Schubert, Schostakowitsch und Mozart mit dem Hagen Quartett im Münchner Herkulessaal
(München, 23. März 2010) Das Hagen Quartett für seinen Mozart zu loben, hieße Mozartkugeln nach Salzburg tragen. In ihrer ganz eigenen, vom väterlichen Lehrmeister Nikolaus Harnoncourt geschulten Klangrede spielten die vier Salzburger nun in München Mozarts letztes Streichquartett F-Dur KV 590, flüssig in den Tempi, dezent im Vibrato, entschieden, manchmal auch ruppig in der Agogik. Beeindruckend war das in seiner historischen Informiertheit. Noch beeindruckender, ja atemberaubend aber war, wie sich das Hagen Quartett Schostakowitschs vorletztem, dem 14. Streichquartett näherte.
Schostakowitschs späte Musik ist von Bitterkeit geprägt. Gezeichnet von den Folgen eines Herzinfarktes, fühlte der Komponist den Tod näher kommen. Die 1969 entstandene 14. Symphonie mit ihrer Kulmination in Rilkes "Der Tod ist groß" ist eine gewaltige Hommage an das menschliche Ende, das im Herbst 1974 - ein Jahr vor seinem Tod - komponierte 15. Streichquartett eine nicht mehr vom Fleck kommende Aneinanderreihung von sechs Adagiosätzen, die letzten beiden mit Trauermarsch und Epilog überschrieben. Todestrunkener kann Musik nicht sein. Ein Jahr zuvor aber, 1973, hat Schostakowitsch mit dem 14. Streichquartett noch einmal ein Werk geschrieben, das sich - in Fis-Dur notiert - zu eminenter tonaler Schönheit aufschwingt. Diese abgeklärt außerweltliche, resignative Schönheit hat das Hagen Quartett kongenial getroffen. Anders als manch russisches Quartett pumpten die Salzburger ihren Schostakowitsch nicht emotional auf, sparten sich alles vibratotriefend Sentimentale, ließen das Stück in seiner unwirklichen Schönheit wie selbstverständlich entstehen und berührten dadurch doch ganz besonders.
Nach Mariss Jansons' niederschmetternd fulminanter Deutung der 10. Symphonie war das innerhalb von wenigen Wochen das zweite großartige Schostakowitsch-Ereignis im Herkulessaal. Ein erstaunliches Erlebnis war dieser Abend dazu: einerseits, weil man sich nach der Lektüre der Programmheftnotizen verwundert die Augen rieb. Helene Hegemanns Copy-and-Paste-Ästhetik scheint inzwischen auch auf die klassische Musik übergegriffen zu haben: Der Text zu Schostakowitsch setzte sich zusammen aus zwei fast unverändert belassenen Texten von Michael Stegemann und Frank Praetorius - ohne Quellenangaben.
Mindestens ebenso erstaunlich Schuberts den Abend eröffnender Quartettsatz c-Moll D 703: Dieses zerklüftete Satzgebilde aus Schuberts Krisenjahren, erster Versuch eines großformatigen Quartettprojekts, wirkte in der Interpretation des Hagen Quartetts noch zerrissener, unschlüssiger als Schostakowitschs rund 150 Jahre später entstandenes 14. Quartett. Fast harmlos dagegen der zugegebene langsame Satz aus Beethovens 2. Razumovsky-Quartett: Schönheit, die sich zu sich selbst bekennt.
Markus Schäfert