CD-Rezension

Hilary Hahn: Violinkonzerte von Schönberg und Sibelius
Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Dirigent Esa-Pekka Salonen
DG 477 7346


Um dieses Stück zu spielen, brauchte man an der linken Hand sechs Finger, soll Arnold Schönberg selbst scherzhaft über sein Violinkonzert geäußert haben, das er als fast 60-jähriger 1935 im amerikanischen Exil komponierte; bis heute machen die meisten Geiger einen großen Bogen um dieses äußerst anspruchsvolle Stück, das vor allem wegen der weiträumigen Doppelgriffe, komplizierten Akkordbrechungen und rasanten Wechsel zwischen gestrichenen und gezupften Tönen lange Zeit als nahezu unspielbar galt.

Für die mittlerweile 28-jährige Amerikanerin Hilary Hahn indes scheinen technische Schwierigkeiten noch nie ein ernstzunehmendes Hindernis gewesen zu sein. Ihre unfehlbare Intonationssicherheit und Bogenbeherrschung hat sie schon als 17-jährige mit einer sensationellen Einspielung der Solo-Sonaten und -Partiten von Bach unter Beweis gestellt und seither immer wieder mit rund einem Dutzend CDs und zahllosen Konzerten in den USA, Europa und Asien.

Auch Schönbergs exorbitant schwierigem Opus 36 zeigt sie sich, anscheinend völlig mühelos, gewachsen. Jahrelang hat sie sich damit auseinander gesetzt, hat hart an der speziellen Grifftechnik gearbeitet und die Wirkung des Stückes in vielen Konzerten erprobt, bevor sie es auf CD bannte. Die sorgfältige Beschäftigung mit der Komposition hat Früchte getragen: Hilary Hahn erweckt dieses komplexe, auch an die Aufnahmefähigkeit des Hörers beträchtliche Anforderungen stellende Stück zum Leben, mit klarem, makellos reinem, leuchtkräftigem Ton, bis in feinste Nuancen sorgfältiger Gestaltung und überwältigender Souveränität.

Einen kongenialen Partner findet sie dabei im Schwedischen Radio-Sinfonieorchester unter Esa-Pekka Salonen: Energiegeladen und mit organischem Klang bringt das Orchester die wunderbaren Farbeffekte in Schönbergs Partitur zur Geltung und schafft ein tragfähiges tönendes Geflecht, in das sich die Violinstimme einschmiegt, um dann immer wieder wie ein bunt schillernder Vogel daraus emporzusteigen.
 
Ähnliche Bedeutung gewinnt das Orchester auch in Jean Sibelius' berühmtem d-Moll-Konzert, entstanden 1903 und später vom Komponisten gründlich überarbeitet. Das Kollektiv bietet hier einen nordisch dunklen Untergrund für die eng damit verwobenen, aber über weite Strecken völlig frei stehenden Melodiebögen der Solo-Violine. Ohne jeden romantischen Kitsch, schnörkellos, mit schlankem und doch warmem Ton geht Hilary Hahn dieses monolithische Stück an - manchmal mit einer leichten Tendenz zum allzu Glatten, aber eben dadurch verleiht sie dem Werk eine Aura der Unnahbarkeit, die es fern jeder Gefühlsseligkeit seine ganze Größe aufscheinen lässt.

Eva Blaskewitz