Neptun, weiß gekalkt

Foto: Mozartwoche/Christian Schneider

Marc Minkowski und Olivier Py zeigen ihren "Idomeneo" aus Aix bei der Salzburger Mozartwoche

(Salzburg, 26. Januar 1010) Die finale Ballettmusik am Ende von Mozarts "Idomeneo" wirkt oft peinlich oder wird gleich ganz gestrichen. Doch im Haus für Mozart bot sich in diesen zwölf Minuten noch einmal die Handlung im faszinierenden Zeitraffer: Tänzer (sieben Männer und eine Frau) erzählen verdichtet den Konflikt des jungen kretischen Königssohns Idamante zwischen der von ihm geliebten trojanischen Gefangenen Ilia und Elettra, der Prinzessin von Argos, den die Zuschauer gerade erleben konnten. Sie zeigen erneut, wie Idomeneo, der nach überstandenem Seesturm gelobt hat, den Menschen zu opfern, der ihm als erster am Strand begegnet - sein eigener Sohn - die in letzter Sekunde verhinderte Tötung vorbereitet.

Noch wilder als den ganzen Abend lang wirbeln jetzt die kalt silbrig schimmernden Aluminumgerüste auf der Bühne herum, formen sich zu Tribühnen oder Mauern, Innen- oder Außenräumen, Verbindungsgängen oder Treppen, die ins Leere führen. Trotz oft vielfacher Blendung der Augen durch Hunderte von Spiegel, die immer wieder das Licht von Neonröhren reflektieren, funktioniert diese szenische Chiffre drei Stunden hervorragend für den Aufruhr der Gefühle, den das Orchester und die Sänger immer wieder beschwören. Tänzer in schwarzen Hosen und mit bloßem Oberkörper, die Gesichter teilweise mit Masken von Tieren oder mit Totenköpfen aus Diamanten à la Damien Hirst unkenntlich gemacht, stellen die immer wieder auch musikalisch aufschäumende See durch ein abstraktes, aber sinnliches Ballett dar, das mit der schwarz-silbernen Bühne einen großen Kontrast bildet. Neptun wandelt als stummer, weiß gekalkter (Theater-) Geist mit Dreizack durchs Bild und deutet die Allmacht des Meersgotts an, bevor Luca Tittoto stimmgewaltig mit den Worten "Die Liebe hat gesiegt" auf die Opferung verzichtet, für die sich gerade Ilia stellvertretend angeboten hatte.

Schade, dass Oliver Pys Personenregie hinter diesen Effekten (Bühne und Kostüme: Pierre-André Weitz) zurückbleibt, die auch ein raffiniertes Licht einschließt, das die Sänger wie in barocken Zeiten von unten anstrahlt. Allzu oft werden die Figuren wie in einem dreidimensionalen Schachbrett verschoben, ohne dass sich psychische Spannung aufbauen kann. Das Ensemble, das sich schon im Sommer letzten Jahres bei der auch im Fernsehen übertragenen Premiere in Aix en Provence bewährte, ist ausnahmslos wieder mit von der Partie. Allen voran Richard Croft in der Titelrolle. So feinsinnig, anrührend, wunderbar weich und hell timbriert hört man einen Darsteller des Idomeneo selten, ebenso rar sind sind derart sauber und intonationssicher gesungene Koloraturen wie hier in der Bravourarie "Fuor del mar". Dagegen nimmt sich Yann Beuron als Idamante - gespielt wird die Wiener Tenor-Fassung - geradezu kernig aus, obwohl auch er einen schönen, klar artikulierten Mozartton pflegte und das nachkomponierte, in der Oper selten zu hörende, als Konzertarie aber beliebte "Non temer, amato bene" mit obligater Solovioline (Thibault Noally spielt superb als Partner auf der Bühne) großartig meistert. Leider macht Py aus ihm einen kühlen, mit Plänen und Lineal hantierenden Architekten, der eine neue Stadt erbauen will, zu deren Einweihung er am Ende, als die Krone auf ihn übergegangen ist, ein rotes Band durchschneidet. Das ist interessant gedacht, funktioniert aber theatralisch nur sehr bedingt. Manches bleibt ein optisch beeindruckendes Rätsel wie die Quadriga aus lebensgroßen Plastikpferden, von vier Tänzern mit Waage, Schwert und Sense am Ende des zweiten Aktes bestiegen. Julien Behr war ein erstaunlich jugendlicher Arbace mit zart leuchtend timbrierter Stimme. Von ihm hätte man die aus dramaturgischen Gründen gestrichene zweite Arie gerne ebenfalls gehört. Colin Balzer meisterte seinen kurzen Auftritt als Gran Sacerdote gleichermaßen beeindruckend.

Sophie Karthäuser verkörperte eine Ilia mit feinen Schattierungen eines lyrischen, aber gehaltvollen Soprans und besaß große Bühnenpräsenz. Letzteres kann man fast noch mehr von Mireille Delunsch sagen, die als Elettra stimmlich leider nicht ihren besten Abend hatte. Fast war man erschrocken über die Schärfen in der Höhe und ein ingesamt unausgeglichenes Timbre, Defizite, die man von dieser großartigen Sängerdarstellerin sonst nicht kennt. Dass sich Minkowski und Py für die ursprüngliche, lange Fassung ihrer expressiven Abgangsarie entschieden hatten, machte ihr an diesem Abend hörbar zu schaffen.

Schon mit den ersten Akkorden der Ouvertüre offenbarte Marc Minkowski mit Les Musiciens du Louvre Grenoble eine dramatisch durchglühte Lesart von Mozarts gewichtigster Opern-Partitur, was das Instrumentale angeht. Nur gelegentlich hing bei den vielen großteils vom Orchester begleiteten Rezitativen die Spannung etwas durch. Meist jedoch waren die Phrasen lebendig durchgeformt, saßen die Akzente prägnant, sicher und rund, stellte sich nicht selten bei liegenden Akkorden eine Klangmagie ein, als hörte man ein Stück Romantik. Und mit dem enorm fantasievoll agierenden Francesco Corti am Hammerklavier und dem Cellisten Nils Wieboldt hätten die Seccorezitative nicht farbiger klingen können. Der Philharmonische Kammerchor Estlands (Einstudierung: Mikk Üleoja) sang intensiv auf gleicher Wellenlänge. Dass Py ihn oftmals auf den Tribünen plazierte, die zusammengefügt das verfremdete Modell der zu bauenden Stadt bildeten, und wie einen antiken Chor behandelte, kam der klanglichen Homogenität und der akustischen Präsenz nur zugute.

Klaus Kalchschmid