Nikolaus Harnoncourt dirigiert Antonin Dvořáks "Stabat mater" bei der styriarte in Graz
(Graz, 26. Juni 2012) Seit 1985 gibt es die "styriarte"; und seit mehr als einem Vierteljahrhundert wird dort gepflegt, was manche etwas salopp "Musik im Originalklang" nennen. In Wirklichkeit ist dieser Begriff in Graz immer sehr großzügig ausgelegt gewesen und mit der künstlerischen Entwicklung und den Ideen des Hauptkünstlers mitgewachsen: Nikolaus Harnoncourt ist der Fixstern des Festivals. Für ihn wurde die "styriarte" ins Leben gerufen. Und er gibt bis heute - obwohl das Festival inzwischen mit Mathis Huber einen fürs weitgefächerte Programm verantwortlichen Intendanten hat - durch die Wahl der Werke, die er selbst dirigiert, die unübersehbare große Linie vor, die alle Jahres-Editionen miteinander verbindet.
Das diesjährige Motto lautet "Familienmenschen", womit mitnichten aufs behagliche Familienleben angespielt wird. Selbst der "Ring des Nibelungen" fände wohl unter diesem Programmschirm Platz. Auch die Oper des Vorjahres, Smetanas "Verkaufte Braut", fiele - wie fast alle Opern des gängigen Repertoires, von "Figaro" und "Rigoletto" bis "Salome" und "Elektra" - darunter.
Offiziell ist die "styriarte" seit 22. Juni eröffnet. Aber die "wirkliche" Inauguration blieb, wie immer, Nikolaus Harnoncourt vorbehalten. Sie betraf heuer Antonin Dvořáks "Stabat mater", die wahrscheinlich längste aller Vertonungen dieses geistlichen Sujets, an dem sich viele versucht haben, bis hin zu Arvo Pärt und Wolfgang Rihm. Das "Stabat mater" hat wohl auch den Anstoß fürs Motto gegeben: Als Dvořák 1876 mit der Komposition dieses Werks begann, schien die Familienwelt - für die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts - noch in Ordnung zu sein. Die Dvořáks hatten zwar ihr jüngstes Kind gleich nach der Geburt verloren, aber es gab einen zweijährigen Sohn, und Anna Dvořák war bereits wieder guter Hoffnung. Und noch bevor das Töchterchen Ruzena zur Welt kam, hatte der Komponist sein "Stabat mater" im Particell vollendet. Doch dann starben die kleine Ruzena und der dreijährige Otokar im Sommer 1877. Diese zweifache Katastrophe gab den Anstoß für die Umarbeitung der Komposition: Dvořák fügte den bestehenden sieben Sätzen drei weitere hinzu, komponierte also alle zehn Strophen des "Stabat mater" und instrumentierte den Klaviersatz aus. So entstand ein Werk, das in der Regel in opernhafter Üppigkeit präsentiert wird.
Nicht so bei Harnoncourt. Nach dem Konzert gratulierte ein aficionado dem Dirigenten mit den Worten "Es war wunderschön, wie immer." Und Harnoncourt erwiderte, noch vom Konzert abgelenkt: "Es war nicht wie immer." Und traf damit den Nagel auf den Kopf: Er nimmt dem "Stabat mater" nichts von seiner dramatischen Kraft - im Gegenteil, er spitzt sie bis zum Äußersten zu -, aber er versucht, die Intimität der ursprünglichen Komposition von 1876 zu bewahren. Nicht Verdi kommt dabei als Vorbild zum Vorschein, sondern der Brahms des "Deutschen Requiem". Es herrscht sozusagen ein geballtes und in langsamen Tempi ausgemaltes Pianissimo als Grundton, in das immer wieder wilde Fortissino-Blitze hineinfahren, und zwar nicht erst in die dramatische Steigerung des Finalsatzes, der dann doch wieder in kaum hörbaren Instrumentaltakten ausklingt.
Unter Harnoncourt ist das, als hörte man dieses Werk zum ersten Mal. (Oft wird es ja hierzulande sowieso nicht gespielt.) Und das liegt nicht zuletzt auch an der sorgfältigen Auswahl der Sänger, von denen einige nicht zum ersten Mal unter Harnoncourt zu hören waren, wie Luba Orgonázová, Saimir Pirgu und der zum profunden Bass herangewachsene Ruben Drole, wobei dieses Mal Droles füllige, runde und lyrisch abgetönte Bass-Stimme und die dezente dunkle Farbe der österreichischen Mezzosopranistin Elisabeth Kulman (aus Salzburg als Orfeo unter Riccardo Muti in bester Erinnerung) am stärksten überzeugten.
Der Arnold Schoenberg Chor sorgte - im kleinen Stephaniensaal klugerweise assistiert von einem Harmonium - für die vokale Grundierung, das exzellente Chamber Orchestra of Europe für die rechte Balance zum instrumentalen Part des Werks, das übrigens von vornherein nicht für den kirchlichen Gebrauch gedacht war, sondern für den Konzertsaal.
Am 6., 7. und 8. Juli dirigiert Nikolaus Harnoncourt geistliche Werke von Wolfgang Amadeus Mozart dort, wo sie hingehören und wo er jedes Jahr Konzerte leitet: in der Pfarrkirche von Stainz, südwestlich von Graz.
Derek Weber