In Idealbesetzung

Foto: Festival La Coruna

Händels fast vergessene Oper "Giove in Argo" beim Festival in La Coruna

(La Coruna, im Juni 2010) Georg Friedrich Händel war ein ebenso guter Komponist wie Geschäftsmann. Wenn es ihm gerade recht kam, komponierte er keine nagelneue Oper, sondern zimmerte aus musikalischen Versatzstücken seiner bisherigen Opern etwas anscheinend Neues zusammen. Alte Melodien und neue Texte, alles neu gemischt und mit einer neuen Handlung. So etwas nennt man Pasticcio. Eine zu Händels Zeiten gebräuchliche Form der Oper, bei der man auch nicht davor zurückschreckte, bei Kollegen Arien zu klauen und sie als die eigenen auszugeben. Eine Technik, die Händel nicht nötig hatte, denn er konnte auf ein schier unerschöpfliches Reservoir an eigenen musikalischen Erfindungen zurückgreifen.

"Giove in Argo" wurde in London 1739 nach nur zwei Aufführungen vom Spielplan genommen. Nicht zu letzt auch wegen des Librettos von Antonio Maria Lucchini, das in seiner Schlüpfrigkeit in Sachen undurchsichtiger Liebesbeziehungen beim damals sittenstrengen Publikum in London nicht unbedingt ankam. Im Gegenteil. Eine Oper mit neckischem Inhalt. Es geht um Liebe, Hass und Eifersucht und um Isis, Tochter des Königs der Argiver und der Calisto, die ihrerseits Tochter des Tyrannen von Arkadien ist. Gottvater Jupiter will die Liebe der Isis gewinnen.
Händels Absicht war es, eine größtmögliche Vielfalt von Leidenschaften darzustellen. Das gab ihm die Möglichkeit, eine extreme Bandbreite von Arien in diese Oper zu packen. Das Pasticcio verfügt nur über kurze Rezitatitive, die Arien folgen eine nach der anderen. Perfekt für moderne Ohren, die sich bei den zum Teil langen Rezitativen barocker Opern manchmal langweilen.

In La Coruna war "Giove in Argo" ein Riesenerfolg. Alan Curtis und sein händelerprobtes Ensemble "Il Complesso Barocco" boten ein musikalisches Feuerwerk. Curtis studiert Händels Werke seit Jahrzehnten und es ist sicherlich nicht übertrieben, ihn als den besten Kenner des Werke dieses Komponisten zu bezeichnen. So lieferte er auch dieses Mal eine meisterhafte musikalische Interpretation. Kein Wunder, dass es auch eine CD dazu geben wird.
Die Besetzung konnte besser nicht sein. Ein stimmlich homogener Cast mit einigen der besten Händelstimmen, die derzeit verfügbar sind. Die Schwedin Ann Hallenberg sang die Iside und die Kanadierin Karina Gauvin die Calisto. Zwei der qualitativ interessantesten Sängerinnen für Barockopern.

Unbegreiflich, dass "Giove in Argo" so schnell in Vergessenheit geriet. Erst 2006 wurde die Oper wieder aufgeführt. Im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth im Rahmen des Festivals "Bayreuther Barock". Die Rekonstruktion dieses Werkes erfolgte durch die Musikwissenschaftler Steffen Voss und Thomas Synofzik.

Im galizischen La Coruna wurde die Barockoper im Rahmen des "Mozart Festival" aufgeführt. Eine kleine Hafenstadt mit einem quicklebendigen Musiktheater, dem jetzt allerdings schwere Zeiten bevorstehen. Der Hauptsponsor gibt kein Geld mehr und somit entfallen 40 Prozent des Gesamtbudgets.

In der diesjährigen Ausgabe des Festivals gab es ein reichhaltiges Programm mit vielen bekannten Namen. Neben Curtis auch der im letzten Jahr in Macerata umjubelten "Don-Giovanni"-Inszenierung von Regisseur Pier Luigi Pizzi mit Ildebrando d'Arcangelo in der Hauptrolle, den Pianistinnen Katia und Marielle Labèque und einer "Zauberflöte" der Liceu-Opera aus Barcellona.

Thomas Migge


Georg Friedrich Händel: Giove in Argo
26. Juni Teatro Colòn Caixa Galicia, La Coruna
Iside - Ann Hallenberg
Calisto - Karina Gauvin
Diana - Theodora Baka
Arete - Anicio Zorzi
Erasto - Vito Priante
Licaone - Johannes Weisser