Das Gürzenichorchester Köln hat am 2. September die Konzertsaison fulminant eröffnet: Mit Hélène Grimaud als Solistin in Johannes Brahms zweitem Klavierkonzert und Héctor Berlioz "Symphonie Fantastique". Zwei Tage davor gastierten die Musiker unter der Leitung von Markus Stenz im Concertgebouw Amsterdam.
(Köln, Amsterdam, Anfang September 2012) Und ein Vergleich der beiden Konzerte reizt natürlich. Denn die Konzertsäle spielten bei beiden Werken mit. Die Akustik des Concertgebouws - errichtet nach dem Grundriss des damaligen Leipziger Gewandhauses - ist ebenso legendär wie die Showtreppen, die Dirigent und Solist links oder rechts neben dem mächtigen Orgelgebäude mit ihren Kuppeldächern herunter aufs Podium steigen. Von diesem Platz aus hat Willem Mengelberg das Concertgebouw und das nach seiner Residenz benannte Orchester - eine weitere Parallele zu Leipzig - berühmt gemacht. Hier haben alle großen Dirigenten schon gestanden. Die Dimensionen und die Höhe des hellen Saals, durch 18 Fenster dringt sogar Tageslicht, spürt man besonders, wenn man auf der obersten Galerie von hinten durch den Raum auf die Bühne unten blickt. An der Wand entlang grüne Schilder, die mit goldenen Lettern eingeschriebenen Komponistennamen tragen. In der rechten oberen Ecke über uns leuchtet der Schriftzug von Brahms. Brahms soll übrigens den letzten Anstoß zum Bau dieser akustisch fantastischen Schuhschachtel gegeben haben. "Nach Utrecht müsse man kommen, um zu musizieren, nach Amsterdam, um zu essen!" Das habe er nach einem enttäuschenden Konzert in einem kleinen Saal an der Kaisergracht beim Weggehen in seinen Bart gebrummelt haben. Die Amsterdamer Bürger ließen das nicht auf sich sitzen. Zwischen Kuhwiesen, auf nicht weniger als 13.000 ins Erdreich gerammten Holzpfählen wurde das Concertgebouw dem vom Meer unterspülten Untergrund abgetrotzt. Noch im selben Jahr der Einweihung 1888 wurde auch das Orchester gegründet. Das Dorf an der Zuidersee, wie die sympathische Backsteinstadt gern apostrophiert wird, schwingt sich zu einer der bedeutendsten musikalischen Metropole in Europa auf.
Mit dem sanften Hornruf vorne aus dem Orchester wird Johannes Brahms, der mit seiner zynischen Bemerkung so viel hier bewirkt haben soll, dann musikalisch präsent. Das Klavier antwortet elegisch. Das Horn fragt weiter. Das Klavier antwortet noch einmal. Die Holzbläser übernehmen, die Streicher mischen sich dazu und lassen alles wieder im piano verebben. Pause. Dann gibt das Klavier in einem gewaltigen Aufschwung die weitere Marschroute vor. Johannes Brahms zweites Klavierkonzert ist ein einziger großer Dialog zwischen Pianist und Orchester. Und das Gürzenichorchester Köln hat sich eine namhafte Dialogpartnerin ausgesucht': Hélène Grimaud. Die vier Sätze dauern eine Dreiviertelstunde. Das Werk, das ganz oben vor allem auf der Liste männlicher Interpreten steht, verlangt Kraft, ein Zupacken in vollgriffige Akkorde, die nicht selten von der Orchesterpartitur dann einfach aufgesogen werden und einen Mittelstimmenpart geben. Da tritt der pianistische Furor in den Hintergrund. Zudem verlangen die Vollgriffe auch noch eine rhythmische Präzision und lassen keine extravaganten Mätzchen zu. Hélène Grimaud geht in diesen Aufgaben ganz konzentriert auf. Es gibt aber auch geisterhaft wuselnde Momente im Klavier, die sie fast impressionistisch zeichnet. Auflösungstendenzen, wo alles in sich zusammensinkt, um dann mit großem pathetischen Schwung wieder ans Laufen gebracht zu werden und auch schon einmal ellenlange Sequenzen produziert. Das Orchester zaubert mit. Markus Stenz bindet die Gegensätze unter große Bögen. Er ist ganz einfach und ohne große Gestik aufmerksam bei der Solistin, führt das Orchester mit Verve, wo es sein muss, kostet die eruptiven Momente voll aus, beispielsweise die Ausbrüche im dramatischen zweiten Satz.
Das Orchester steht der Solistin in nichts nach, und ist in dem teilweise wie eine große Sinfonie angelegten Part auch extrem gefordert. Es gibt bei Brahms aber auch die ganz besonderen poetischen Momente. Das Violincellosolo am Beginn des dritten Satzes, das Ulrike Schäfer in beiden Konzerten wunderbar zeichnet, nur begleitet von zupfenden Bratschen, den anderen Celli und den Kontrabässen. Das sei der Moment, auf den sich der Cellist Georg Heimbach nach den anstrengenden vorangegangenen Sätzen am meisten freut, wie er kurz vorher in der Kantine erzählt. Und im Klaviersolo formt die Grimaud dann aus der Melodie traumhaft tropfende Töne in feinem Streichernebel. Brahms, den Melodiker mit seinen Kraftpaketen in den Rockschößen, die immer wieder hervorschießen, er kommt in der Gesamtanlage hier in eine wunderbare Balance, wobei die Pianistin - liegt es an der großen Distanz bis zur hinteren Galerie, fast etwas zurückhaltend, timid wirkt. Vielleicht ist das aber auch den vielen Trailern und Youtube-Auftritten geschuldet, einer medial kreierten Kunstfigur Grimaud, über die schon so viel geredet und geschrieben wurde und die auf der Bühne doch eine ganz andere Persönlichkeit ist. In der Kölner Philharmonie war der Eindruck dann noch einmal anders. Vielleicht, weil die Bühne in dem amphitheatralen Rund der Philharmonie die Solistin dem Publikum näher rückte und auch die akustischen Verhältnisse die polyphonen Binnenstrukturen plastischer hörbar machte. In Köln berückten Feinheiten das Ohr, die in der großen Akustik des Concertgebouws nicht hörbar waren. Die Pianistin schien aber auch mit größerer Spielfreude und gelöster am Werk. Und schon nach dem ersten Satz schenkte sie dem Dirigenten ein hinreißendes, wenn auch kurzes, glückliches Lächeln.
Héctor Berlioz' "Symphonie fantastique" erlebte in Amsterdam eine ungeahnte Wucht. Ebenfalls ein Werk der großen Geste und zunächst ein Dialogstück wie das Brahmskonzert. Gleich am Anfang formt Stenz jede Phrase rhetorisch wie die Sätze eines inneren Selbstgesprächs voller Zweifel mit Frage - Pause. Antwort - Pause. Streicher dominieren und füllen den Raum bis die Idée fixe ertönt, die durch das ganze Werk geistert. Der rasende Walzer des zweiten Satzes wird mit leicht wienerischem Charme zelebriert, zweite und dritten Zählzeit vor dem Hauptschlag werden gestaucht. Stenz lotet die Partitur auf ihre Extreme aus, die rhythmische Kraft in entwickelt "Sacre du printemps"-Gewalt und es gelingen auch besondere Effekte: Effekte, wie die "Fernoboe" hinter der Tür in den "Szenen auf dem Land" ein Nachhall auf die Hirtenrufe des Englischhorns, die an die einsamen Hirtenrufe aus dem dritten Akt "Tristan" erinnern könnten. Tumultuös lustvoll krächzende Holzbläser im "Hexensabbat". Das Schlagen des Bogens auf die Saiten oder der dilirando-Effekt beim sul ponticello-Spiel der Streicher, übrigens eine Idee von Markus Stenz, das alles macht den Wahnsinn in den Notenzeilen so plastisch wie selten gehört.
Mit der um ein Achtel versetzt nachschlagenden großen Trommel produzieren sie an diesem speziellen Ort ein Rumpeln, dass man meint, die Kölner U-Bahn verfolge das Gürzenichorchester bis ins Concertgebouw. Der Saal wackelt wie bei einem Erdbeben. Das Blech, vor allem die beiden Tubaspieler sind bis zu ihrem großen Eintritt im "Dies irae" rechts hinter den Kontrabässen so versteckt geblieben, dass sie wie aus dem Jenseits tönen. Die rechte Galerieseite beugt sich beängstigt nach vorne, um die bedrohliche Schallquelle aus dem Nirgendwo auszumachen. Und plötzlich wirft ein Mann die Arme hoch, um in einer großen Geste dem Becken seinen Einsatz zu geben, der auch prompt kommt. Die Zuhörer kennen hier wohl die Partitur. Das Publikum in Amsterdam springt schon im letzten Finalschlag begeistert von den Stühlen auf. Selbst die Plätze neben der Orgel hinter dem Podium waren besetzt. Und auch ein Kölner Fanclub, 50 Abonnenten, sind im Bus angereist, haben sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen. In Köln war der Jubel in der ausverkauften Philharmonie ebenfalls groß, wenn auch etwas gefasster als in Amsterdam. Wenn die Saison so weitergeht, wie es dieser Auftakt verspricht, dann darf man von dem Orchester viel erwarten. Die auf über 5000 angewachsene Abonnentenzahl scheint das schon jetzt zu bestätigen.
Sabine Weber