Das Hagen Quartett und das Zürcher Ballett führen zusammen drei Choreographien von Heinz Spoerli bei den Salzburger Festspielen auf
(Salzburg, 28. Juli 2012) Zwar kennt und schätzt man die Salzburger Festspiele als Hort exquisiter Musik- und Theateraufführungen, ein Forum für den zeitgenössischen Tanz sind sie bislang nicht. Vielleicht ändert sich das ja jetzt mit dem neuen Intendanten Alexander Pereira - jedenfalls wäre dies durchaus zu hoffen, denn ein weltweit führendes Festival der darstellenden Künste sollte den Tanz als wichtige und innovative Sparte nicht ausklammern.
Pereira hatte als Zürcher Opernchef auch eine Tanzsparte "unter" sich, die Heinz Spoerli dort seit 1996 leitet und seine Compagnie zu einer der angesehensten in Europa machte.
Da lag es nahe, dass Pereira Spoerli auch nach Salzburg einlädt. Freilich wäre es noch schöner gewesen, Spoerli hätte in Salzburg eine Neuproduktion gezeigt. Zu sehen waren dagegen drei in den letzten Jahren für Zürich entstandene Choreographien nach Streichquartettkompositionen: die "Intimen Briefe" von Leos Janacek, das "Amerikanische Quartett" F-Dur op. 96 von Antonin Dvorak und "Der Tod und das Mädchen" (d-moll D 810) von Franz Schubert.
Die Besonderheit der Salzburger Aufführung bestand darin, dass die drei Quartette live vom Hagen Quartett gespielt wurden. Lukas Hagen, Rainer Schmidt, Veronika Hagen und Clemens Hagen sind in diesem Sommer ja quasi Artists in Residenz bei den Festspielen; sie werden einen Beethoven-Zyklus präsentieren und auch Mozarts Klarinettenquintett aufführen.
Etwas kurios war, dass die Ballette mit der intimen Kammermusik ausgerechnet auf der größten Salzburger Bühne präsentiert wurden, der Felsenreitschule. Doch sowohl die Hagens als auch die Tänzer des Zürcher Balletts schufen dort ohne Probleme eine wunderbare Atmosphäre der Konzentration und Kontemplation. Die "Intimen Briefe" setzte Spoerli in Situationen der Melancholie, des Zweifels, der Hoffnung und der elegischen Hingabe um - immer versehen mit der Unruhe des Herzens, die bei Janacek fiebrig nervös bis verzweifelt klingt. Es ist eine Amour fou, die sich hier musikalisch ausdrückt, ein verzweiflungsvolles Dreiecksverhältnis (mit autobiografischem Hintergrund bei Janacek). Kongenial von Spoerli und seinen wunderbaren Tänzern umgesetzt. Und die Hagens spielten das mit einer geradezu selbstvergessenen Hingabe, dabei in jeder Note luzide und technisch perfekt. Fantastisch!
Das "Amerikanische Quartett" bietet inhaltlich nicht so viele Anknüpfungsmöglichkeiten, was man dann auch deutlich als Defizit in Spoerlis Adaption wahrnahm. Über dekorative Figuren und Arrangements gelangt diese Choreographie nicht wirklich hinaus.
Umso gelungener ist dafür die Choreographie zu Schuberts trauerumflortem Quartett. Die Koreanerin Seh Yun Kim ist die Idealbesetzung für das junge Mädchen, das traumverloren mit seinen Freundinnen spielt und von der erotisch aufgeladenen Figur des Todes umgarnt, ja verführt wird. Das ist hinreißend und bewegend zugleich umgesetzt und in inniger Beziehung zu Schuberts unsterblicher Musik. Ein Ereignis. Auch wegen der innigen, aber niemals breiten Interpretation durch das Hagen Quartett.
Wobei sich im Vergleich der Stärke des Applauses für Tänzer und Musiker doch zeigte, dass es dem Salzburger Publikum etwas an Tanzerfahrung fehlt.
Robert Jungwirth