Japanisches Kino der 50er Jahre

Foto: Tommaso Le Pera

Die Oper "Gogo No Eiko" von Hans Werner Henze beim Festival dei due Mondi in Spoleto 

(Spoleto im Juni 2010) Gian Carlo Menotti gründete 1957 das Festival dei due Mondi im umbrischen Spoleto, um verschiedene Kunstformen zusammenzubringen: Schauspiel, Musiktheater, Konzerte, bildende Künste und Tanz. Ein Festival, das sehr berühmt wurde, gelang es dem italo-amerikanischen Komponisten, dank seiner ausgezeichneten Beziehungen, doch ganz grosse Namen nach Spoleto zu holen: Lucchino Visconti, Leonard Bernstein, Mstislav Rostropovic etc.

Vor drei Jahren dann die Revolution. Der damalige linke Kulturminister stürzte Francis Menotti, den Sohn des Festivalgründers, der in einer kuriosen Art monarchischer Nachfolge die Verantwortung für diese Sommerveranstaltung übernommen hatte. An Stelle von Francis Menotti wurde der Bühnenregisseur Giorgio Ferrara als künstlerischer Direktor ernannt und Ferrara will alles anders machen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen musikalische Veranstaltungen das Gros des Programms ausmachten. Ferrara, ein Theatermann, zieht das Schauspiel vor. So gibt es in diesem Jahr rund 30 verschiedene Theateraufführungen aber nur einige wenige Konzerte und eine Oper. Die aber hat es in sich.

So begann die 53. Ausgabe des Festival dei due Mondi in Spoleto mit "Gogo No Eiko". Einer Oper von Hans Werner Henze, der für diese Inszenierung sein Eremitendasein in den Albaner Bergen bei Rom aufgab und sich für sämtliche Proben- und Aufführungstage in Spoleto niederliess. Obwohl der 84jährige gesundheitlich schwer angeschlagen ist, kontrollierte er doch alles.

"Gogo No Eiko" ist keine neue Oper. Doch das ursprüngliche Werk aus den 80er Jahren wurde komplett von dem Komponisten überarbeitet und somit kommt der Aufführung in Spoleto in gewisser Weise ein Uraufführungscharakter zu.

Zwischen 1986 und 1988 komponierte Henze "Das verratene Meer". Ein Musikdrama in zwei Akten mit einem Libretto von Hans-Ulrich Treichen nach dem Roman "Gogo no Eiko" des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima. Die Geschichte einer Witwe und ihres pubertierenden Sohnes, der Mitglied einer Jugendbande ist. Als seine Mutter sich in einem Seemann verliebt und diesen heiratet reagiert der Sohn eifersüchtig. Zusammen mit seinen Freunden bringen sie den Mann um.

Henzes erste Fassung dieser Oper war auf deutsch. Für Spoleto liess er sie nicht nur ins Japanische übersetzen, was der gesamten Aufführung einen exotisch-fremden Charakter verlieh, der ausgezeichnet zu der tonal-atonalen Musik passte, die typisch für Henze ist. Der Komponist baute auch die Rolle der weiblichen Protagonistin Kuroda Fusako aus, die in den beiden ersten Fassungen im Vergleich zu den männlichen Rollen erstaunlich kurz kam.

In dieser Oper wird Henzes ungewöhnlich ausgebildetes dramaturgisches Gespür besonders deutlich wie auch sein angstfrei eklektischer Umgang  mit verschiedenen Musikstilen. Interessant ist bei dieser Komposition seine Vermischung von seriellen und minimalistisch anmutenden Elementen.

Die Sänger waren bis auf Carlo Kang allesamt Asiaten, was der Aufführung in Spoleto eine japanisch anmutende Authentizität verlieh. Es dirigierte Johannes Debus das Orchestra Verdi aus Mailand, eines der besten Nachwuchsorchester Italiens. Debus Interpretation war stark dramatisch und überzeugend und bildete einen perfekten Gegenpart zur der an das japanische Theater erinnernden Statik der Bewegungen der Sänger. Die Besetzung war homogen und alle Stimmen überzeugten, vor allem JiHye Son als Kuroda Fusako.

Die Regie hatte Festivaldirektor Giorgio Ferrara. Er liess die Darsteller in dem Bühnenbild von Gianni Quaranta, sich automatisch bewegende vertikale und horizontale Elemente, die an ein asiatisches Haus erinnerten, nach traditionellen japanischen Bewegungsschemata auftreten. Man fühlte sich das japanische Kino der 50er und 60er Jahre erinnert. Alles wirkte sehr stimmig. Eine mehr als gelungene Aufführung, wie man sie sich auch für die Scala und andere grosse Haus in Italien wünscht, wo Henzes Opern allerdings absoluten Seltenheitswert haben.

Ein Lob gebührt dem Lichtdesigner AJ Weissbard. Er arbeitet oft für Robert Wilson und man sah es auch in dieser Aufführung.

Thomas Migge