Alexander Gilman wurde 1982 in Bamberg geboren und wuchs in einer russisch-jüdischen Musikerfamilie auf. Mit sechs bekam er seinen ersten Violinunterricht, mit sieben trat er bereits öffentlich auf. Alexander Gilman beendete sein Studium an der Hochschule für Musik in Köln in der Meisterklasse von Prof. Zakhar Bron mit Auszeichnung und wechselte daraufhin für seinen Master of Soloist an die Hochschule der Künste nach Zürich, den er ebenso mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Er arbeitete u.a. mit Dorothy Delay an der Juilliard School, besuchte Meisterklassen von Itzhak Perlman, Aaron Rosand, Igor Ozim und Mikhail Kopelman. 2006 gewann er den WestLB-Musikwettbewerb, wo er die Stradivari "Croall" 1684 überreicht bekam. Des Weiteren erhielt er Preise bei internationalen Wettbewerben in Europa und USA. Soeben ist seine neue CD mit Violinkonzerten von Samuel Barber und Erich Wolfgang Korngold erschienen. Attila Csampai im Gespräch mit dem Geiger Alexander Gilman.
KlassikInfo: Herr Gilman, Sie haben jetzt, mit 29 Jahren, Ihre erste Konzert-CD veröffentlicht, nachdem Ihr Debütalbum mit Kammermusik von Brahms, Prokofjew und Wieniawski 2007 sehr positiv aufgenommen worden war. Ihr neues Album ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Sie haben sich da für ein "amerikanisches Programm" entschieden, mit zwei seltener gespielten Violinkonzerten von Samuel Barber und Erich Wolfgang Korngold, und sie mit Zugaben von Franz Waxman und John Williams angereichert. Gibt es einen tieferen Grund für diese Hinwendung zu Werken, die allesamt in der grossen spätromantischen Tradition stehen, obwohl sie teilweise sehr spät, also um 1940 und später komponiert worden sind, und die in Europa nicht unbedingt zur Avantgarde gerechnet werden?
Gilman: Natürlich unterscheiden sich die Werke von Barber und Korngold sehr stark von der damaligen Avantgarde, vor allem wenn man bedenkt, dass Schönberg und andere sich damals schon von der Tonalität losgesagt hatten. Das gilt etwa auch für Amerikaner wie John Cage oder Elliot Carter. Das mag der Grund sein, warum man sie heute so selten in Konzertprogrammen hört. Für mich stellen diese spätromantischen Werke die Möglichkeit dar, den Violinklang in seiner Schönheit und Klarheit in voller Pracht zu entfalten. Diese Musik kann Wunder bewirken, jede Note kann und sollte das Herz berühren und zum Schmelzen bringen, ohne jedoch in Geschmacklosigkeit zu verfallen. Und genau dieses Vermögen spüre ich bei den Violinkonzerten von Barber und Korngold.
KlassikInfo: Warum sind sie nicht den bequemeren (und wohl auch kommerziell sicheren) Weg gegangen, und die zweihundertste Version von populären Schlachtrössern der Konzertliteratur, wie etwa die Konzerte von Beethoven, Brahms, Sibelius oder Tschaikowsky, eingespielt - also Standardrepertoire bevorzugt, wie es die meisten ihrer Alterskollegen praktizieren, wenn sie auf sich aufmerksam machen wollen?
Gilman: Der bequeme Weg würde mir keine Herausforderung bieten und letztendlich auch keinen Spaß machen. Dazu bin ich nicht der Typ: Wenn ich an eine Sache glaube, gehe ich gerne das Risiko ein. Und von diesem Programm war ich von Anfang an überzeugt! Ich habe versucht, meine starke Beziehung zu diesen Stücken auch in meine Interpretation einfliessen zu lassen. Es war mir einfach wichtig, Musik einzuspielen, die mir sehr liegt. Selbstverständlich ist es immer etwas ganz besonderes, die grossen Konzerte von Tschaikowsky oder Brahms aufzuführen. Aber mein Ziel ist es, einen gesunden Ausgleich zu finden. Auf meiner Debüt-CD habe ich sehr ernste Kammermusik von Brahms und Prokofjew gespielt, auf meiner neuen CD möchte ich eine andere Seite von mir zeigen. Es muss nicht immer Standardrepertoire und der sichere Weg sein. Auch wenn ich damit vielleicht weniger Aufmerksamkeit errege, war es mir dennoch wichtig, diese wunderschönen Kompositionen bekannter zu machen.
KlassikInfo: Hat das Programm ihrer neuen CD auch was mit ihrer persönlichen Situation zu tun, ihrem eigenen Lebensgefühl, ihrer "Weltsicht" und Weltoffenheit? Sie sind in Bamberg geboren, stammen aus einer russisch-georgisch-jüdischen Familie, die vor ihrer Geburt die Sowjetunion verliess. Ihr Vater ist selbst ein professioneller Geiger, und war ihr erster Lehrer. Mit sieben standen sie schon auf dem großen Konzertpodium in München, und gingen noch als Teenager nach Amerika, um dort ihre Ausbildung fortzusetzen. Danach wurden sie Meisterschüler des grossen Violinpädagogen Zakhar Bron, der schon einige spätere Weltstars coachte, und sie sind bis heute sein Assistent an der Hochschule der Künste in Zürich. Die Nähe Ihres Programms zu Amerika, zum amerikanischen Traum, zu Filmmusik und Hollywood ist unverkennbar. Hat das auch mit Ihren eigenen Erfahrungen zu tun, mit Ihren musikalischen Vorlieben und Überzeugungen?
Gilman: Als Musiker reist man natürlich viel herum, und ich war schon als kleines Kind sehr viel unterwegs. Da der Großteil meiner Familie in den USA lebt, war ich von klein auf regelmäßig dort und habe eine ganz besondere Bindung zu der amerikanischen Kultur und Mentalität. Ich glaube, dass Filmmusik etwas ist, das jede Altersgruppe anspricht. Dies ist ein weiterer Grund für die Auswahl meines Programms. Mir war ein Programm wichtig, welches sowohl die jüngere Generation als auch das ältere, musikerfahrene Publikum verbindet. Bei den Violinkonzerten von Barber und Korngold handelt es sich um große, seriöse Werke, jedoch haben sie gleichzeitig starke Elemente der Filmmusik, die die Jüngeren an Hollywood erinnern mag.
KlassikInfo: Die beiden zu Beginn des 2. Weltkriegs entstandenen Violinkonzerte von Barber und Korngold, sind ja auch, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, sehr individuell geprägte, unheimlich ausdrucksstarke Plädoyers für die noch lange nicht erschöpfte Kraft der Tonalität, für die große, zu Herzen gehende melodische Linie, für eine noch von der Spätromantik gespeiste Expressivität der Violine, die eben auch von solchen Geigenikonen wie Jascha Heifetz und Michael Rabin ihr Leben lang mit charismatischer Intensität gepflegt wurde. Dieser Ansatz mutet heute vielleicht ein wenig "altmodisch" an, weil er etwas mit Gefühlen, mit unmittelbarer Verständlichkeit, mit sinnlicher Präsenz, zu tun hat. Ist das auch Ihre Botschaft?
Gilman: Absolut. Auch wenn es heute als "altmodisch" angesehen wird, so ist für mich wirklich das wichtigste, die von Ihnen angesprochene emotionale Kraft dieser Werke zu vermitteln. Bei dieser Musik geht es nicht nur darum, die Noten perfekt umzusetzen. Jede Note muss hier einen berühren, so wie es Jascha Heifetz oder Michael Rabin uns mit ihrem unverkennbaren Violinklang vorgemacht haben. Erst dann erstrahlt diese Musik in ihrer vollen Pracht.
KlassikInfo: Haben Sie Vorbilder? Sollte ein Geiger von heute auch diese historischen Referenzen kennen? Inwieweit sind Sie selbst beeinflusst von der Kunst dieser großen Geigerlegenden der Vergangenheit?
Gilman: Wie ich bereits erwähnt habe, ist für mich der unverkennbare Violinklang am wichtigsten. Solch einen hatten die großen Musiker von früher, also solche Größen wie Jascha Heifetz, Michael Rabin oder David Oistrakh. Diesen Musikern könnte man Tag und Nacht zuhören, ohne müde zu werden. Genau diese wiedererkennbare Persönlichkeit im Klang macht das gewisse etwas aus, wovon wir alle heute lernen können. Unser heutiges Musizieren darf nicht zum Leistungssport werden, wo nur auf Perfektion und höchste Geschwindigkeit Wert gelegt wird. In der Entwicklung eines eigenen Tones und Klangcharakters wie bei Heifetz oder Rabin liegt die wahre Kunst. Genau das treibt mich an bei meinem Spiel.
KlassikInfo: Glauben Sie, dass das Publikum von heute, und vor allem die jüngere, mit Popmusik und/oder Avantgarde aufgewachsene Generation noch empfänglich ist für diese alten Botschaften, also für den Seelenton dieser großen Geiger?
Gilman: Keine Frage, es ist nicht leicht, dies zu vermitteln. In der heutigen Zeit wächst die jüngere Generation natürlich mit anderen kulturellen Orientierungen und Werten auf. So beeinträchtigen z.B. die vielen Castingshows im Fernsehen das musikalische Empfinden eines Heranwachsenden und vermitteln ein falsches Bild von musikalischer Leistung. Meiner Ansicht nach müsste man bereits bei der musikalischen Erziehung ansetzen: Früherziehung für jedes Kind, Musikunterricht bereits im Kindergarten mit Unterstützung der Eltern. Dadurch würden die Kinder nicht nur musikalisch gefördert sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit, des Verstandes, des logischen Denkens würde schneller und nachhaltiger vorangetrieben. Das System in Venezuela scheint mir da vorbildlich, wo jedes Kind kostenlos Musikinstrumente und Unterricht bekommt.
KlassikInfo: Was kann man mit Ihrem Instrument überhaupt anders erreichen als die Menschen in ihrem Innersten zu berühren? Kann ein Geiger die Schrecken unserer Zeit erfassen? Oder das abstrakte, virtuelle Leben des 21. Jahrhunderts?
Gilman: Nehmen wir z.B. die Musik von Schostakowitsch, die von der damaligen Situation in der Sowjetunion geprägt war. Das heißt aber noch lange nicht, dass dieser Hintergrund in jede Interpretation einfließt. Es ist nur ein Teil eines Puzzles. Ein Geiger kann diese Musik erst dann richtig verstehen und letztendlich interpretieren, wenn er die Geschichte kennt, die politischen Hintergründe und die menschlichen Schicksale. Erst wenn er wirklich versteht, was der Komponist sagen wollte und nicht einfach nur die Noten spielt, kann er den zeitgeschichtlichen Hintergrund erfassen und vieles davon wiedergeben.
KlassikInfo: Was halten Sie davon, das Publikum mit Popmusik (also mit Adaptionen von Popsongs) heute zu erreichen, so wie David Garrett das tut, und offenbar auch mit Erfolg?
Gilman: Die Geschichte zeigt, dass alle paar Generationen ein Wechsel stattfindet. Auch die Klassik ist davon nicht ausgenommen. Natürlich wünscht man sich immer mehr junges Publikum in Konzerten und genau daran sollte man aktiv arbeiten. Es ist erschreckend, wenn man nur daran denkt, wie viele Menschen unter 40 noch nie in einem Konzert oder in einer Oper waren. David Garrett hat eine Möglichkeit gefunden, auch diese Zielgruppe anzusprechen. Früher haben sich diese jungen Menschen nichts aus einer Violine gemacht, sich vielleicht sogar darüber lustig gemacht. Nun finden sie das Geigenspiel bewundernswert, ja sogar "cool". Man muss dabei auch vorausschauend denken und sich überlegen, wie man das über die nächsten Jahre weiter positiv beeinflussen und entwickeln kann, damit ein klassischer Konzertbesuch als selbstverständlich angesehen wird. Es gibt auch anderswo hervorragende Konzepte wie z.B. hier in Zürich die Konzertreihe "Tonhalle Late", bei der Maestro David Zinman regelmäßig junges Publikum einlädt und mit großem Erfolg eine Verbindung zwischen U- und E-Musik herstellt.
KlassikInfo: Sie haben, um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen, bei ihrem neuen Album auch bei der Auswahl ihrer musikalischen Mitstreiter besonderen Wert auf "Weltoffenheit" gelegt, und sind nach Südafrika gegangen, um dort in Kapstadt mit einem jungen chinesischen Dirigenten, Perry So, und einem wahrlich "multikulturellen" Orchester amerikanische Komponisten aufzuführen. Mehr Internationalität kann man sich nicht vorstellen. Warum haben Sie das nicht in den sicheren Zonen Europas gemacht? Haben Sie neue Erfahrungen sammeln können mit außereuropäischen Musikern? Hat ein Hongkong-Chinese einen anderen Blick auf Korngold als ein Unterfranke mit russischen Wurzeln?
Gilman: Meiner Ansicht nach begehen wir heutzutage einen großen Fehler, wenn wir hervorragenden afrikanischen Klangkörpern nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Diese könnten viel beitragen zur musikalischen und kulturellen Vielfalt unseres Planeten. Mit meinem neuen Album will ich dafür einen Beitrag leisten. Wenn wir von guten Klangkörpern reden, suchen wir diese stets in europäischen, amerikanischen und asiatischen Metropolen. Aber auch in Kapstadt hat das Orchester bewiesen, dass es auf dem höchsten Niveau musizieren kann. Perry So ist ein hervorragender junger Dirigent, mit dem wir sehr viel Spaß bei dieser Produktion hatten. Durch seine Studienzeit in den USA hat er einen sehr guten Draht zu dieser Musik. Da wir beide im selben Alter sind und es für uns beide unsere erste Orchesterproduktion war, haben wir uns menschlich und musikalisch prächtig verstanden und uns gegenseitig an die Grenzen getrieben.
KlassikInfo: Wollen Sie auch in Zukunft solche ungewöhnlichen Wege gehen und an ihren Träumen festhalten, oder sehnen sich nach eher berechenbaren Konzepten und einem konventionellen Karriereweg?
Gilman: Unbedingt beides! Wo bleibt der Spaß und die Lebensfreude, wenn man keine Träume zu verwirklichen versucht? Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Welt nicht nur aus Träumen besteht. Ich habe für mich persönlich den perfekten Beruf gewählt, den ich liebe und lebe!
KlassikInfo: Haben Sie schon Ideen für Ihr nächstes Album? Dürfen wir uns wieder auf Extravagantes freuen?
Gilman: Einen Traum habe ich schon bezüglich meiner nächsten CD. Nun geht es daran, ihn zu verwirklichen. Bald mehr dazu!