Marc-André Hamelin zündete im gut besetzten Münchner Herkulessaal ein pianistisches Feuerwerk der Extraklasse
(München, 25. Mai 2009) Nach Charles-Valentin Alkans Konzert für Klavier solo schnellten die Zuhörer - viele junge waren darunter - aus den Sitzen und feierten den bescheidenen, kanadischen Pianisten ausgiebig. Die einzigartige Symbiose aus brillanter Technik und hochmusikalischer, sensibler Textdeutung, Strukturanalyse und erlesenem Farbenspiel ist Hamelins "Basis"-Ausstattung für Alkans monströses Opus 39.
Der Zeitgenosse und zeitweise sogar Nachbar Chopins in Paris ist einer der bedeutendsten komponierenden Pianisten der Musikgeschichte und er fordert von seinen Interpreten das Äußerste. Hamelin gibt es ihm. Er stürzte sich in den Stimmungsreichtum des Kopfsatzes und demonstrierte in 30 kurzweiligen Minuten, dass zehn Finger ein ganzes Orchester ersetzen können. Das rauschte unter seinen aberwitzig flinken Händen mächtig auf, bäumte sich geradezu zirzensisch. Doch im nächsten, "solistischen" Moment fiel die Musik in lyrische Ruhe oder Chopinsche Delikatesse zurück. Diese Augenblicke band der Pianist mit feinster Anschlagskultur ein ins vielfältige Geschehen, degradierte sie nicht zu Leerstellen im Getöse. Immer wieder stach das rhythmische Anfangsmotiv hervor, stiftete Hamelin Zusammenhänge oder hämmerte virtuose Wiederholungen in die Tasten.
Im Vergleich dazu wirkten die beiden folgenden Sätze harmlos. Hamelin bestach auch hier mit filigranem Laufwerk, mit rasanten Übergriffen und vollfetter Klangentfaltung im kurios arabisch angehauchten Finale. Danach schrie nicht nur die Puristen-Seele nach einem Gegengift. Hamelin besänftigte sie homöopathisch: Mit einer sanften Barcarole ebenfalls von Alkan.
Eröffnet hatte Hamelin den Abend mit Alban Bergs h-Moll-Sonate op. 1. Hell durchleuchtet, leidenschaftlich, aber ohne spätromantischen Überdruck. In Chopins b-Moll-Sonate op. 35 rettete er den allzu bekannten Trauermarsch, indem er den pastell-zarten Mittelteil als Versuch eines Gegenentwurfs zur unerbittlichen, hoffnungslosen Finsternis hin tupfte.
Gabriele Luster