Wir haben noch nie soviel verdient wie in den vergangenen Jahren

Klaus Heymann Foto: Naxos

Vor 25 Jahren gründete der aus Frankfurt stammende Klaus Heymann die Plattenfirma Naxos - in Hongkong, wo er seit 1967 lebt. Sein Konzept: Jede CD soll eine Neuproduktion sein und nicht über 10 DM kosten. Die Idee war ebenso simpel wie erfolgreich - und machte Naxos zum weltweit erfolgreichen Label mit mittlerweile 19 Grammys.
Doch Heymann hatte noch andere Ideen. Mit der Gründung der Naxos Music Library setzte er zusätzlich aufs Internet als Verbreitungsmedium für klassische Musik. Und mit seinem weltweiten Vertriebsnetz ist Naxos auch sehr erfolgreich als Vertriebs- und Marketingdienstleister für andere, kleinere Labels. In die Lamenti derer, die schwindende Umsätze beklagen, kann Heymann nicht mit einstimmen. Naxos verdient prächtig.
Im KlassikInfo-Interview erzählt Heymann, wie er die Zukunft des Klassikmarktes sieht und warum auch in China nicht alles besser ist.

KlassikInfo: Naxos hat als Billigpreis-Label begonnen, dann aber auch mit programmatischen Ideen überzeugt. So gibt es zahlreiche Weltersteinspielungen bei Naxos. Auf welche Einspielungen sind Sie persönlich besonders stolz?

Heymann: Unseren Bruckner-Zyklus mit Georg Tintner, den finde ich tatsächlich den überzeugendsten auf dem Markt. Oder die "Songs of Innossence and of Experience" von William Bolcom mit dem Michigan University Orchester unter Leonard Slatkin und einem erlesenen Solistenaufgebot. Diese Aufnahme bekam drei Grammys, das waren die ersten Grammys, die wir mit dem Label bekommen haben. Diese zwei fallen mir spontan ein, Bruckner auch, weil ich ein großer Bruckner-Fan bin.

KlassikInfo: Mit der Naxos-Music-Library haben Sie sehr früh die Chancen einer digitalen Musik-Bibliothek erkannt und angeboten. Wie stark wird dieser Dienst genutzt, in welchen Ländern besonders und wie ist die Nutzung in Deutschland?

Heymann: Das ist unser am schnellsten wachsendes Geschäft. Die größten Märkte sind Nordamerika, England, Japan, Korea, Taiwan, Hongkong und Spanien. In Deutschland hat es relativ spät angefangen, weil wir uns anfangs auch nicht so sehr darum bemüht haben, Abonnements zu verkaufen, aber das hat sich geändert, Deutschland wächst jetzt auch langsam. In Deutschland war man ja auch mit dem Internet viele Jahre hinterher. Das digitale Geschäft ist hier noch immer relativ klein, in allen Sparten, nicht nur bei unserem Abonnement-Service.

KlassikInfo: Woran liegt es, dass Deutschland so rückschrittlich ist?

Heymann: Ich kann es auch nicht wirklich erklären. Vielleicht, weil vor ein paar Jahren hier das Internet noch ziemlich langsam war, das hat sich schon ausgewirkt, wenn man so einen Dienst wie unseren in Anspruch nimmt. Und vielleicht wollen die Leute die Musik immer noch physisch besitzen. In Deutschland ist das physische Geschäft auch noch ganz ordentlich.

KlassikInfo: Gerade im Klassikbereich hat man vielleicht auch gerne Informationen aus einem Booklet, die Sie ja aber auch in Ihrer Library anbieten...


Heymann:
Ja, die Inhalte sind da. Die Library ist nicht nur eine klassische Jukebox, mit der man sich anhören kann, was man will und so oft man will, sondern sie ist auch eine enorme Datenbank. Wir haben ca. 20.000 Komponisten-Biographien und ca. 30.000 Künstler-Biographien dazu Noten und Verleger-informationen. Sie ist im Bereich der klassischen Musik die vielleicht die umfangreichste Datenbank, die es gibt. Wir haben allein 24 Musikwissenschaftler, die daran mitarbeiten. Das alles hat ein enormes Geld gekostet, aber es ist von all unseren Geschäften das am schnellsten wachsende und das zukunftssicherste.

KlassikInfo: Wie lange, glauben Sie, wird es die CD noch geben und wann werden sich Downloads bzw. Aboservices im Klassikbereich durchgesetzt haben?


Heymann: Also ich glaube, wir werden in den kommenden fünf Jahren auf alle Fälle noch physische Produkte wie CDs, DVDs, Blu-ray haben. Downloads werden nicht das große Geschäft sein, die sind letztes Jahr nur zwischen 5-10% gewachsen. Letztlich werden Abonnementservices wie Spotify, die Naxos-Library und andere Dienste mindestens 50% Marktteil ausmachen. Downloads werden in den nächsten drei bis fünf Jahren bei 25 bis 30% liegen und die physischen Tonträger vielleicht bei 15 bis 20%, wenn ich mal in meine Kristallkugel reingucke.

KlassikInfo: Welche Zukunft sehen Sie für die Labels. Die Majors jedenfalls scheinen sich nur mehr mit der Produktion und Vermarktung von Stars und Sternchen und der Neuauflage von Archivaufnahmen zu beschäftigen...

Heymann: Das ist eigentlich schon seit den 90er Jahren so, das ist keine neue Entwicklung, es hat sich in den letzten paar Jahren vielleicht noch etwas verstärkt. Seit es die drei Tenöre gab mit diesen riesigen Umsatzzahlen hat man ständig versucht, nochmal drei Tenöre zu erfinden. Das, was man vorher gemacht hat, Künstler zu entwickeln, Repertoire aufzubauen, das hat man schon seit den 90er Jahren nicht mehr gemacht. Das gab es dafür bei den unabhängigen Labels wie bei uns oder bei Hyperion oder bei Chandos.
Die Zukunft, das ist uns allen klar, liegt für die ganze Branche im Internet. Das Problem ist allerdings, dass man mit einzelnen Titeln im Internet noch keine großen Umsätze erzielen kann. Es hängt also davon ab, wie viele Titel man im Katalog hat. Und da haben es Labels mit bis zu 1500 Titel - das ist für mich die Schmerzgrenze - sehr schwer zu üerleben. Im Durchschnitt verdient man an einem Titel im Internet 200 bis 300 Dollar im Jahr. Wenn man dann nur 200 Titel hat, sind das 40.000 bis 60.000 Dollar im Jahr, damit kann kein Label heutzutage produzieren und seine Kosten decken. Aber wenn man 10.000 Titel hat, dann kann man das wunderbar.

KlassikInfo: Das heißt, für kleinere Labels wird es schwer im Internetzeitalter?

Heymann: ...oder sie finden bei uns Unterschlupf. Ondine ist schon vor ein paar Jahren zu uns gekommen, jetzt ist Timpani dazugestoßen. Und wir sind gerade in Verhandlung mit drei weiteren Labels, die es auch nicht mehr allein schaffen. Wir werden die Labels mit den derzeitigen künstlerischen Leitern am Leben erhalten, alles andere machen wir dann. Den sonst rechnet es sich nicht mehr bei den derzeitigen digitalen Umsätzen und den leider schrumpfenden physischen Umsätzen.

KlassikInfo: Der Kanon der der abendländischen Musikkultur ist vermutlich zu 99% auf Platte bzw. CD gepresst, die wichtigsten Werke gibt es in unzähligen Versionen bzw. Interpretationen. Mit welchen programmatischen Ideen können Labels heute noch punkten?

Heymann: Naja, das stimmt ja nicht, dass der Kanon schon ausgelutscht ist. Wenn man sich die Geschichte der Musik anguckt, Verleger-Kataloge und das alles, dann kommt man zu der Erkenntnis, dass seit dem Mittelalter mindestens 2 Millionen Stunden Musik komponiert worden sind, vielleicht sogar mehr. Bisjetzt wurden etwa 100.000 Stunden Musik aufgenommen. Also sind noch 1,9 Millionen Stunden aufzunehmen. Es gibt ja noch nicht mal die ganzen Werke von Carl Philipp Emanuel Bach oder alle Telemann-Suiten. Also selbst bei namhaften Komponisten ist noch viel Arbeit zu leisten. Es gibt Komponisten, von denen Sie noch nie etwas gehört haben, die haben 1000 Opusnummern geschrieben. Da gibt es noch viel zu entdecken und auch gute Musik. Ob man dabei viel große Musik entdeckt, weiß ich nicht.
Wir nehmen uns gerade die Italiener vom Ende des 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts vor, Martucci, Cassella, Castelnouvo-Tedesco - da ist viel gute Musik dabei. Wolf-Ferrari gibt es auch noch nicht komplett. Es gibt nicht mal alle Rossini-Opern komplett. Also, da gibt es noch viel zu tun.

KlassikInfo: Nochmal etwas allgemeiner gefragt. Wie sehen Sie die Zukunft der klassischen Musik generell, die Zukunft des Konzertbetriebs, der Oper. Sie selbst leben seit langer Zeit in Hongkong, vielleicht können Sie auch etwas zur Situation in China sagen?

Heymann: Ich bin sicher, dass das Interesse zunehmen wird, weil durch das Internet sehr viel mehr junge Leute Zugang zur Klassik finden. Denken Sie nur daran, wie viele Videospiele klassische Soundtracks haben, nicht mit originaler klassischer Musik, aber mit einem großen klassischen Orchester. Viele junge Leute, die noch nie in einem Konzert waren, die noch nie Beethoven, Bruckner oder Mahler gehört haben, hören sich Soundtracks mit Sinfonieorchester an. In der Filmmusik wird sehr viel aus der klassischen Musik verwendet. Also, ich bin sicher, dass heute viel mehr Leute Zugang zur Klassik haben als früher. Ob sie auch in Konzertsäle gehen, das hängt davon ab, was ihnen dort geboten wird. Da sehe ich die Krise, da müssen sich die Orchester und die Opernhäuser etwas einfallen lassen. Nur ihre Opernproduktionen darbieten reicht nicht, sondern sie müssen etwas darüber hinaus anbieten. Heute kann jeder im nächsten Kino die Metropolitan Opera angucken. Damit er dann in die städtische Oper Duisburg oder Mannheim geht, müssen sie schon mehr machen. Sie müssen ein Event daraus machen, eine Community bilden mit Getränken nach der Vorstellung, einem Zusammentreffen mit den Sägern, dem Dirigenten usw. Es muss sicher mehr gemacht werden, damit die Leute ihre Wohnungen verlassen, ins Auto steigen und ins Konzert oder in die Oper fahren.
Aber was Produktionen angeht, ich habe gestern mit einem Chef eines großen DVD-Labels gesprochen, der sagt, es werden einem immer mehr Produktionen angeboten. Und vieles kann man gar nicht mehr auf DVD veröffentlichen, das wird gleich ins Netz gestellt.
Also, es wird enorm viel produziert, und ich bin insgesamt sehr optimistisch, weil es gerade für Labels wie unseres viele neue Einnahmequellen gibt, gerade in den Vereinigten Staaten. Wir haben noch nie soviel Geld verdient wie in den letzten zwei, drei Jahren.

KlassikInfo: Das ist interessant zu hören. Denn hier in Deutschland gibt es immer wieder Stimmen, die klagen, dass das Interesse an klassischer Musik nachlässt, dass die Konzertbesucher wegsterben und man deshalb getrost Gelder streichen und Theater und Orchester schließen kann. Da ist es doch interessant von einem rein privatwirtschaftlich agierenden Unternehmer zu hören, dass es sehr wohl einen Markt für die Klassik gibt.

Heymann: Natürlich wird das Publikum in den Konzertsälen älter. Weil sie den jungen Leuten nichts bieten, kommen auch nicht so viele junge. Heute hat mir einer unserer Dirigenten geschrieben, dass das Bornemouth Symphony Orchestra in einer Disco aufgetreten ist. Nun, das muss man vielleicht nicht unbedingt nachahmen, aber es wird in anderen Ländern zum Teil schon versucht, etwas Neues zu machen. Da scheint in Deutschland der Antrieb nicht so groß zu sein, weil halt der Steuerzahler alles bezahlt. Während in England und Amerika die Orchester sehen müssen, wo das Geld herkommt. Deshalb sind sie in dieser Hinsicht kreativer. Auf der anderen Seite denke ich - dafür werde ich jetzt wahrscheinlich angegriffen werden - wird gerade in der Oper immer noch sehr aufwendig und teuer produziert. Das könnte man günstiger machen, finde ich. Auch die enormen Gagen sind natürlich ein Thema über das man diskutieren kann.
Es gibt für die Aufführung klassischer Musik eigentlich keinen Markt. Vielleicht gibt es für einen Klavierabend einen Markt. Die Kosten dafür sind relativ überschaubar. Wenn dann 1500 Leute angelockt werden, dann ist das ein Geschäft. Aber wenn ein ganzes Symphonieorchester spielt, das vielleicht 20 Millionen Euro im Jahr kostet, dann ist das kein Geschäft. Das muss von jemanden subventioniert werden, darüber muss man sich im Klaren sein.
Und um noch auf China einzugehen, es gibt in China natürlich einen riesigen Markt, aber es existiert noch kein normaler Konzertbetrieb, der sich selbst trägt. Aber es gibt ca. 30 Millionen Kinderchen, die Klavier lernen und mehr als 12 Millionen, die Geige lernen. Die produzieren natürlich einen enormen Pool an Talenten.

KlassikInfo: ..und an Interesse...

Heymann: Das ist die große Frage. Ich bin ja mit einer Geigerin verheiratet und sie hat mit ihren Assistenten zusammen etwa 250 Schüler. Die gehen aber leider nicht ins Konzert. Die gehen zu ihrer Geigenstunde. Pappi und Mutti haben gesagt, das muss ich jetzt lernen und ich lerne das auch fleißig, aber die Eltern und die Kinder gehen nicht ins Konzert, mit wenigen Ausnahmen. Das ist ein Riesenproblem auch in China: Wie kann man die Leute dazu motivieren, nicht nur zum Unterricht zu gehen und zu üben, sondern sich auch wirklich für die Musik zu interessieren. Es liegt natürlich auch an den Lehrern, die den Kindern nicht nur das Mechanische der Musik beibringen sollen, sondern sie müssen die Musik fühlen. Das ist das größte Potential für die klassische Musik auch im Westen.

Robert Jungwirth

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