Claudio Monteverdis "Il ritorno d`Ulisse in patria" im Theater an der Wien
(Wien, 7. September 2012) Von den drei überlieferten Opern Claudio Monteverdis ist "Il ritorno d`Ulisse in patria" die mittlere - schon für Venedig entstanden, kleiner, "ökonomischer" instrumentiert und mit volkstümlichen Elementen/Figuren aufgeladen, um dem Geschmack des zahlenden Publikums entgegenzukommen. Handelte "L´Orfeo" vom Mythos der Musik selbst, so griff "Ulisse" auf Homers Erzählung zurück, auf einen Stoff also, der den gebildeten Schichten des 17. Jahrhunderts wohlbekannt war.
"Ulisse" ist weniger kompakt als "L´Orfeo", nimmt schon mehr am Geschmack des (zahlenden) Publikums Rücksicht und blickt stilistisch stärker in die in die Zukunft, in der Tendenz - wenn man so sagen darf: "arienhafter" als die lied- und madrigalgetränkte erste Oper Monteverdis.
Heute kennt das Publikum vielleicht noch Teile der "Odysee", aber sicher nicht mehr die ganze epische Erzählung. Aber bestimmte Querverbindungen zu anderen Opernstoffen lassen sich doch finden. Wie war das doch gleich mit Mozarts "Idomeneo"? Auch dort wird - ähnlich wie in "Ulisse" - ein griechischer Herrscher, der an Kriegsverbrechen in Troja beteiligt war - von Neptun, dem zweitmächtigsten Gott und Herrscher des Meeres, an der Rückkehr in seine Heimat gehindert, bzw., es wird ihm eine Bedingung gestellt, welche die Heimkehr bitter macht.
Neptun ist also einer, der die Greuel des Krieges, welche die Griechen in Troja angerichtet haben, bestraft. In Monteverdis Oper wird diese Ebene der Geschichte immer wieder berührt, wenn Neptuns Unnachgiebigkeit gegenüber Odysseus thematisiert wird, aber sie bleibt Nebenschauplatz. Im Zentrum stehen doch - wie der Titel der Oper verheißt - die Rückkehr des Titelhelden nach Ithaka, seine Abrechnung mit den läufigen Liebhabern seiner Gattin Penelope und das Sich-Wiederfinden des Herrscherpaares nach immerhin 20 Jahren Krieg und Irrfahrt. Ob es darum sehr klug ist, bei einer Oper, die - wie der musikalische Leiter der Aufführung im Theater an der Wien, Christophe Rousset, meint, "für ein heutiges Pubikum zu lang ist" - am Schluß noch einmal das etwas langatmige Konzilium der Götter in seinen weißen Comic-Kostümen (mit den aufgesetzten Kopfmasken, die Claus Guth so liebt) auftreten zu lassen und das wirklich Spnannende (die Versöhnung von Penelope und Odysseus) dafür zu unterbrechen bzw. in seiner Bedeutung ein wenig herabzuspielen, bleibe dahingestellt. Was an anderen Stellen gekürzt wurde, um den Ablauf zu beschleunigen, wird hier wieder verspielt, um den Bogen zum Set des Anfangsbildes vor dem weißen Vorhang zurückzuspannen, das den Menschen als Spielball der Götter gezeigt hat.
Nichtsdestotrotz bietet die Inszenierung Claus Guths drei Stunden abwechslungsreiches und vor allem rasches, über eine Drehbühne beschleunigtes Operntheater, genauer gesagt zwei Stunden (bis zur Pause), und danach noch draufgelegte 40 Minuten. Theater in modernen Bildern, Kostümen und Ambientes, mit Armeejeeps, einer Palastbar und rauchenden Handfeuerwaffen (die auch zum Erschießen der aufdringlichen Brautwerber von Penelope verwendet werden).
Besonders unterhaltsam und spannend wird der Abend durch die musikalisch straffe Unterlegung durch Christophe Rousset und seine 15 Musiker plus drei Sänger kleine Truppe der Talens Lyriques. Rousset hat das Orchester - anders als die meisten anderen Dirigenten - wahrscheinlich auf jene minimale Größe verkleinert, die man in den kommerziell denkenden venezianischen Theatern des 17. Jahrhunderts verwendete. Und das reicht, wie man im Theater an der Wien nachvollziehen konnte, allemal aus, um spannende Begleitmusik zu einem erlesenen Sängerensemble zu machen, das von Garry Magee (Ulisse) und Delphine Galou (Penelope), Odysseus´ Sohn Telemaco (Pavel Kolgatin) und der Dienergestalt der Melanto (Katja Dragojevic) bis zu den buffonesken Rollen des gefräßigen Iro (Jörg Schneider) und des Hirten Eumete (Marcel Beekman) bis in die kleineren Rollen hinein ausgezeichnet besetzt war.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Publikum nicht nur die Sänger des Ulisse und der Penelope, sondern auch die der beiden komischen Rollen mit besonderem Beifall bedachte, was immerhin ein gewisses Licht auf den Unterhaltungswert des Stückes wirft. So mag es ja auch in Venedig gewesen sein: Die oft von weit her aus ganz Europa angereisten Aristokraten ergötzten sich an den hehren Figuren und ihrem Oberschichten-Italienisch, das Volk fokussierte seine Aufmerksamkeit auf Iro und Eumete.
Derek Weber