Das umgekehrt Erhabene

Marc Minkowski Foto: Lillian Birnbaum/DGG

Les Musiciens du Louvre spielen bei den Salzburger Festspielen Haydn-Symponien mit überschäumender Spielfreude

(Salzburg, 6. August 2009) Mit Haydns Humor ist es so eine Sache. Die einen überhören ihn, die anderen überspielen ihn. Meist geschieht beides, weil eines die Folge des anderen ist.
Alfred Brendel, der große Haydn-Verehrer und -Spieler, prägte angesichts einer bestimmten Stelle in einer Klaviersonate von Haydn das schöne Bonmot: "Der Pianist, der hier seinen Hörern kein Lächeln entlockt, sollte Organist werden." Das Pariser Publikum des späten 18. Jahrhunderts schätzte Haydns Symphonien offensichtlich gerade wegen ihrer geistreichen und humorvollen Einfälle. So ist das "Gegacker" im Kopfsatz der für Paris entstandenen g-moll-Symphonie (Hob. I:83) nicht nur in seiner Wirkung hochoriginell und witzig, sondern auch eine Anspielung auf ein Cembalostück Rameaus mit dem Titel "La Poule". Die Pariser erkannten dies und nannten nun Haydns Werk nun ebenfalls nur noch "La Poule".
Das Witzige in dieser Symphonie wird noch unterstützt durch den bedeutungsvollen, ja tragischen Gestus, in den diese Witzeleien eingebunden sind - ein wirklich aberwitziger Kontrast, der bestätigt, was Brendel über den Humor in der Musik sagte, indem er Jean Paul zitierte, Humor sei das umgekehrt Erhabene.
Das Maß an Esprit und Charme, verbunden mit einer schier überschäumenden Spielfreude, mit denen Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski die Witzeleien verlebendigen, ist von so umwerfender Wirkung, dass man wirklich beinahe losprusten muß. Nicht anders die brummelnden Bassfiguren im Finale der C-Dur-Symphonie (Hob. I:82), die ihr den Beinamen "Der Bär" eintrug. Aber ganz unabhängig vom Gespür für den Humor und den Esprit dieser Musik, der ja auch in den überraschenden melodischen und harmonischen Wendungen liegt, war diese Interpretation von Les Musiciens du Louvre so farbig im Klang, so spieltechnisch virtuos, dass man vor Vergnügen quietschen wollte.
Wie sehr dieses wunderbare Ensemble mit seinem Gründerleiter verschweißt ist, zeigte sich auch daran, dass es Minkowskis reichlich unorthodoxe Dirigierbewegungen jederzeit in sprechenden Klang zu verwandeln versteht.

Mit der B-Dur-Symphonie, der die Vorliebe der französischen Königin für das doch recht bescheidene Menuetto den Beinahmen "La Reine" einbrachte, und der feuerwerksähnlichen G-Dur-Symphonie (Hob. I:88) wurde dieses reine Haydn-Programm im Rahmen eines dreiteiligen Haydn-Zyklus des Orchesters bei den Festspielen komplettiert.
Ein fantastischer Abend, der alle Orchester und Dirigenten, die Haydn so spielen, dass einem schon mal die Füße einschlafen, (mindestens) zu Organisten degradiert.

Robert Jungwirth