Herbert Schuchs Konzeptalbum "Nachtstücke" bei Oehms Classics
Ja, es gibt sie noch, die unspektakulär stetig verlaufende, Stein um Stein aufgebaute Pianistenkarriere. Nach Wettbewerbserfolgen in London, Terni und Wien hat sich der inzwischen 30-jährige Kämmerling-Schüler Schuch kontinuierlich nach oben gearbeitet. Auftritte mit den meisten deutschen Radiosinfonieorchestern, bei den Festivals im Rheingau, in Kissingen und an der Ruhr sowie im Wiener Musikverein kann er vorweisen. Geschafft hat Schuch all das ohne die zahlungskräftige Marketing-Maschinerie eines großen Musikkonzerns: Schuch nimmt für Dieter Oehms' kleines Label Oehms Classics auf. Seine dritte, "Nachtstücke" betitelte CD für Oehms ist ein schaurig schönes Konzeptalbum geworden.
Mit welcher Liebe zum Detail dieses Album produziert wurde, sieht man schon auf der Rückseite der CD-Hülle. Dort und auf mehreren Seiten des Booklets ist eine der grotesk-komischen Gnomenkarikaturen zu sehen, die Jacques Callot im 17. Jahrhundert in seinen "Varie figure gobbi" versammelt hat. Das fratzenhaft Schwarzhumorige dieser Zeichnungen führt direkt zu Ravels Gaspard de la nuit, durch dessen letzten Satz Scarbo geistert, ein dämonischer Kobold, der die Menschen im Schlaf stört. Auch manchen Pianisten hat dieses Stück schon um den Schlaf gebracht. Herbert Schuch meistert diesen pianistischen Prüfstein mit analytischer Klarheit und metrischer Präzision. Sicherlich, eine Argerich hat diesen Scarbo unberechenbarer, sprunghafter herumgeistern lassen - ein Instinktmusiker ist Schuch nicht. Er überzeugt jedoch durch die gelungene Mischung aus intellektueller Durchdringung und Spürsinn für Stimmungen, Formen und Linien.
Um den Gaspard herum gruppierte Schuch anderes Nachtverhangenes: Skriabins 9. Sonate "Messe noire", Mozarts rätselhaft dunkles Adagio in h-Moll KV 540 und Nachtstücke von Schumann und Heinz Holliger. Wahrlich referenzhaft gelungen sind ihm die Schumannschen Nachtstücke op. 23, 1-4. Dem schwer schreitenden Puls des ersten Stück gibt er mit dezentem Rubato genügend Raum zum Atmen, im zweiten und dritten Stück entwickelt er beängstigende Rastlosigkeit, das vierte Stück adelt er mit klagend singendem Ton zu melancholischer Schönheit. Holligers Nachstücke, mit deren Hereinnahme Schuch einmal mehr eine Lanze für die Neue Musik bricht, schließen plausibel daran an. Holliger ist Schumann nahe in seiner von Weltschmerz gebrochenen Kantabilität, geht freilich in der Wahl der Ausdrucksmittel deutlich über Schumann hinaus. Bis hin zum Griff in die bloßen Saiten des geöffneten Flügels setzt Schuch all das minutiös um.
Hinweise zum Zustandekommen des Programms, zu inner- und außermusikalischen Bezügen zwischen den Werken und Komponisten gibt Schuch in einem Interview im Beiheft der CD. Den durch die Musik eröffneten Assoziationsraum erweitert er dort auch in Richtung von Kunst und Literatur. Wer sich von einer CD gerne zum Weiterhören, Weiterlesen und Weiterdenken anregen lässt, dem sei dieses Album wärmstens empfohlen.
Markus Schäfert