Musik wie eine Fata Morgana

Bernard Haitink

Bernard Haitink mit einer sensationellen Aufführung von Bruckners Fünfter mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

(München, 11. Februar 2010) Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet die in vielerlei Hinsicht schwierige fünfte Symphonie Anton Bruckners eine solche Popularität besitzt. Schwierig waren allein schon die Entstehungsumstände für Bruckner. Der Linzer Domorganist hatte seine sichere Stelle aufgegeben, um in die Weltmusikhauptstadt Wien zu ziehen, wo er sich Interesse und Unterstützung für sein symphonisches Werk erhoffte. Doch stattdessen traf er auf Ablehnung und Desinteresse. Die Wiener Philharmoniker verschmähten seine Werke, der maßgebliche Kritiker Hanslick - man möchte ihn posthum dafür noch maßregeln - qualifizierte Bruckners Werk derart herab, dass in Wien sich keiner dafür erwärmen mochte. Und das, obwohl doch sogar Wagner Bruckner gelobt hatte.
Wie auch immer, im Kontext der Entstehung dieser fünften Symphonie war Bruckner von großen materiellen Sorgen geplagt: "Ich habe nur das Conservatorium, wovon man unmöglich leben kann. Mußte schon im September und später Geld aufnehmen, wenn es mir nicht beliebte, zu verhungern. (...) Kein Mensch hilft mir..."

Diese Aussichtslosigkeit, aber auch das Aufbegehren dagegen kennzeichnen den ersten Satz mit seiner langsamen Einleitung und den nachfolgenden mächtigen Aufschwüngen des gesamten Orchesters bis sich endlich das freundliche dritte Thema in Bratschen und Celli herausschält. Das gleiche Prinzip herrscht im zweiten Satz vor, wenn nach der sehnsuchtsvollen Oboenkantilene und der darauffolgenden Generalpause das zweite Thema mit machtvollem Streichersound vor dem Hörer wie eine Fata Morgana da steht.
Bernard Haitink, der das Werk jetzt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufführte, ließ die musikalischen Wunder dieser Symphonie mit unglaublicher Würde aufscheinen, gab ihnen Raum zur Entfaltung, zelebrierte die enorme Kontrapunktik dieser Komposition. Dabei war jeder Takt von luzider Klarheit und Stringenz, so als könnte es überhaupt gar nicht anders sein. Das hervorragend disponierte Orchester folgte Haitinks Vorgaben mit größter Präzision, aber auch mit überragender Klangsinnlichkeit. Hier gab es nichts Plärriges oder äußerlich Effekthaschendes, jedes kleinste Detail, aber auch jeder gewaltige Tutti-Höhepunkt war klar durchgestaltet und von dramaturgischer Konsequenz geprägt. So können Bruckner wohl doch nur derart erfahrene Maestri wie Haitink (80) oder vor ihm Wand und Celibidache dirigieren.
So faszinierend klar, wie hier der delikate tänzerische dritte Satz und dann der über alle Maßen komplexe Schlusssatz mit seiner Doppelfuge und den permanent changierenden Themenkomplexen zu tönend bewegter Form geriet, möchte man diese Symphonie gerne immer hören.
Robert Jungwirth

Am 27.3. ist das Werk in dieser Besetzung beim Osterfestival in Luzern zu hören.

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