Im Pariser Palais Garnier ist Rameaus erste Oper "Hippolyte et Aricie" zu bewundern
(Paris, im Juni 2012) 1733 komponierte Jean-Philippe Rameau seine Oper "Hippolyte et Aricie". Es war seine erste Oper. Rameau war bereits 50 Jahre alt und wagte mit diesem Werk den entscheidenden Schritt von seiner musikalischen Theorie zur Praxis. Ein für die Evolution der französischen Oper naturgemäß entscheidender Schritt. Die Barockoper in fünf Akten mit einem Prolog unterscheidet sich nicht von der damals in Frankreich üblichen dramatisch-musikalischen Struktur der Werke für das Musiktheater. Und doch provozierte diese Oper einen Skandal. Anders als in den Opern Lullys, die bis weit ins 18. Jhdt. musikalisches Gesetz in Frankreich waren, bot Rameaus Oper einen neuen Stil, der die Musikbegeisterten in Paris und am Hof in Versailles in "Lullysten" und "Ramisten" spaltete. Erstere verteidigten die Tradition, zweitere das Neue in der Musik.
Rameaus Opern sind musikalisch geschmeidiger als die von Lully, weniger höfisch. Sie verfügen über zahlreiche Balletteinlagen, die musikalisch ungewöhnlich reich sind. Im Gegensatz zu Lullys Opern entsprechen die von Rameau eher einem Zeitgeschmack, der nicht mehr von einem Sonnenkönig dominiert war, der in Sachen Musikstil allein entschied. Oper unter Ludwig XIV. war immer etwas steif und dramatisch und nur selten witzig. Rameaus Opern sind hingegen musikalisch verwegener, lustvoller und musikalisch brillanter als die von Lully.
Die verwickelte und von der griechischen Mythologie inspirierte Handlung erzählt von Phaidra, der zweiten Frau des Königs Theseus von Athen, die ihren Stiefsohn Hippolyte liebt. Der aber begehrt Aricie, die Tochter des zuvor getöteten Königs Pallas.
Im Palais Garnier wurde diese lyrische Tragödie nach einem Libretto von Simon Joseph Pellegrin unter der musikalischen Leitung von Emmanuelle Haim mit dem Orchester Concert d'Astrée aufgeführt.
Haim bewegt sich zwar auf dem Dirigentenpult immer ganz wild, gestikuliert, dass man schon beim Zuschauen ins Schwitzen kommt, doch das Resultat fällt eher bescheiden aus. Wie oft bei Emmanuelle Haim ist die Musik zu leise, zu unterdrückt, so als ob sie Angst habe, dass man die Sänger nicht mehr hören kann. Das ist sehr schade. Haim ist nicht Marc Minkowski, der Rameau-Opern immer sehr kraftvoll dirigiert und damit den ganzen musikalischen Reichtum dieser Partituren zum Ausdruck bringt. Hier sei nur an seine legendäre Aufführung der Oper "Platèe" ebenfalls im Palais Garnier erinnert. Sarah Conolly sang eine einfühlsame und stolze Phèdre und Anne-Catherine Gillet eine Aricie, die schöner nicht klingen konnte. Die gesamte Besetzung war hervorragend.
Weniger gelungen war die Inszenierung. Ivan Alexandre ist Musikologe, Journalist und Barockspezialist. Und so präsentierte er eine an der Originalaufführung orientierte Inszenierung mit statischen Bühnenbildern von Antoine Fontaine, die Architekturformen wiedergaben, die zwar schön anzusehen, aber mit der Zeit in ihrer bildlichen Eintönigkeit langweilig wirkten. Sänger und Chor agierten in der klassischen Manier des französischen Barock und ganz in der Tradition der Opern Lullys. Diese Idee des Philologischen ist an und für sich nicht schlecht, nur sollte so eine Inszenierung nicht allzu trocken und spröde wirken. Der junge französische Regisseur Benjamin Lazar, der seit einigen Jahren französische Barockopern möglichst originalgetreu auf die Bühnen bringt, macht vor, wie man das tun sollte: philologisch treu, aber mit viel Witz und Humor und ungemein perfekt.
Alexandres eher langweilige Regie und dazu die statischen Bühnenbilder erschwerten es dem Zuschauer, den ganzen Reiz dieses musikalischen Bühnenwerkes zu erfassen. Auch die musikalisch schwache Interpretation von Emmanuelle Haim tat das ihre, den Reichtum der ersten Oper von Rameau nicht voll zur Geltung zu bringen. Einer Oper, die man öfter hören sollte, denn sie bildet das Scharnier zwischen der eher steifen Versailler Hofoper im Stil Lullys und der neuen Oper von Paris, die nicht nur den Adel bei Hof, sondern auch das musikbegeisterte Publikum in Paris ansprechen sollte.
Thomas Migge
Paris,
Palais Garnier, Opera de Paris
Jean Philippe Rameau: "Hippolyte et Aricie"
9. Juni - 9. Juli 2012