Ins Unreine empfohlen

Die Süddeutsche Zeitung hat mal wieder tolle Ratschläge für die Münchner Philharmoniker parat - ein Zwischenruf 

(München, 20. Oktober 2009) Die Süddeutsche Zeitung empfiehlt der Stadt München, den Titel Generalmusikdirektor nicht wieder zu vergeben. Warum? Weil es so "militärisch klingt". Und weil es einen "Chef alten, patriarchalen Stils" bedeutet. Klar, das liegt natürlich vor allem am Titel. Die nächste Empfehlung betrifft die Konzerte, die nicht vom zukünftigen Chefdirigenten geleitet werden. Diese Abende dürften, so fordert die SZ, "im Niveau nicht unter die Auftritte des Chefs abrutschen". Und wir dachten, die Musiker könnten da ruhig wie Amateure spielen. Gut, dass die SZ das mal klarstellt.
Desweiteren verlangt die Zeitung tolle Gastdirigenten für das Orchester wie Haitink oder Muti. Ungeachtet der Tatsache, dass Muti, wenn er z.B. beim Symphonieorchester des BR auftritt, gerne mal von eben diesem Blatt verrissen wird, und Haitink mittlerweile auch schon in Altersteilzeit ist.

Weiter bringt die SZ den Gedanken ins Spiel, am besten gleich zwei Dirigenten als Chefdirigenten zu engagieren. Einer für Barock und Mozart und so und einer für den Rest. Genausogut könnte man fordern, eine Frau und einen Mann einzustellen. Ist doch auch eine irgendwie sinnvolle legitime Forderung. Wenige Zeilen später heißt es dann jedoch: "Andererseits sollte der Chef eines derart vielbeschäftigten Orchesters natürlich möglichst die ganze Bandbreite des symphonischen Repertoires beherrschen." Also was jetzt? Kann sich der Autor vielleicht mal für etwas entscheiden? Klare Aussagen sind offensichtlich nicht das, was die SZ in diesem Artikel bieten möchte, eher ins Unreine Gebrabbeltes. Auch schön.

"Allzu lange prägte eine Scheu vor dem Risiko die Stückwahl. Damit muss Schluß sein", wird dann aber wieder ganz toll entschieden gefordert. Als wären alle anderen Münchner Orchester so wahnsinnig mutig in ihren Programmen und nur die Philharmoniker nicht. Außerdem sollten die Musiker mehr mitbestimmen, meint das Blatt. Wie toll das geht, und wie schön die Erfolge sind, haben wir gerade bei der Vertreibung von Thielemann als konzertierte Aktion konzertierender Musiker sehr eindrucksvoll gesehen.
Ein weiterer Operndirigent "verbietet sich". Wieder so eine vehement vorgetragene Forderung. Lustig, weil der "reine" Konzertdirigent Mariss Jansons z.B. gerade bekannt gab, dass er mehr Oper dirigieren möchte.

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier auf Biegen und Brechen der Eindruck von Wichtigkeit und vorgeblicher Meinungsführerschaft vermittelt werden soll. Die Inhalte des Artikels rechtfertigen eine solche Haltung aber kaum. Zu unausgegoren und widersprüchlich ist, was hier als große Wahrheit "verkauft" werden soll. Die Aufgaben eines städtischen Symphonieorchesters sind ein weites Feld und erfordern eine vertiefte und sachkundige Diskussion unter Orchestermusikern, Orchesteradministration, Stadt und Publikum. Ein verblasenes Brainstorming in der SZ reicht dafür jedenfalls nicht aus, wirkt vielmehr kontraproduktiv.

Die Stadt München tut gut daran, die Empfehlungen der SZ nicht allzu ernst zu nehmen. Vor ein paar Monaten hat die Zeitung mit einem unangenehm tendenziösen Artikel Stimmung gegen Thielemann gemacht. Das war kurz bevor der Stadtrat Christian Thielemann den Laufpaß gab. Eine sehr ungute Verquickung, die nicht Schule machen darf.

Robert Jungwirth