Hilary Hahn und Valentina Lisitsa in der Berliner Philharmonie
(Berlin, 23. März 2009) Als Albert Einstein im Jahre 1929 den 13-jährigen Yehudi Menuhin auf der Bühne der Berliner Philharmonie erlebt hatte, soll er ausgerufen haben, nun wisse er, dass es einen Gott im Himmel gebe. Was wäre ihm wohl eingefallen, wenn er fast exakt 80 Jahre später Hilary Hahn am nämlichen Ort hätte erleben können? Gewiss, die inzwischen 29-jährige ist dem Wunderkindalter längst entwachsen, aber die Reife ihres Spiels wirkt angesichts dieses Alters noch immer unglaublich. Auch sonst hat Hilary Hahn mit ihrem Landsmann Menuhin einiges gemeinsam: Beide sind Enkel-Schüler des belgischen Geigen-Übervaters Eugène Ysaÿe; beide verdanken Deutschland wichtige Impulse für ihre internationalen Karriere; beiden eignet eine außergewöhnliche Begabung für Fremdsprachen; in beider Repertoire nimmt Bach einen bevorzugten Platz ein; beide zeigen eine unerschrockene Vorliebe für unpopuläres Repertoire.
Solches präsentierte Hilary Hahn auch im Großen Saal der Berliner Philharmonie, und vielleicht ist es dem geringen Anteil an bekannten Stücken geschuldet, dass das Konzert bei weitem nicht ausverkauft war: Beide Programmhälften boten Ysaÿe und Ives, die erste außerdem, quasi ein Zuckerstückchen für den Publikumsaffen, einige Ungarische Tänze von Brahms, die zweite die Rumänischen Volkstänze von Bartók. Vielleicht lag es auch am Marketing, waren doch bis kurz vor dem Konzert kaum Plakate zu entdecken, und die, die dann schließlich noch aufgehängt wurden, muteten mit dem mädchen- und märchenhaft weich gezeichneten Konterfei der Geigerin eher wie Werbung für ein Musical an. Wer sich von dem eher sperrigen Programm hat abschrecken lassen oder das Konzert schlicht übersehen hat, hat indessen etwas verpasst: einen Violinabend nämlich, wie man ihn hierzulande nicht allzu oft erleben kann.
Der Zauber von Hilary Hahn liegt in der Verbindung von traumwandlerischer geigerischer Sicherheit, feinem musikalischem Stilempfinden und einem überwältigend schönen, glasklaren und doch samtig weichen Ton - gemischt zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann. Ihre ganz große Stärke liegt in der Interpretation komplex strukturierter Kompositionen von Bach, Schönberg oder eben Ysaÿe, aber sie verfügt auch über spiel- und experimentierfreudige Seiten, die an diesem Abend in den ironisch gebrochenen Sonaten des amerikanischen Einzelgängers Charles Ives zutage traten. Kleine Abstriche wären allenfalls an den ersten aus der Folge der Ungarischen Tänze zu machen, die etwas unauthentisch erschienen, etwas bemüht temperamentvoll. Mit dem berühmten fünfter der Tänze schien sich Hilary Hahn dann aber frei gespielt zu haben und ließ etwas von dem Zigeunerblut erkennen, das Yehudi Menuhin als unabdingbar für einen Geiger erachtete; und mit den Rumänischen Volkstänzen des Ungarn Bela Bartók entzündete sie ein wahres Feuerwerk.
Dass der Funke dennoch auf der Bühne glühte und nicht ins Publikum überzuspringen vermochte, lag an ihrer Klavierpartnerin Valentina Lisitsa: Trotz ihrer unzweifelhaften pianistischen Meisterschaft, trotz sorgfältiger musikalischer Gestaltung und tadellosen Zusammenspiels wirkte die Ukrainerin merkwürdig uninspiriert und blass, eine brave Begleiterin, die ihr Soll erfüllt - aber eben nicht mehr.
So blieben die Solo-Sonaten des großen Eugène Ysaÿe die beiden einsamen Gipfel des Abends. Und es bleibt der Wunsch, dass Hilary Hahn bald wieder allein auftreten möge, gerne auch in der Berliner Philharmonie - den riesigen Raum samt den leer gebliebenen Stuhlreihen mit ihrer Musik zu füllen, bereitet ihr keinerlei Probleme.
Eva Blaskewitz