Auf der Suche nach dem richtigen Leben jenseits des falschen

Benjamin Bruns, Franz-Josef Selig und Samuel Youn Foto: Enrico Nawrath

Die Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers" von Jan Philipp Gloger überzeugt nicht ganz, ist aber musikalisch unter der Leitung von Christian Thielemann trotz der kurzfristigen Neubesetzung der Titelrolle ein Erlebnis

(Bayreuth, 31. August 2012) Natürlich steckt in Wagners romantischer Schauerballade vom fliegenden Holländer auch jede Menge Kapitalismuskritik. So wie in Wagner selbst viel antikapitalistischer Furor vorhanden war, vor allem während der revolutionsbewegten 40er Jahre, als er z.B. am Dresdner Maiaufstand teilnahm und danach steckbrieflich gesucht wurde.
Dass Kapital und Besitz Unfreiheit, Unterdrückung und Ungleichheit erzeugen, ist auch eine zentrale Aussage von Wagners opus magnum, dem "Ring des Nibelungen". Die Idee dazu hatte Wagner ebenfalls in den 40er Jahren.
Insofern ist es nicht nur legitim, sondern auch sinnvoll, Kapitän Daland als Täter und Opfer frühkapitalistischer Umtriebe zu sehen, wie der Regisseur des neuen Bayreuther "Holländers" Jan Philipp Gloger das tut. Immerhin verschachert Daland seine Tochter an den Meistbietenden und erhofft sich aus der Verbindung weitere gute Geschäfte.
Sein Steuermann ist bei Gloger ein nervöses Kaufmannsbürschchen, ein Kaufmännchen, das ganz ausser sich gerät, wenn es die Schätze des Holländers sieht, während Daland eine Abgebrühtheit mimt, die er nicht wirklich hat. Im dunklen Zweireiher stolziert er über die Bühne und holt gleich mal eine Flasche Schaumwein, um auf die Geschäftsbeziehung, resp. die bevorstehende Hochzeit seiner Tochter mit dem Holländer anzustoßen.

Zunächst sieht die Bühne bei diesem "Holländer" aus wie das Innere eines Computers, Datenautobahnen und Chips blinken und flackern, Zahlen leuchten auf. Der Holländer, ein Börsenhändler oder Investmentbanker, wird aus dieser virtuellen Welt der Zahlen ausgespukt, zurück ins reale Leben geworfen. Wie die Casinobanker hat auch er den Bezug zur Realität verloren, existiert in einem Paralleluniversum, sucht nun das richtige Leben außerhalb des falschen.
Um die Fallhöhe zwischen dem Megazocker Holländer und dem biederen Geschäftsmann Daland deutlich zu machen, wählen Gloger und sein Bühnenbildner Christof Hetzer ein alles andere als realistisch gemeintes hübsches Bild: Daland und sein Steuermann paddeln in einem Ruderboot aus Holz inmitten der Computerwelt des Holländers umher, ziellos, planlos, aber doch guter Dinge.

Der Holländer ist also ein Aussteiger, er will raus aus dem verkommenen System. Gloger zeigt ihn als eine Art Outlaw mit einer Art schwarzer Blattern auf dem Kopf. Mit Rollenkoffer und leichten Mädchen, die er wie Fliegen verscheucht, im Schlepptau landet er an bei Dalands Hütte. Dort hat Senta bereits auf ihn gewartet. Auch sie ist eine Außenseiterin. Während ihre Freundinnen oder Kolleginnen emsig in Dalands Fabrik Ventilatoren verpacken und dabei fröhliche Liedchen singen - witzig inszeniert ist das - bastelt sich Senta eine Parallelwelt aus Pappkartons, die sie blutrot bemalt, so blutrot wie ihr Kleid.
Während Gloger die Kapitalismuswelt des Holländers und Dalands plausibel in Szene setzt, fällt ihm für die (Traum-)Welt Sentas nicht viel ein. Die bemalten Pappkartons wirken schon etwas lächerlich - und die aus ihnen gefalteten Engelsflügelchen, die sich Senta als Zeichen für ihre aller Erdenschwere enthobenen Liebe zum Holländer umschnallt, erst recht.

Dass die Annäherung zwischen ihr und dem ersehnten Manne dennoch zum Höhepunkt der Oper wird, liegt an der Musik. Adrianne Pieczonka und Samuel Youn wachsen hier über sich hinaus, unterstützt, ja angetrieben von einem blühend-intensiv, konzis-kraftvoll aufspielenden Festspielorchester unter Christian Thielemann. Der Bayreuther Haus- und Hofdirigent und musikalische Berater der beiden Intendantenschwestern bietet für Wagners vierte Oper eine beeindruckend vielfältige Palette an musikalisch-klanglichen Abstufungen an, lässt spannend, transparent, dramatisch aufgeladen, dabei niemals knallig musizieren. Schade, dass Youn sein sängerisches Heil fast nur im Fortissimo zu finden glaubt. Auch Pieczonkas Stimme ist nicht zu jeder Zeit gleichermaßen überzeugend geführt. Ein Deklamationsproblem haben fast alle Sänger dieser Produktion, was gerade in Bayreuth eigentlich nicht der Fall sein sollte. Hier ist der Erik Michael Königs besonders zu loben, der verständliche Wörter zu singen im Stande ist und dabei auch noch seinen Tenor klangschön führt. Franz-Josef Seligs Daland brummelt da auch viel zu viel in seinen nicht vorhandenen Bart hinein, auch wenn er stimmlich durchaus ansprechend ist. Darstellerisch und stimmlich überzeugend auch Benjamin Bruns als Steuermann, resp. Kaufmann.
Die beeindruckendste sängerische Leistung indes bietet in dieser Holländer-Inszenierung der Chor oder besser die Chöre, die auch szenisch mit viel Spielfreude und Engagement überzeugen. Einfach fantastisch, wie klar und prägnant die Stimmen über die Rampe kommen (Einstudierung: Eberhard Friedrich).
Am Ende entleibt sich Senta vor den Augen des Holländers, um ihm ihre bedingungslose Liebe zu beweisen - woraufhin auch der Holländer endlich sterben kann. Auch wenn Gloger den Doppelselbstmord symbolisch sieht, im Sinne einer Befreiung aus den sie umgebenden Zwängen, lässt er das Blut spritzen. Und zu den Erlösungsnachklängen im Orchester verpacken Sentas Kolleginnen jetzt das Liebespaar Senta und Holländer als Kitschfigur. Vermutlich eine Idee des Kaufmännchens...

Robert Jungwirth


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