Große Oper in Münchens zweiter Oper: Das Gärtnerplatztheater bringt Verdis "I Masnadieri" zur Erstaufführung
(München, 15. März) "Don Carlo" ist die berühmteste Schiller-Vertonung Giuseppe Verdis, seltener gespielt wird "Luisa Miller" nach "Kabale und Liebe". Verdis erste Beschäftigung mit einem Drama des berühmten Weimarer Dichters galt bereits 1847 den "Räubern": "I Masnadieri" blieb jedoch bis heute im Schatten seines gleichzeitig entstandenen "Macbeth" und erlebte erst jetzt seine Münchner Erstaufführung.
Diese Premiere fand jedoch nicht an der Bayerischen Staatsoper statt, die vor einem Jahr mit einer spannenden "Luisa Miller" ihre Programmlinie mit Werken des jungen Verdi begann, nun aber nach dem Zugpferd "Nabucco" nächste Spielzeit erst einmal den kaum minder bekannten "Macbeth" herausbringt. Stattdessen setzte das Staatstheater am Gärtnerplatz alles auf eine Karte, führte dafür sogar die italienische Originalsprache ein (mit deutschen Übertiteln) und gewann auf ganzer Linie: Nicht nur, was das fabelhaft differenziert aufspielende Orchester unter dem neuen, charismatischen ersten Kapellmeister, dem 31-jährigen Ungarn Henrik Nánási betraf; auch das langjährige Ensemblemitglied Elaine Ortiz Arandes verkörperte fulminant Amalia, die weibliche Hauptrolle in einer exzellenten, packenden Aufführung.
Noch bevor ein einziger Ton erklungen war, schlurften verzweifelte, frierende Menschen mit schwarzen Wollmützen in abgerissener Kleidung auf eine Bühne, die zwischen Teilen eines als New Yorker Freiheitsstatue identifizierbaren Denkmals an die ausgebrannten Stahlträger des World Trade Centers erinnerte. Da schrie eine Frau unvermittelt "Antonio!" ins Publikum, und das Orchester antwortete nicht minder elektrisierend mit den ersten Fortissimo-Akkorden der Ouvertüre. Solche Überraschungsmomente gab es immer wieder in dieser Inszenierung von Thomas Wünsch, der die brandschatzenden Räuber Schillers als Terroristen in einer zerstörten Welt des 21. Jahrhunderts zeigte.
Ihr Anführer Carlo Moor (tenoral mächtig auftrumpfend: Zurab Zurabishvili), verleumdet von seinem Bruder Francesco (ein gewaltig düster drohender Bariton: Mikael Babajanyan) und daher vom Vater (ein nobler Bass: Guido Jentjens) verstoßen, ist hin und her gerissen zwischen seiner Liebe zu Amalia und den Männern, die in einer Welt ohne Gesetze, in der ein paar Reiche vielen Armen gegenüberstehen, keine Skrupel mehr kennen. Am Ende tötet er diese Frau, die ihm der Scharfmacher der Truppe (Florian Simson) ins Messer stößt, und übergibt sich selbst dem Schafott.
Henrik Nánási begnügte sich nicht damit, das jugendliche Ungestüm eines 34-jährigen Komponisten auszustellen, sondern hatte penibelst geprobt, damit jedes Detail stimmte, und nahm die Tempi ebenso flexibel wie er Phrasen weich ausschwingen ließ oder schwungvoll antrieb: Spannungsvoller und aufregender kann man sich frühen Verdi kaum vorstellen. Elaine Ortiz Arandes aber zeigte die Entwicklung und Traumatisierung eines verwöhnten Mädchens, das durch die Pflege eines alten Onkels, die ersehnte Liebe eines Mannes, dessen Bruder sie beinahe vergewaltigt, in Stimme und Spiel mit einer Intensität, die schlicht überwältigte. Ein großer Abend für Münchens "zweites" Opernhaus, das an diesem Abend zur ersten Adresse wurde.
Klaus Kalchschmid