Daniel Harding dirigierte in München Orffs "Carmina Burana"
(München, 16. April 2010) Wie viel Strawinsky in Orff steckt, wird gerne übersehen, weil Orff klugerweise nicht im Epigonalen verharrte, sondern durchaus eigene Wege beschritt. Dennoch ist sein berühmtestes Werk, die "Carmina Burana", entstanden zwischen 1934 und 1936 - ganz und gar nicht als systemkonforme Musik - ohne Strawinskys Vorarbeit kaum denkbar. Insofern hat es immer etwas für sich, Orff mit Strawinsky zu kombinieren, um Trennendes, aber auch Gemeinsamkeiten zu erkennen.
Warum Daniel Harding, der 35jährige staunenswerte Allrounder, nun aber ausgerechnet die brav-klassizistische Ballettmusik "Apollon musagète" wählte, wurde beim Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nicht wirklich klar. Scheinen hier beide Komponisten - von der Griechenbegeisterung einmal abgesehen - musikalisch-künstlerisch doch am weitesten entfernt voneinander zu sein. Schade eigentlich - denn es ist durchaus angebracht, die ach so große Originalität der Carmina etwas zu relativieren.
"Apollon musagète" komponierte Strawinsky 1927 als Auftragswerk einer amerikanischen Mäzenatin für ein Festival in Washington. Und über weite Strecken klingt es leider auch nur nach Auftragswerk. Tönend bewegte Langeweile macht da sogar mitunter breit, wenn man Gott Apoll und die Musen nicht auch tanzen sieht. Da kann sich das Programmheft noch so sehr darüber ergehen, wie wunderbar es doch sei, dass Strawinskys Ballette auch ohne Ballett funktionieren. Bei den anderen Stücken ist das auch gewiss der Fall. Bei "Apollon musagète" definitiv nicht.
Das lag nicht an der Interpretation Daniel Hardings, die gleichwohl vor lauter Sorgfalt und Respekt gegenüber dem edlen Klassizismus etwas zum Bräsigen tendierte. Der Spielwitz kam hier doch ein wenig zu kurz. Lediglich zum Schluss im innigen Pas des deux von Apoll und der Muse Terpsichore und der darauf folgenden swinghaften Coda, die schon auf Bernstein voraus weist, ließ das Orchester aufhorchen.
Das Vornehm-Zurückhaltende, das Harding an diesem Abend offenbar zur Prämisse erklärte, wirkte bei Orff um einiges überzeugender. Starke Tempokontraste und eine enorme Präzision im Zusammenklang aller Beteiligten erreichten hier eine ungemein straffe Wiedergabe des allzu Bekannten, frei von vordergründiger Plakativität oder gar Sentimentalität. Dafür sorgten freilich auch der wie aus einem Mund singende BR-Chor, der Lust und Last gleichermaßen zelebrierende Bariton Christian Gerhaher, die glockenrein verführerische Sopranistin Patricia Petibon und der klangschön intonierende Tölzer Knabenchor. Leider hatte das sinnenfrohe Kirchenlatein der mittelalterlichen Textvorlage neben der allgemeinen Freude über frühlingshafte Gefühle auch noch eine andere Aktualität, wenn von "fratribus perversis" (verirrten Brüdern) die Rede ist. Aber das nur nebenbei.
Es war musikalisch in jedem Fall eine höchst beglückende Aufführung.
Robert Jungwirth