Auf Gut Immling präsentiert man "La Bohème"
(Gut Immling, 3. Juli 2009) Das Opernfestival auf Gut Immling bei Bad Endorf im Chiemgau hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1997 einen soliden Ruf erworben. Nicht nur die schiere Begeisterung war der Antrieb für den Initiator und Opernsänger, Ludwig Baumann. Auch ein gesunder Geschäftssinn leitete ihn bei dem Unternehmen, mitten auf dem Land im Sommer eine Opernsaison zu Installieren. Fünfzig Prozent der Einnahmen kommen aus dem Kartenverkauf, für die andere Hälfte steht eine imposante Reihe von Sponsoren aus der Region. Sie zeigen bei den Aufführungen und in den Publikationen ihre Logos und sorgen für die restliche Finanzierung.
Baumann gibt daher zu, sich auf Experimente mit dem Repertoire nicht einlassen zu können. Es müssen schon die ?Highlights" sein, die auf Gut Immling auf die Bühne kommen. Nichts dagegen, denn nicht umsonst sind sie ja die Publikumslieblinge geworden. Und es sind schon einige, die da seit der "Erfindung" der Oper vor rund 500 Jahren zusammen gekommen sind. Gut Immling ersetzt die Suche nach der Rarität mit einer besonderen Atmosphäre. Oper im Sommer, die auch den Genuss von Landschaft und Wetter mit einbezieht. Die Aufführungen finden in einem umgebauten Reitstall aus Holz statt. Als Foyer dient das weitläufige Gelände, auf dessen Koppeln Pferde und Ziegen grasen. Empfänge und Dinners haben in großzügigen Zelten Platz.
Die Opernsaison 2009 auf Gut Immling begann am 26. Juni mit Verdis "Macbeth". Vergangenen Samstag gab es die zweite Premiere, "La Bohème" von Giacomo Puccini. Die Oper aus dem Jahr 1896 gehört unangefochten in die Reihe der "greatest Hits". Eine Oper, die die Spatzen von den Dächern pfeifen können.
Da hätte Immling gerade mit seinem speziellen Ambiente eigentlich nichts falsch machen können. Eine Oper des Verismo wie "La Boheme" verlangt nach kaum mehr als nach guten Sängern, einem glaubwürdigen Bühnenbild, einem Orchester mit Sinn für Klangfarben und einem Dirigenten, der den Fluss der Musik geschmeidig in Gang hält. Am Orchester war in Immling kein Mangel. Es spielen dort die Münchner Symphoniker. Ihr Chefdirigent Gerd Schmöhe ist ein Mann, der mit Puccini umgehen kann.
Aber was in aller Welt bedeutet dieses Bühnenbild, das im Wesentlichen aus einer von links nach rechts ansteigenden Rampe besteht und vorne Platz für ein paar zerbeulte Ölfässer bietet? Und was will Regisseurin Susanne Knapp ihrem Publikum mit dem Hin und Her der Figuren in diesem abstrakten Raum sagen? Selbst wenn sie Armut und Ausbeutung in der Welt anklagen wollte: Das ginge in einer realistischen Umgebung tausend mal besser. Hier verliert der Zuschauer die Orientierung, wo er sich befindet, und wer gerade was zu tun hat. Einzig die Weihnachtsszene im Café Momus hat, dank des Auftritts des klangstarken Chors, eine erkennbare Bildlichkeit - die sich dann aber zu massiv gegen das "Nichts" der restlichen Szenerie abhebt. Alleine konzertant, also mit geschlossenen Augen, lässt sich die Aufführung ebenfalls nicht sorglos genießen. Mario Zhang als Rodolfo gibt auch die Mühen des Tenor-Berufs zu hören; Csilla Boros als Mimi hat zwar eine runde und kraftvolle Stimme, aber sie nutzt sie auch überwiegend kraftvoll. Die Regie hilft ihr nicht, zu sich, also zu Mimi zu finden. Und sie überlässt leider auch die anderen Partien weitgehend ihrem Schicksal.
Die mangelnden Freuden fürs Auge werden also nicht durch um so mehr Freuden für das Ohr ausgeglichen. Gesungen wird auf italienisch, und es gibt auch eine deutsche Übertitelung. Besser: den Versuch einer Übertitelung. Die Leuchtschrift erschien mal größer, mal kleiner und nie berechenbar. Wenn man diesen Service anbietet, dann muss er in jeder Hinsicht zuverlässig sein, denn das Auge will (eigentlich) nur kurz dort verweilen und sofort den aktuellen Text erfassen. Das sollte auch in Immling möglich sein.
Der Hauptfehler der Inszenierung aber liegt im Bühnenbild. Hochbegnadete Sänger kann man bei einem Privatunternehmen wie Immling, das sich gerade und besonders an das "normale" Publikum wendet, nicht erwarten. Um so mehr sollte hier Oper zum Zuschauen und Verstehen geboten werden.Die Ambition ging bei dieser Premiere zu weit. Abstrakte oder "interpretierende" Versuche haben bei vorsichtig kalkuliertem Budget keinen Platz.
Laszlo Molnar