Puccini, der Fortschrittliche

Die liebe Verwandtschaft freut sich über ihr Erbe Foto: Werner Kmetitsch

Das "Tritticho" im Theater an der Wien

(Wien, 10. Oktober 2012) Es bleibt dabei: Das Theater an der Wien ist Wiens interessantestes Opernhaus. Das hat viele Gründe: Das Theater hat eine besser handhabbare Größe als die Staatsoper, es bietet - im Stagione-System betrieben - gut geprobte Pro­duktionen und kann es sich erlauben, Opern auf den Spielplan zu setzen, die keine "Selbstrenner" sind. Und es hat mit Roland Geyer einen Intendanten, der im Inszenierungsbereich eine schlaue Mischung aus ein bißchen, aber doch wieder nicht zu viel Risiko zum Prinzip erhoben hat und der weiß, was er auf die Bühne stellen darf, ohne die akustischen oder szenischen Möglichkeiten des Hauses zu überspannen.

Nach der September-Premiere - Claudio  Monteverdis "Il ritorno d´Ulisse in patria" - folgte nun Giacomo Puccinis "Trittico", das selten in der vom Kompo­nisten gewünschten Trias "Il tabarro", "Suor Angelica" und "Gianni Schicchi" zu sehen ist. Als Regisseur war Damiano Michieletto verpflichtet, der im Salz­burger Festspielsommer mit seiner Inszenierung von "La bohéme" einiges an Schelte einstecken hat müssen und der sich - um es gleich vorwegzunehmen - im überschaubaren Theater an der Wien wesentlich heimischer fühlte als im Großen Festspielhaus. Vielleicht lag's auch an den Stücken, die seinem Zugang wesentlich weiter entgegenkommen als das perfekte Rührstück, das Puccini weltberühmt gemacht hat.

Das "Trittico" ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von "La bohéme", spannt drei musikalisch und thematisch auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Einakter von je einer Stunde zusammen, ist musikalisch unsentimental, bricht - so würde ich es sehen - zu neuen Ufern auf, greift den Verismo zu Ende des 1. Weltkriegs noch einmal auf - aber nur, um ihn zu überwinden. (Auch Puccini selbst ist es mit seiner letzten Oper - "Turandot" - nicht mehr gelungen, umzukehren.) Das "Trittico" ist Puccinis Abgesang an die große, traditionelle Oper, deren letzter Meister er war.

Als Rezipienten treten hier viele auf der Stelle: Oft gespielt wird das "Trittico" auf den  Bühnen der Welt - von Italien ganz zu schweigen - wahrlich nicht. Das mag auch an kruden praktischen Intendanten-Überlegungen liegen: Unter "normalen" Verhältnissen braucht ein Haus drei Bühnenbilder, um das Seine-Paris der Puccini-Zeit, ein Kloster des 17. Jahr­hunderts und das Florenz der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert auf die Bühne zu bringen. Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantin hingegen haben das Kunststück zuwege gebracht, alle drei Bilder in ein paar wundersam wandelbare Container zu packen, mit der überraschenden Pointe, dass sich am Ende das Florenzbild im geräuschlosen Handumdrehen wieder in die nun nicht mehr triste Container­landschaft des Beginns verwandelt. Vielleicht haben im Theater an der Wien Sparvorgaben eine mindestens ebenso große Rolle gespielt wie die dramaturgische Erwägung, das Verbindene zwischen den drei Stücken zu suchen.

Sagen wir es so: Sie könnten den Anstoß dazu gegeben haben, solche rote Fäden zu suchen, wie jenen, dass sich die Giorgetta aus dem "Mantel" in Schwester Angelica verwandelt, ganz einfach, ganz rasch, nur durch einen brutalen Haarschnitt, der ihr angetan wird.

Natürlich steckt bei Michieletto mehr dahinter: Er hört genau auf die Musik und die für gewöhnlich harmlos-lyrisch leidenden Nonnen der "Sour Angelica" finden sich unversehens an einem Ort wieder, der mehr einem KZ als einem Kloster ähnelt, wo sadistische Aufseherinnen junge Menschen quälen und eine ebenso böse Tante der Schwester Angelica einredet, ihr Kind sei gestorben. Die Hölle auf Erden, die zeigt der Regisseur schon im "Tabarro": So erbar­mungs­würdig und aufs Trinken und Raufen angewiesen wie Micheles - des Schiffers - Crew möchte wohl keiner leben. Und auf eine so geldgierige, zu jeder Gemeinheit bereite Verwandtschaft wie die des eben verstorbenen Buoso Donati wie in "Gianni Schichi" will wohl auch jeder gern verzichten.

Eine Rezension wie diese über eine Opern-Trias, die (bis auf "Gianni Schicchi") wenig bekannt ist, muß viel voraussetzen. (Hoffentlich nicht zu viel.) "Il tabarro" ist ein Stück über unbewältigte Träume und über die Ungleich­zeitigkeit von Liebe und Zuwendung. Michele - ein Ausbund an vokaler Kraft­entfaltung: Roberto Frontali - kann nicht verwinden, dass sein Kind gestorben ist. Michieletto zeigt das mit der nötigen, zuweilen fast überdeutlichen Klar­heit. Das Paar - Patricia Racette spielt Giorgetta, seine Frau, sehr glaubwürdig, manchmal mit einem (verzeih­baren) Übermaß an Vibrato - hat sich auseinan­der­gelebt. Michele kann das nicht verstehen; Giorgetta hat sich einen jungen Liebhaber genommen. Es kommt, wie's kommen muß: Michele bringt den Liebhaber (mit leidenschaft­licher Tenorstimme: Maxim Aksenov) um, deckt ihn mit dem Mantel, der einst Giorgitta und das Kind gewärmt hat, zu.

Patricia Racette steigert sich als Schwester Angelica noch weiter. Marie-Nicole Lemieux spielt die böse Tante-Fürstin beklemmend bös und vokal virtuos. Auch bei den kleineren Rollen zeigen sich keine Schwächen. (Besonders hervorzu­heben: die Mezzosopranistin Stella Grigorian, die in allen drei Opern präsent ist.)
Als Einspringer für Kirill Petrenko nutzte der 40jährige Chefdirigent des Teatro Municipal de Santiago de Chile, Rani Calderon, die Chance, sich auch in Österreich gut einzu­führen. Er fügte sich samt dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor bestens ins Konzept der Inszenierung, ließ im "Tabarro" die ganze melancholische Tristezza des Stücks spüren, vermied in "Sour Angelica" das so beliebte wie mißverstandene Kitschige; in "Gianni Schicchi" ließ er es zuweilen ordentlich knallen. Das freilich passte zur Inszenierung, die dem Sarkasti­schen freien Lauf ließ und diese böse Posse über Habgier bis an die Limits - etwa mit jener Grenzaktion, den toten Buoso noch einmal hemmungs­los zu verprügeln - ausspielte. Am Schluß kommen alle Erbschleicher zu Recht in den Container.

Das darf man wohl nicht zu Unrecht als kleine Rache des Regisseurs an solchen Leuten werten, sozusagen als Kompensation dafür, dass Gianni Schicchi bei Dante in der Hölle schmoren muß - dort, wo eigentlich die habgierigen Ver­wandten hingehören.

Derek Weber 


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