Cleopatra ist die erste emanzipierte Frau

Cecilia Bartoli Foto: Alberto Venzago

Erstmals zeichnet in diesem Jahr Cecilia Bartoli für das Programm der Salzburger Pfingstfestspiele verantwortlich. Hauptwerk ist Händels "Giulio Cesare", in dem sie die weibliche Hauptrolle singt: Cleopatra. Über ihre neue Aufgabe als Festivalintendantin sprach Kirsten Liese mit Cecilia Bartoli.

KlassikInfo: Frau Bartoli, in der Nachfolge von Riccardo Muti haben Sie die Leitung der Salzburger Pfingstfestspiele ab 2012 übernommen. Die Festspiele gewinnen damit einen großen Namen, welche Chancen verbinden sich damit für Sie?

Bartoli: Ich bin gewohnt, projektbezogen zu arbeiten, seit 20 Jahren mache ich das und es liegt mir auch sehr. Entsprechend habe ich auch in den vergangenen Jahren meine Konzertprogramme und CD-Einspielungen thematisch ausgerichtet ("Sospiri", "Sacrifium") oder ausgewählten Persönlichkeiten gewidmet, zum Beispiel  Maria Malimbran oder Antonio Vivaldi. In Salzburg habe ich nun auch Gelegenheit, Programme für andere Kollegen zu machen. Das ist eine neue große Herausforderung.

KlassikInfo: Riccardo Muti, der die Salzburger Pfingstfestspiele in den vergangenen fünf Jahren leitete, konzentrierte sich ganz auf die neapolitanische Oper. Sie bewegen sich nun bei Ihren ersten Festspielen nach Ägypten, es dreht sich alles um die Figur der Cleopatra. Was gab den Ausschlag für diese Wahl?

Bartoli: Als erste Frau, die die Festspiele leitet, wollte ich auch eine starke Frauenpersönlichkeit ins Zentrum des Programms rücken. Meines Erachtens ist Cleopatra die geheimnisvollste, faszinierendste Frau der Geschichte. Jeder wurde von ihr beeinflusst, jeder träumte davon, sie zu treffen. Cleopatra hat viele Künstler inspiriert. Neben Händels Musikdrama gibt es eine Fülle von vergessenen, kaum bekannten oder selten gespielte Kompositionen, die wir bei der Gelegenheit vorstellen können. Was "Giulio Cesare" von Händel betrifft, so ist es eine seiner besten und populärsten Opern und wurde gleichwohl noch nie zuvor in Salzburg aufgeführt. Es wird also höchste Zeit!

KlassikInfo: Was fasziniert Sie persönlich an der Cleopatra?

Bartoli: Mich faszinieren die vielen Facetten dieser Herrscherin: Sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern, eine Tragödin, eine Virtuosin, eine Verführerin, eine Liebende, auch eine große Strategin, die für jede Situation einen entsprechenden Schachzug bereithält. Sie beherrscht die Kunst der Verstellung, verliebt sich aber auch ernsthaft, was auch nicht ganz unerheblich ist. Außerdem ist Cleopatra eine sehr gebildete Frau, die mehrere Sprachen beherrscht, also im Grunde ist sie die erste emanzipierte Frau.

KlassikInfo: Händels "Giulio Cesare" erhält mit zwei Aufführungen an Pfingsten zwar das größte Gewicht, aber darüber hinaus bringen Sie auch zahlreiche andere dramatische Werke zur Aufführung, die Cleopatra ein Denkmal setzen. In welcher Hinsicht unterscheiden sie sich am auffälligsten?

Bartoli: All diese Werke betonen unterschiedliche Qualitäten Cleopatras: Die barocken Komponisten stellen ihre Raffinesse und Virtuosität heraus. Berlioz fokussiert in seiner Kantate auf die Tragödin, - Massenet auf ihre Feinfühligkeit.
Im Abschlusskonzert kommen dann französische und russische Komponisten zu ihrem Recht, - von der Grand Opéra bis zur Gegenwart, darunter auch ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele an Rodion Schtschedrin. Ich bin sehr gespannt auf seine "dramatische Szene für Sopran" und stolz, dass ich als Interpretin dafür Anna Netrebko gewinnen konnte.

KlassikInfo: Welchen Stellenwert haben Inszenierungen für Sie? Oft hat man das Gefühl, dass ihnen fast mehr Bedeutung beigemessen wird als den Stücken selbst.

Bartoli: Die Musik muss der Dichtung dienen und die Dichtung der Musik. Diese Weisheit stammt nicht von mir, sondern von Gluck, und das betrifft auch die szenische Gestaltung. Alle Komponenten sind gleichermaßen wichtig und müssen harmonieren. Befinden sich diese Elemente in der richtigen Balance, geht von der Oper etwas Magisches aus. Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe grundsätzlich nichts gegen moderne Inszenierungen, sie können sehr schön und interessant sein. Nur ist es fatal, wenn es zwischen dem Geschehen auf der Bühne und der Musik keinen Bezug gibt.

KlassikInfo: Diese Balance aber gelingt oftmals nicht. Viele musikalisch bemerkenswerte Produktionen kranken an einer dürftigen Inszenierung. Offenbar, ist es nicht einfach, einen Regisseur mit gutem Geschmack oder Talent zu finden. Wie haben Sie das geeignete Team für den "Giulio Cesare" rekrutiert?

Bartoli: Ich habe mit Moshe Leiser und Patrice Caurier schon andere Projekte realisiert, wir kennen uns gut! Sie sind wunderbare, sensible Regisseure und verstehen viel von Oper. Beide lieben Musik, lassen sich von ihr inspirieren und bemühen sich, sie über das Libretto und ihre szenische Gestaltung prächtig erstrahlen zu lassen. Das ist eine ideale Voraussetzung!

KlassikInfo: Den Abschluss  bildet eine kulinarische "Ägyptische Nacht" mit einem Festessen. Mögen Sie die orientalische Küche?

Bartoli: Ich fange gerade an, sie zu entdecken. Ich mag ganz generell abwechslungsreich gewürzte Speisen mit unterschiedlichen Aromen, ganz besonders japanisches Essen...

KlassikInfo:
Sie liebäugeln aber noch nicht mit der "Madama Butterfly" für eines Ihrer nächsten Projekte?

Bartoli (lacht): Nein, aber man kann ja nie wissen. Meine Planungen für die Festspiele 2013 sind noch nicht abgeschlossen, es ist noch zu früh, darüber schon etwas zu verraten.

KlassikInfo:
Sie haben viel am Opernhaus in Zürich gesungen. Dort gibt es jetzt auch einen Intendantenwechsel: Alexander Pereira, der nun Chef der Salzburger Festspiele ist, gibt sein Amt ab. Sein Nachfolger wird Andreas Homoki, bis zur Sommerpause Intendant der Komischen Oper Berlin und in seiner ästhetischen Ausrichtung auf einem ganz anderen Gleis unterwegs. Was bedeutet der Wechsel für Sie, werden Sie weiter der Züricher Oper treu bleiben?

Bartoli: Zürich ist mein Zuhause, ich lebe dort mit meinem Mann. Das Opernhaus Zürich ist somit auch mein Stammhaus geworden. Ich arbeite dort gerne, liebe das Orchester und das Publikum, alles dort ist so wunderbar. Für die Zukunft habe ich schon Pläne und Ideen, unter anderem auch wieder eine Händeloper, und hoffe diese umsetzen zu können. Ich bin eigentlich diesbezüglich ganz zuversichtlich.

KlassikInfo:
Das klingt danach, dass Sie bereits mit Herrn Homoki in Kontakt stehen?

Bartoli: Es gab schon erste Gespräche. Ich hoffe, mit ihm so gut zusammenzuarbeiten wie mit Pereira.

Interview: Kirsten Liese

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