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Ein Gespräch mit dem amerikanischen Bassbariton Joel Frederiksen, der in München lebt, hier alte Musik macht und soeben seine erste CD auf harmonia mundi herausgebracht hat.
Von Laszlo Molnar
München hat ja nicht gerade einen herausragenden Namen für Alte Musik. Trotzdem hat der amerikanische Bassbariton Joel Frederiksen 1999 seiner Heimat, wo gerade in der Alten Musik erfolgreich war, den Rücken gekehrt und sich in der Bayernmetropole niedergelassen. Der großgewachsene Mittvierziger war in den USA Mitglied solch renommierter Ensembles wie dem Waverly Consort und der Boston Camerata, mithin dem "Urgestein" der US-amerikanischen Alte-Musik-Szene. Aber in Europa warteten nicht weniger prestigereiche Aufgaben auf ihn. Unter anderem ist er festes Mitglied des in Belgien beheimateten "Huelgas Ensembles", einem der weltweit führenden Vokalensembles für die Musik zwischen Mittelalter und Frühbarock. Deshalb lebt er gerne in München: "München ist schön und man kann von hier aus alle Orte in Europa gut erreichen", sagt Frederiksen im Gespräch mit Klassikinfo aus Anlass des Erscheinens seiner ersten CD bei "harmonia mundi" [zur Rezension der CD] und der Präsentation seiner Konzertreihe im Bayerischen Nationalmuseum. Bei diesen Projekten dabei ist auch sein eigenes Ensemble, das "Ensemble Phoenix Munich", das - natürlich - auf die Interpretation alter Musik eingeschworen ist. Dass "harmonia mundi" ihn gleich gemeinsam mit seiner Münchner Mitmusikern engagiert hat, erfüllt Frederiksen mit besonderem Stolz. Ist er doch nun Kollege von solchen Stars wie René Jacobs, Philippe Herreweghe oder dem Freiburger Barockorchester.
Herr Frederiksen, sie kamen 1999 nach München und leben seither hier. Haben Sie da auch sogleich ihr "Ensemble Phoenix" gegründet?
Nein, nicht gleich. Das Ensemble habe ich 2003 gegründet. Bis dahin hatte ich noch viel mit Ensembles in New York zu tun und der Boston Camerata und hatte mit ihnen eine Konzertreihe mitten in Manhattan. Bevor ich nach München kam, habe ich 15 Jahre in New York gelebt.
Wie kam es dann zur Gründung des Ensemble Phoenix?
Ich hatte schon vorher eine CD mit diesem Ensemble selbst produziert, "Orpheus I am", die ist auf einem eigenen Label erschienen. Ich wollte mit diesen Musikern weiter arbeiten und auch diesen Namen, Ensemble Phoenix Munich, etablieren. Ich mache selbst ja etwas besonderes, ich singe und spiele selbst die Laute dazu. Das ist nicht alltäglich und ich bekomme nicht täglich ein Angebot, in dieser Funktion aufzutreten. Ich bin zwar hauptberuflich Sänger und singe in verschiedenen Ensembles wie dem "Huelgas Ensemble". Aber ich möchte auch meine eigenen Möglichkeiten und Ideen verwirklichen und das kann ich mit einem eigenen Ensemble.
Was für weitere Ziele gibt es mit dem Ensemble Phoenix?
Mein Ensemble soll sehr flexibel sein. Ich habe eine Gruppe von Leuten, die ich immer wieder frage mitzumachen. Mit diesen möchte ich weiter arbeiten. Mit der CD bei harmonia mundi ist ein Traum für mich in Erfüllung gegangen. Es gibt schon ein neues Projekt mit italienischen Liedern des Frühbarock für Bass und Begleitung. Die CD wird "O felice morire" heißen, "o seliges Sterben" also. Der Titel kommt von einem Lied von Kapsberger. Darauf wird es Stücke von Monteverdi, Caccini, Falconieri und anderen italienischen Komponisten dieser Epoche geben. Da habe ich einige Freiheit zu tun was ich möchte. Meine Spezialität ist die Renaissance und der Frühbarock und das bleibt auch mein Hauptinteresse. Und die Volksmusik der USA.
Diem aktuelle CD heißt "The Elfin Knight", ist Anfang September erschienen und nun im Handel erhältlich. Was für Musik enthält sie? Und was bedeutet der Titel?
Die CD enthält Balladen und Tänze aus dem England der Renaissance. Dieses Programm werden wir übrigens auch in der Konzertreihe hier im Bayerischen Nationalmuseum spielen. Der Titel bedeutet etwa so viel wie "Der Elfenritter". Er stammt von einer schottischen Ballade aus dem 17. Jahrhundert. In dieser Ballade geht es um drei Aufgaben, die der Ritter der Jungfrau stellt, damit sie ihn bekommen kann. Aber diese Aufgaben sind unmöglich und die Jungfrau rächt sich mit drei ebenfalls unlösbaren Aufgaben. Wir kennen die Ballade als "Scarborough Faire", unsere Generation in der Fassung von "Simon and Garfunkel". Ich habe aber eine ganz andere Melodie gefunden und habe die für ein Arrangement benutzt. Auch das erste Lied der CD heißt "The Elfin Knight", das ist das gleiche Thema nur auf eine ganz andere Melodie. "The Elfin Knight" ist also der Übertitel und er stammt von einem Sammler aus Boston. Wir können das als angelsächsische Volksmusik betrachten; damit habe ich mich intensiv beschäftigt. Sie kam mit den englischen und schottischen Einwanderern nach Amerika und wurde dort zwei Jahrhunderte lang mündlich überliefert. Schriftliche Sammlungen entstanden, weil die Furcht aufkam, dieses alte Volksliedgut zu verlieren. Das Thema der Balladen sind Liebesgedichte als auch einfach Geschichten, "News".
Sie treten auf der CD und auch in ihren Konzerten nicht nur als Sänger, sondern auch als Lautenist auf. Das war früher sicher nicht unüblich, heute ist es aber eher die Ausnahme. Wie kam denn zum Singen die Laute dazu?
Ich habe mit der Laute recht spät angefangen. Aber Gitarre konnte ich spielen und hatte da vieles vom Lautenrepertoire schon gespielt. Als ich dann in Washington D.C. mein erstes Lautenkonzert gehört hatte, da war mir klar, dass ich das einfach lernen musste. Dieser Klang hat mich vollkommen fasziniert, so anders als die Gitarre. Es war für mich etwas wie die Büchse der Pandora - ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Und da dachte ich mir, es wäre eine gute Idee, ein sehr guter Continuo-Spieler zu werden und habe einen Master in Alter Musik gemacht.
Und was ist mit der Stimme geschehen?
Naja, ich habe einen ziemlich großen Stimmumfang. Auf meiner Website nenne ich mich "Coloratura basso profondo". Das passt auch zu dem Repertoire, das mich besonders anzieht, die Musik des Frühbarock und Barock, Musik mit einem wahnsinnigen Stimmumfang. Ich singe immer wieder ein Lied, das geht vom hohen f bis zum tiefen d. Aber im Grunde habe ich einen sehr tiefen Bass, mir liegen auch Rollen wie Sarastro oder der Osmin. Ich finde es auch sehr wichtig, mit anderen zusammen singen zu können. Wenn ich mit dem Huelgas-Ensemble singe, dann muss ich mit dem Klang der anderen Sänger verschmelzen. Da gibt es kein ego mehr. Da tritt keiner mehr als Individualist hervor. Gemeinsam singen wir so perfekt, wir singen mitteltönig und die Akkorde sind perfekt in dieser komplizierten Musik - das bringt mich immer zurück zu meinen Wurzeln.
Wie lief Ihre Ausbildung zum Sänger ab?
Ich habe ein normales klassisches Musikstudium gemacht, ich habe als Hauptfach Gesang studiert, in Minnesota, wo auch die Chormusik eine große Rolle gespielt hat.
Was hat sie dazu gebracht, nach Deutschland zu kommen?
Wie so oft ? eine Beziehung. Und dann ist München daraus geworden. Im Grunde war es aber die Oper, die mich nach Europa gebracht hat, als ich im Sommer 1998 bei "Mahagonny" bei den Salzburger Festspielen mitgewirkt habe. Diese Opernerfahrung war für mich schon sehr wichtig, danach habe ich hier in Europa in einigen Opernproduktionen mitgemacht. Und ich habe gemerkt, dass das musikalische Umfeld hier für mich viel spannender ist als zu Hause in den USA. Ein Jahr habe ich ja noch beim Waverly Consort mitgemacht. Da hatte ich sogar eine richtige feste Anstellung mit Krankenversicherung und Sozialabgaben.
Sie haben erwähnt, dass einige Arrangements auf der CD von Ihnen stammen. Nach welchen Kriterien machen Sie diese?
Zu jedem der Lieder habe ich zuerst einen Bass geschrieben und dann haben wir nach den Continuo-Akkorden die Stimmen verteilt. Manchmal ist das aber etwas freier geraten, nicht wirklich Renaissance. Manchmal habe ich nur eine Transkription gemacht, etwa von einem Lautensolo von John Dowland, dass ich für Gambe und eine Begleitung eingerichtet habe.
Haben Sie schon mit anderen Musikern in München gearbeitet?
Ja, obwohl München nicht gerade ein Zentrum der Alten Musik ist. Im Nationalmuseum habe ich schon einmal mit Martin Zöbeley gesungen. Für Musiker, die Alte Musik machen, scheint es mir schwer zu sein, an öffentliche Mittel zu kommen. Es sieht so aus, dass jeder um Anerkennung und Unterstützung kämpfen muss. Nun bin ich sehr froh, dass ich hier im Bayerischen Nationalmuseum einen Raum habe, der für meine Musik und meine Musiker bestens geeignet ist. Und dabei will ich jetzt auch bleiben, denn das habe ich über Jahrzehnte aufgebaut.