Händel in Variationen

Versailles bei Nacht Foto: JdeGivry

Beim Festival "Le Triomphe de Haendel" sind in Versailles fünf verschiedene Händel-Opern zu hören

(Versailles, im Juni 2012) Das Schloss von Versailles ist nicht einfach nur ein gigantisches Museum. Gleich vier Bühnen für musikalische Veranstaltungen stehen zur Verfügung. Da ist zunächst die königliche Hofoper, für Kirchenmusik gibt es die Hofkirche, besondere Konzerte werden im akustisch nicht guten, aber eindrucksvollen Spiegelsaal aufgeführt und Open-air-Konzerte, akustisch verstärkt, finden im Park statt, begleitet von prächtigen Wasserspielen und Feuerwerken. Organisiert werden diese Konzerte von der Organisation Chateau de Versailles Spectacles, die sich selbst und ganz ohne staatliche Gelder finanziert. Direktor Laurent Brunners Erfolgsrezept in kulturpolitischen Krisenzeiten ist simpel: "Mit den Einnahmen aus den populären Open-air-Konzerten, zu denen rund 9000 zahlende Gäste pro Abend kommen, finanzieren wir das anspruchsvolle Programm für den Spiegelsaal, die Hofkirche und das königliche Theater".
 
Dieses Jahr wird ein Händelfestival geboten. Von Mitte Juni bis Mitte Juli. "Le Triomphe de Haendel" bot und bietet 5 Opern: Orlando, Alcina, Giulio Cesare, Xerxes und Tamerlano. Cecilia Bartoli gab ein Recital im Spiegelsaal, auftreten werden darüber hinaus Max Emanuel Cencic, Terry Wey und Xavier Sabata. In der Hofkirche, der prunkvollen Chapelle Royale, gibt es bis 11. Juli gleich 5 Händel-Oratorien zu hören. Sämtliche Konzerte werden von angesehenen Ensembles interpretiert, mit Besetzungen, die sich sehen lassen können, die Opern wurden und werden konzertant aufgeführt. Das ist nicht von Nachteil, vor allem dann nicht, wenn diese Werke von so ausgezeichneten Musikern interpretiert werden wie hier.
Wir hörten Orlando, Alcina und Giulio Cesare. Orlando ist keine jener Händel-Opern, die einen Arienhit nach dem anderen bieten. Die Partitur hat eine komplexe Struktur, die vor allem bei einer konzertanten Aufführung, wenn man sich nur auf die Musik zu konzentrieren hat, voll zum Tragen kommt. Der Händelexperte Alan Curtis und sein Ensemble Il Complesso Barocco spielten. Wie immer bei Curtis ist seine Händelinterpretation elegant und extrem einfühlsam. Der in Italien lebende Amerikaner hasst die zur Mode gewordenen drastischen Hell-Dunkel-Effekte bei der Interpretation barocker Musik, wie sie beispielsweise von Jean-Christoph Spinosi bevorzugt werden. Curtis' Händel ist geschmeidig, stringent und nie musikalisch eintönig.
 
In der Besetzung dieser Aufführung brillierten Roberta Mameli als Angelica und Emoke Barath als Dorinda. Im Orlando sang der ausdrucksstarke aber stimmlich schwache Iestyn Davies die Titelpartie. Mehr schlecht als recht, weshalb die Frage mehr als legitim ist: warum keine Frau für eine solche Rolle nehmen? Oder aber, wenn es denn ein Mann sein muss, warum dann nicht gleich einen Sänger vom Kaliber eines Cencic?
 
Christophe Rousset und Les Talens Lyriques führten die Alcina auf, eine der bekanntesten Opern Händels. Roussets Stil ist anders als der von Curtis. Sagen wir: französischer. Ein Händel wie ein Glas Champagner. Das mögen Händelpuristen kritisieren, aber Roussets Interpretation dieses Händel-Klassikers kann sich wirklich hören lassen. Die Alcina in Versailles bot zwei Stars, die den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Karina Gauvin sang eine emotional-aufgewühlte Alcina und Ann Hallenberg einen kräftigen und einfühlsamen Ruggiero.
 
Der Italiener Ottavio Dantone und sein Ensemble Accademia Bizantina nahmen sich des Giulio Cesare an. Und wieder eine andere Händel-Interpretation. Dieses Mal italienisch inspiriert. Dieses Werk des Wahlbriten Händel strotzt nur so vor bekannten Arien. Mit dem dunklen Contralto Sonia Prina war die Titelrolle bestens besetzt. Die Italienerin wirkte ungemein burschikos und bot ein überzeugendes "männliches" Gegenstück zur sehr weiblichen Maria Grazia Schiavo. Sie sang die Cleopatra und zwar so gut, dass man in ihrem Fall sicherlich von einer Stimme sprechen muss, die in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient.
 
Die Besetzung der Rollen des Tolomeo (der Countertenor Filippo Mineccia) und des Sesto (der Sopranist Paolo Lopez) fielen dagegen unglücklich aus. Immer wenn ihre Stimmen in die Höhe gingen begannen sie entweder zu kratzig zu klingen (Mineccia) oder aber zu kreischen (Lopez). Und wieder die Frage: warum keine Frauenstimmen? Das Besondere dieses Festivals: der Zuhörer kann an wenigen aufeinander folgenden Tagen eine Menge Händel in den verschiedensten Variationen hören. Und dann der Ort. Oder genauer: die Aufführungsorte! Einer prächtiger als der andere.

Thomas Migge
 
Chateau de Versailles:
"Le Triomphe de Haendel"
11. Juni - 11. Juli 2012