Vincenzo Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" mit Anna Netrebko in Paris
(Paris, 24. Mai 2008) Wien, New York, San Francisco, Salzburg, München, alle großen Opernmetropolen stehen seit Jahren im Reisekalender der Sopranistin Anna Netrebko. So mag man es kaum glauben, dass die prominente Sängerin bislang noch keinen Fuß auf eine der Pariser Opernbühnen gesetzt hatte, aus welchen Gründen auch immer. Doch jetzt, kurz bevor die schwangere Diva eine Babypause einlegen wird, konnte sie das Pariser Publikum in der Opéra de Bastille erleben als Giulietta in Bellinis "I Capuleti i Montecchi". Und kein Zweifel, es hätte ihr großer Abend werden sollen.
Bellinis zweiaktige Oper "I Capuleti e i Montecchi" wurde gar als Premiere angekündigt in der Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen. Dabei handelte es sich um eine Wiederaufnahme einer Produktion aus dem Jahr 1996. Einzig der Dirigent Evelino Pido war aus der ursprünglichen Besetzung übrig geblieben. Jetzt an Netrebkos Seite in der Rolle des Romeo sang die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato, und sie ist dem Pariser Publikum durch viele Produktionen bestens vertraut. Als Plattform zur fokussierten Sängerdarstellung ist Bellinis Werk von 1830 grundsätzlich gut geeignet. Lediglich 5 Sänger und Sängerinnen umrahmt von zwei Männerchören agieren in einer Art Kammeroper. Mit Shakespeares Tragödie hat das Libretto von Felice Romani wenig gemein. Zugunsten des Dramas der beiden Liebenden hat der Librettist die Handlung äußerst verkürzt und schematisiert. Die schnellen Schnitte und Szenenwechsel wirken bisweilen grotesk abrupt, hat man ein paar Passagen Shakespeare im Hinterkopf, vermisst man hin und wieder die fein gezeichnete dramaturgische Entwicklung der tragischen Ereignisse. So konzentrieren sich die knapp drei Stunden ganz auf die Seelennöte, die Romeo und Giulietta erleiden, und dank Bellini, der auch in den ergreifendsten Szenen der Verzweiflung, ja des Todes nie die Facon des Belcanto verliert, sind das auch stets musikalisch poetische Momente.
Die jugendliche Liebe - über deren Vorgeschichte schweigt die Oper - vertrocknet im Abgrund tiefen Hasses der verfeindeten Familienclans Capuleti und Montecchi. Schwarzrote Riesenmauern, die jeweils szenisch anders angeordnet werden, drängen die Sänger gewaltig an den Rand des Nicht-mehr-Handeln-Könnens. Giuliettas Vater Capello ist so vermauert wie die Quader, die sich meterhoch vor ihm auftürmen. Stur beharrt er auf der blutigen Vergeltung für die Ermordung seines Sohnes durch Romeo, seine Gefolgsleute lauern kriegsgeil mit gezückten Degen. Giovanni Battista Parodi als monumentaler Patriarch poltert enorm rollengerecht, doch leider wirkt er blutleer unter Carsens dünner Personenregie. So auch sein Traumschwiegersohn Tybald, der immerhin durch Matthew Polenzanis geschmeidigen Tenor weiche, gar schillernde Züge bekommt. Fade staksen die stimmlich stattlichen Männerchöre durch dilettantische Kampfszenen. Für die Kostüme hat Bühnenausstatter Michael Levine phantasiearme historische Renaissancegewänder mit Wams und unsexy Pluderhosen schneidern lassen, nur Joyce DiDonato in der Hosenrolle des Romeo macht darin ein wirklich gute Figur. Die beherrschenden Bühnenfarben schwarz symbolisch für den Hass und den Tod und rot für die Liebe und das Blut, bleiben Carsens und Levins dürftiger Interpretationsansatz.
Gleißend hell wird es lediglich, wenn die weißgewandete Giulietta alias Anna Netrebko auftritt. Schneewittchengleich steht sie dann da mit fransig offenen schwarzen Haaren, den Rücken zum Publikum gewandt. Klassischer geht es nicht, beliebiger fast auch nicht. Netrebkos Giulietta ist unsicher, brav und bieder, im Grunde langweilig. Keine Frau, um in wilder Liebe durchzubrennen. Warum sie der ungemein feurige Romeo liebt? - ein Rätsel. Kleine Intonationsschwächen trüben Netrebkos Interpretation, ihr schöner nicht golden glänzender, vielmehr messingfarben funkelnder Sopran kommt erst dann richtig zum Vorschein, wenn sie mezzavoce singt, ein Highlight besonders im hohen Register. Standardisiert wirken teilweise ihre Gesten, geradezu unbeteiligt kniet sie da, sie, die doch das Fach der großen Emotionen für sich reklamiert, als Romeo ihr zu Füssen sein Leben aushaucht.
Dass man auf der Operbühne nicht vollendeter sterben kann, zeigt die hochsensible Joyce DiDonato in diesem zeitenthobenen Augenblick. Was die klug agierende Mezzosopranistin aus dem kämpferischen, leidenschaftlichen jungen Mann macht, wie sie ihn wütend aufbrausen und zärtlich begehren lässt, ist schlichtweg grandios. Angefeuert von Evelino Pidos tänzerischem Dirigat, welches dem Orchester beeindruckende kammermusikalische Transparenz und dunkle Klangfarben entlockt, ist sie es, die mit jeder Szene mehr und mehr zum Star des Abends avanciert. Am Ende stirbt natürlich auch Giulietta, aber das nur noch im Schatten ihres geliebten Helden - Anna Netrebko zuckt ein letztes Mal, ihr konventionelles Debüt in Paris in zweiter Reihe.
Julia Schölzel
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