Eine andere Form der Identität

Markus Hinterhäuser Foto: Salzburger Festspiele

Der Pianist Markus Hinterhäuser hat in seiner zweiten Saison als Konzertchef der Salzburger Festspiele ein außergewöhnliches Programm konzipiert. Im Gespräch mit KlassikInfo.de erklärt er, worauf es ihm dabei vor allem ankam.

KlassikInfo: Zwei thematische Zyklen gibt es im Konzertprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele, "Kontinent Sciarrino" und "Schubert-Szenen". Wie wichtig sind Ihnen solche thematischen Inseln innerhalb des Gesamtprogramms?

Hinterhäuser: "Sie sind mir und dem Publikum - das ist meine Erfahrung aus dem letzten Jahr - sehr wichtig. Sie sind eine Orientierungshilfe, eine Möglichkeit, sich in einem überschaubaren Zeitraum auf einem vielleicht etwas reflexiverem Niveau mit bestimmten thematischen, musikalischen, ästhetischen Fragen auseinanderzusetzen.
Ich glaube, dass es auch für mich als Programmgestalter in diesen ca. 65 Konzerten mit den Parametern, die ich zu berücksichtigen habe, wichtig ist, eine Geschichte zu erzählen. Diese Inseln, nennen wir es mal so, geben mir dazu die Möglichkeit. Und wenn man von diesen Inseln manchmal auch auf andere Programmpunkte Rückschlüsse ziehen kann, dann ist das eine gute Möglichkeit, diese Festspiele oder den Gedanken der Festspiele thematisch zu greifen."

Sprechen wir etwas konkreter über diese beiden thematischen Inseln. Um was geht es in den "Schubert-Szenen", um was geht es in "Kontinent Sciarrino"?

"Da muß ich kurz auf das letzte Jahr zurückkommen. Ich habe im ersten Jahr meiner programmatischen Verantwortung bei den Salzburger Festspielen zwei Serien eingeführt, "Schumann-Szenen" und "Kontinent Scelsi". Dieses Jahr gibt es "Schubert-Szenen" und "Kontinent Sciarrino". Die beiden Komponisten Schumann und Scelsi hatten natürlich auch mit dem Grundgedanken der letztjährigen Festspiele zu tun, der "Nachtseite der Vernunft". Da erschien mir Schumann absolut prädestiniert dafür, geradezu paradigmatisch für diesen Gedanken und Scelsi natürlich auch. Dieses Jahr geht es etwas vereinfacht gesagt um "Liebe und Tod". Es gibt - auch das etwas vereinfacht gesagt - in der gesamten Musikgeschichte wahrscheinlich niemanden, der diese zwei Themen nicht nur in seinen fast 600 Liedern, sondern auch in der Instrumentalmusik fast immer behandelt hat: Franz Schubert. Es gibt bei Schubert Möglichkeiten, in die Moderne weiterzudenken, in unsere Zeit. Und da war für mich wieder die Frage, wie kann ich eine Geschichte erzählen. Das für Schubert so zentrale Motiv des Wanderns, das ja nicht nur ein Wandern in der Welt, sondern auch ein Hinaustreten aus der Welt ist, ist auch ein zentrales Motiv bei Luigi Nono. Das gesamte Spätwerk steht unter dem Gedanken: Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen. Und von Nono ist der Weg zu Sciarrino nicht sehr weit. Eines der letzten großen Werke Sciarrinos hat den Titel "Quaderno di Strada", also "Buch der Strasse", das im Sommer aufgeführt wird. Das sind Eindrücke eines Vagabundierenden, eines Flaneurs. Es gibt bei Janacek das "Tagebuch eines Verschollenen", jemand, der aus seinem Leben heraus- und in ein anderes Leben eintritt, es gibt bei Kurtag die "Kafka-Fragmente", wo auch das Gehen, das sich Weg-Bewegen eine ganz zentrale Bedeutung hat. Also diese ganzen Dinge haben mich dazu veranlasst, mich mit Schubert auseinanderzusetzen und Schubert weiterzudenken. Ich glaube, dass diese "Szenen" und dieser "Kontinent" sich vielleicht im Verlauf der fünf Wochen als etwas Schlüssiges zeigen werden."


Auch bei den Solisten- und Kammerkonzerten gibt es durchaus eine Tendenz zum Besonderen, Außergewöhnlichen, so spielen etwa Lang Lang und Daniel Barenboim an zwei Klavieren Bartók oder András Schiff und Kirill Gerstein spielen Busoni. Welche Ideen stehen hinter solchen Konzerten?

"Also wenn man Festspiele macht - ich spreche jetzt von mir - sollte man sich, sollte ich mir bewusst sein, dass Festspiele im Idealfall doch eine ganz außergewöhnliche Situation darstellen, also bestimmt nicht das sein können, was man als die Verlängerung einer Konzertsaison bezeichnen könnte. Ich kann das nicht hundertprozentig erfüllen, ich kann allerdings versuchen - und das vor allem mit Künstlern, mit denen ich auch persönlich eine Gesprächs- und Gedankenbasis habe - etwas herzustellen. Die von Ihnen eben erwähnten Beispiele sind tatsächlich aus Gesprächen entstanden. Bei Lang Lang und Daniel Barenboim weiß ich, dass beide miteinander befreundet sind, dass Barenboim Lang Lang sehr schätzt. Da lag die Frage nahe, warum sie nicht etwas zusammen machen. Und da es sowieso im gesamten Festspielprogramm einen deutlichen Schwerpunkt Bela Bartok gibt, lag es nahe, dass sie die Sonate für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge spielen. Ich freue mich sehr darauf, beide haben in der Form öffentlich noch nie zusammen gespielt.
Ich fasse das ganze Festspielphänomen immer noch als eine große künstlerische Frage auf. Natürlich ist die Managementfrage oder das was man Kulturmanagement nennt - eine Wort, das mir gar nicht sympathisch ist - wichtig. Das kommt schon auch zu seinem Recht. Aber in aller erster Linie ist Festspiele zu programmieren, zu gestalten eine künstlerische Frage."


Ist es im 2. Jahr da einfacher geworden, von den Orchestern in dieser Hinsicht mehr Entgegenkommen zu bekommen als im ersten Jahr? Sie hatten sich ja etwas etwas über die mangelnde Flexibilität bei Orchestern beklagt.

"Die gesamte Orchestersituation bei den Salzburger Festspielen ist einer gewissen Änderung unterworfen. Früher war es sehr deutlich, dass vor allem in der zweiten Augusthälfte die Gastorchester kamen. Da setzten sich die großen Apparate in Bewegung spielten dann in Salzburg, in Luzern, bei den Proms und und und. Das ist auch in Ordnung, das wird es auch weiter geben. Aber trotzdem hat sich im letzten Jahr mit der Residenz des West-Eastern-Diwan-Orchestras unter Daniel Barenboim und in diesem Sommer mit dem Simon Bolivar Jugend-Orchester und Gustavo Dudamel etwas anderes herauskristallisiert, eine andere Form der Identität mit den Festspielen, eine andere Form der Präsenz eines Orchesters.
Was das eigentliche Residenzorchester der Festspiele betrifft, die Wiener Philharmoniker, kann ich nur sagen, dass es ein außerordentlich gutes Verhältnis gibt, das einen großen gegenseitigen Respekt und großes Vertrauen beeinhaltet. Ich kann durchaus mit den
Wiener Philharmonikern - und ich tu es auch - über Dirigenten, Programme sprechen. Für mich ist allerdings auch bei den Wiener Philharmonikern das allerwichtigste, dass sie eine Situation vorfinden, in der sie so gut sind, wie sie sein können - und das kann wirklich sehr sehr gut sein.
Also, ich versuche, die Stärken und die wunderbaren Möglichkeiten von Orchestern oder von Musikern nicht zu beschneiden. Das heißt nicht, dass es willkürlich wird, überhaupt nicht. Da kann man einen Weg finden."


Sie haben bereits die beiden Jugendorchester - wenn man so will - angesprochen, das West-Eastern-Diwan-Orchestra, das im vergangenen Sommer in Salzburg war, in diesem Sommer das Jugendorchester aus Venezuela mit Gustavo Dudamel. Welche Rolle spielen diese Jugendorchester, welche Rolle spielt dieser Teil des Programms, wird das zu einem festen Bestandteil der Festspiele?

"Es wäre schön, wenn es ein fester Bestandteil werden könnte, nur gibt es nicht allzu viele Jugendorchester, die den Anspruch haben, den diese beiden Orchester haben, der hohe politische Anspruch des West-Eastern-Diwan-Orchestras unter Daniel Barenboim und der hohe sozialpolitische Anspruch des Simon Bolivar Orchestras. Mir war das im ersten Jahr außerordentlich wichtig, diesen politischen Anspruch zu haben. Es wurde auch sehr viel diskutiert darüber, es gab Symposien, es gab die "Schule des Hörens", das öffentliche Zusammenkommen mit dem Orchester und mit jenen, die für das Orchester verantwortlich sind. Es wird die Schule des Hörens auch in diesem Sommer geben, sie wird von Nikolaus Harnoncourt geleitet werden.
Ich finde das außerordentlich wichtig und ich kann schon sagen, dass 2009 das West-Eastern-Diwan-Orchestra zurückkommen wird, nicht in der langen Präsenz, aber mit mehr Auftritten. Ich finde das einen ganz wesentlichen und bereichernden Moment der Festspiele, der auch sehr gut zusammengeht mit dem Gründungsgedanken der Festspiele, der ja ein durchaus politischer und einer mit einem hohen humanistischen Anspruch war. Das ist lange her, und wir leben in einer völlig veränderten Situation, aber ich kann Kunst und Musik und alles, was dazugehört, nicht von politischen Parametern trennen, das geht überhaupt nicht."

Interview: Robert Jungwirth