Ohne Gewölk

CD-Box Beethoven - Symphonies & Ouvertures (Anima Eterna / Jos van Immerseel)
Zig-Zag Territoires ZZT 080402.6

Beethovens Sinfonien und die sattsam bekannten Ouvertüren von "Coriolan" bis "Prometheus" sind mittlerweile wirklich oft genug auf Schallplatte und CD gebannt worden - könnte man meinen. Und doch ergeben sich immer wieder neue, aufregende Sichtweisen auf diesen sinfonischen Mikrokosmos; zuletzt bei einer Gesamteinspielung von Jos van Immerseel und seinem Ensemble "Anima Eterna". Die belgische Formation, vor rund 20 Jahren als Barock-Orchester gegründet, hat sich mit sorgfältig an den historischen Gegebenheiten orientierten Interpretationen einen Namen gemacht: Für jedes Projekt stellt van Immerseel Musiker und Instrumente neu zusammen, spürt musikgeschichtlichen Hintergründen und innermusikalischen Zusammenhängen nach. Auf diese Weise sind außergewöhnliche Aufnahmen eines Repertoires entstanden, das bis ins frühe 20. Jahrhundert reicht, etwa eine bemerkenswerte, sehr transparente Einspielung von Orchesterwerken Maurice Ravels mit Instrumenten aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Nun also hat sich der belgische Pianist, Cembalist und Dirigent Beethovens Sinfonien vorgenommen. Das heißt, vorgenommen hat er sie sich schon seit geraumer Zeit: Vor gut 10 Jahren begann Anima Eterna, Beethoven mit Wiener Instrumenten aus dem frühen 19. Jahrhundert (oder deren originalgetreuen Kopien) in Konzerten zu spielen. Diese Instrumente wurden, so haben van Immerseels Forschungen ergeben, höher gestimmt als bisher angenommen, und so zeichnet sich seine Interpretation - die er übrigens im lesenswerten Booklet ausführlich erläutert - gegenüber anderen in so genannter historischer Aufführungspraxis durch einen hellen, leuchtkräftigen Klang aus. Dazu trägt auch die verhältnismäßig kleine Besetzung bei, mit jeweils sechs ersten und zweiten Geigern, fünf Bratschern, vier Cellisten und drei Bassisten, die aber auf hervorragenden Instrumenten und mit solistischem Elan spielen. Eine perfekte orchestrale Balance und ein präziser, von jedwedem Gewölk freies Klangbild sind das Ergebnis: straff im Tempo und in der Artikulation, energiegeladen, aber weniger widerborstig als in manch anderer "historischer" Lesart, tonschön und klangmächtig.

Zwar ist nicht mit jeder der versammelten Sinfonien und Ouvertüren der ganz große Wurf gelungen, manchmal scheint der musikalische Schwung etwas zu erlahmen, die ungestüme, brachiale Wucht, wie sie etwa Roger Norrington 1994 mit den London Classical Players entfaltete - für mich trotz einiger kleiner Einwände nach wie vor die eindrucksvollste Einspielung der Sinfonien -, wirkt stellenweise allzu gezähmt, gelegentlich fühle ich mich an Rilkes Panther erinnert und seinen "Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht". Dafür findet sich eine Vielzahl betörend schöner Passagen, etwa in der "Szene am Bach" aus der "Pastorale", und einige eruptive Ausbrüche erscheinen im Gesamtbild umso eindrucksvoller, als sie nicht durch gar zu häufige Wiederkehr abgenutzt werden: etwa die kraftvollen Einsätze zu Beginn der "Eroica" und im Allegro-Teil des Kopfsatzes in der Siebten Sinfonie oder beim naturgewaltig hereinbrechenden "Gewitter, Sturm" der Pastorale.
Summa summarum eine hörenswerte Aufnahme, die tatsächlich aufregende neue Einblicke in Beethovens sinfonische Welt bietet.

Eva Blaskewitz

[zur nächsten CD-Rezension]