Un uomo dolce

Henri Bonamy Foto: wildundleise


Henri Bonamy spielt Schubert, Brahms, Mussorgsky und Debussy auf CD
Label Genuin

Er ist das, was man im Italienischen mit großer Hochachtung "un uomo dolce" nennt, einen sanften, einfühlsamen Mann: Der Pianist und Dirigent Henri Bonamy hat für sein Alter - 30 Jahre - zarte, fast knabenhafte Gesichtszüge, schüchterne, aber wache Augen und er redet auch so. Ein Mann, der durchaus weiß, was er schon ist und was er will, dies aber nicht mit Macho-Allüre herausposaunt. Man hört das auch in seinen beiden, beim kleinen Label Genuin veröffentlichten CDs: letztes Jahr Brahms-Intermezzi und Schuberts Gasteiner-Sonate, jetzt Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", kombiniert mit Debussys "Images".

Beim opus 116 und den beiden Rhapsodien opus 79 von Brahms schafft Bonamy die Quadratur des Kreises: Leidenschaft und dunkle Farben mit Klarheit und Leuchtkraft des Spiels zu verbinden. Bei Schubert dann eine wunderbar luzide Durchsichtigkeit, die ebenso vorsichtig wie umsichtig zu Werk geht, im Scherzo aber auch harschere und grellere Töne anschlagen kann und dann mit einem sprudelnden, die Saiten oft nur anreißendes Parlando neben kräftigen Akkord-Akzenten verblüfft.

Auch auf der neuen CD verschmelzen verschiedenste Qualitäten zu einer Synthese: Sicher kann man die "Bilder einer Ausstellung" wilder, gewaltiger, mit mehr pianistischer Pranke spielen, aber der junge Franzose ist ganz Franzose, wenn er die Farben dieses Zyklus hell und klar leuchten lässt. Denn die Bilder, die Mussorgsky vor Augen hatte, waren ja keine riesigen Schinken, sondern Miniaturen. Also schimmern die Konturen fein, artikuliert und phrasiert Bonamy mit großer mediterraner Klarheit. Und die "Promenade" des von Bild zu Bild Gehenden kommt immer, selbst wenn sie mit vollgriffigen Akkorden "instrumentiert" ist, leichtfüßig daher, französisch eben. Herrlich frei und unabhängig spielen die beiden Hände in "Limoges, le marché" und selbst in den letzten beiden Stücken, "Baba Jaga" und dem triumphalen abschließenden "Großen Tor von Kiew" stehen die pointiert herausgearbeiteten Strukuren im Vordergrund und nicht der äußerliche pianistische Effekt.

Bezeichnend, dass Bonamy diese Galerie mit subtil durchleuchteten "Images" von Claude Debussy ergänzt. Beide "Bücher" dieser "Bilder" und auch die erst 1978 veröffentlichten "Images Oubliées" versammelt die CD. Anders als in der "Promenade" bei Mussorgsky, die das Betrachten der imaginären Bilder durch das Gehen eines Besuchers verbindet, stehen die Debussyschen Stücke für sich. Doch sie ergänzen den Kosmos des Russen aber aufs Schönste. Auch hier wieder lässt Bonamy die Konturen nicht verschwimmen, sondern tönt jeden Akkord, jeden Rhythmus fein ab, scheut sich aber auch vor obertonreichenn Akkzenten wie im dritten Stück aus den "Images oubliées" nicht. Perfekt gelungen ist hier der Übergang zum berühmten ersten Stück der Images, den "Reflets dans l'eau", dessen Spiegelungen nicht schöner glitzern und vibrieren könnten. 

Die Idee hinter dieser Kombination: Bonamy wollte als Franzose nicht auf entsprechendes Repertoire festgelegt werden und da er durch seine Lehrer - Dmitri Bashkirow in Paris und Elisso Wirssaladze in München - auch die russische Schule kennen und lieben gelernt hat, lag die Kombination der "Bilder" von so unterschiedlichen Komponisten nahe. Auch in seinem nächsten, noch im Stadium der Planung begriffenen Projekt, will er Welten miteinander konfrontieren: Bach und Zeitgenossen könnten das etwa sein. Und zwischendurch ist er auch sehr gerne Dirigent, der sein Handwerk bei keinem geringeren als Bruno Weil gelernt hat, und das nicht nur, wenn seine Frau am Flügel sitzt! Denn "der Pianist ist ein einsames Tier, doch als Dirigent muss man immer kommunizieren. Und das ist eine große Herausforderung. Immer muss man - fast wie bei Martial Arts - perfekt vorbereitet sein, dann aber alles vergessen und die Musik einfach fließen lassen."

Klaus Kalchschmid

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