Haydn grenzenlos

Foto: Regina Recht / DG

Das Hagen Quartett zu Gast im Herkulessaal

(München, 26. Mai 2008) Mitunter wird Joseph Haydn von jungen wilden Streichquartetten reichlich zugesetzt im Bemühen, aus dem schlichten Gestus mancher seiner Werke Funken sprühendes Kapital zu schlagen. Da fetzt und zuckt es gewaltig, so dass man fast schon Mitleid haben muss mit dem guten alten "Papa Haydn". Das erfahrene Hagen Quartett hat es freilich nicht mehr nötig, an Haydn sein Profilierungs-Mütchen zu kühlen. Es widmet sich dem Großmeister der Wiener Klassik mit wachem Respekt und feinsinnig-ausbalancierter Klanglichkeit.
Im D-Dur-Quartett aus seinem letzten Quartett-Zyklus lässt Haydn keineswegs nur Revue passieren, was ihn bislang beschäftigte. Haydn probiert und experimentiert hier, dass man kaum glauben kann, dass dies eines seiner Abschiedswerke ist. Freilich hat dieses Experimentieren eine Qualität und einen Tiefgang, das es unzweifelhaft als das Werk eines Künstlers ausweist, dem in seinem kompositorischen Vermögen keine Grenzen gesetzt sind. Im Largo meint man geradezu Schubertsche Anklänge zu hören, so geheimnisvoll wehmütig entspinnen sich hier die tragenden Melodielinien. Das Trio des nachfolgenden Menuetts weist einen barock-konzertierenden Gestus auf, während das abschließende Presto mit Überraschungen nur so um sich wirft.

Auch in Dvoraks wunderbaren Miniaturen "Zypressen" von 1887 ließen die Hagens alles Aufgeregte beiseite. Es wäre freilich hier auch ziemlich fehl am Platze. Denn Dvorak entspinnt in diesen Klangzaubereien im Taschenformat eine Atmosphäre voller Poesie und romantischer Innerlichkeit. Hervorragend wie die MusikerInnen in der Homogenität des Ganzen die Besonderheiten im Detail zur Geltung bringen, z.B. die Bratschen-Introduktion im Moderato (Du einzig Teure).
Dagegen hätte man in Smetanas erstem Quartett e-Moll "Aus meinem Leben" manchmal etwas beherzter zur Sache gehen können. So fehlte dem Allegro moderato alla Polka ein wenig das Zünftige, Derbe. Auch in Sachen Intonation gab es ein paar Defizite. Insgesamt aber war der Münchner Auftritt der Hagens ein großer Abend sinnhaft sinnlichen Musizierens.

Robert Jungwirth