschen zu inspirieren und zu verändern.
Interview: Robert Jungwirth
www.baltic-youth-philharmonic.org