Unterm Tanzboden

Nikolaus Harnoncourt kombiniert in Salzburg Josef Strauß und Schubert

(Salzburg, 26. Juli 2009) Tempora mutantur. Wer hätte sich vor 15 Jahren vorstellen können, dass Nikolaus Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen zusammen mit den Wiener Philharmonikern Strauß-Walzer aufführt? Wohl kaum jemand. Mittlerweile gibt es fast nichts mehr, was die einstige Galionsfigur der historischen Aufführungspraxis nicht dirigiert - bishin zu Gershwins Oper "Porgy and Bess" eben gerade vor ein paar Wochen bei der styriarte in Graz (siehe Interview mit Harnoncourt auf KlassikInfo.de).
Und so hat der zweifache Neujahrskonzert-Dirigent Harnoncourt offensichtlich auch kein Problem damit, auch bei den Salzburger Festspielen im Sommer mit Strauß-Walzern aufzuwarten, freilich eingebunden in ein Programm, das diese Werke in eine Beziehung zu anderen setzt - zu Schubert.

Ein Programm also, das das enge Verhältnis von U- und E-Musik im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts verdeutlicht, aber auch die qualitativen Unterschiede zwischen Strauß und Schubert.
Während es in Josef Strauß? Delirienwalzer zu Beginn mächtig "wagnert", sind die Sechs Deutschen Tänze von Schubert, die Anton Webern 1931 für Orchester umgearbeitet hat, wunderbare Beispiele für Schuberts starke Beziehung und Liebe zu Tanzmusiken wie Walzer, Ländler oder Polka. Eine Beziehung, die für die gesamte Kunstmusik des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus bedeutsam werden sollte, siehe Brahms, Bruckner, Mahler.
Harnoncourt widmete sich den drei Strauß-Preziosen mit großer Sorgfalt und Detailfreude, bevorzugte eher eine gewisse Zuspitzung statt eines Wiener-Schmäh-Klangs und ließ die Pele-mele-Polka zu einem grotesken Parforceritt werden.
Schuberts Große C-Dur-Symphonie nach der Pause spitzte Harnoncourt ebenfalls klanglich zu, vor den dräuenden Posauneneinwürfe des ersten und letzten Satzes erschrak man geradezu. Sie waren wie Rufer aus der Unterwelt, irgendwo weit unterm Tanzboden versteckt. Manches klang vielleicht ein wenig zu schroff, zu wenig lyrisch. Harnoncourt trieb der Symphonie alles Süßliche aus, selbst das Illusorisch-Süßliche, ließ vielmehr die Abgründe in dieser Musik beinahe immer deutlich werden. Im Andante mit seinem wahrhaft tragischen Abbruch, setzte Harnoncourt auf mehr als nur Ernüchterung, hier wurde eine existenzielle Erschütterung erfahrbar, die Schubert ergriffen haben mochte.
Den Schlußsatz mit seinem totentanzähnlichen Taumel und den dreinfahrenden Orchesterschlägen auf einem Ton dirigierte Harnoncourt streckenweise nicht mit der Hand, sondern mit der Faust.
Das Dreimäderlhaus hat endgültig ausgespielt -  im Grunde vorher schon bei Strauß.
Robert Jungwirth

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Dienstag, 28-07-09 13:43

B B aus München

tempora, lieber Herr Jungwirth!