Alessandro de Marchi und Chor und Orchester der Academia Montis Regalis stellen Händel neben Caldara - eine erhellende Kombination
Reisen bildet. Eine Binsenweisheit. In der Musik hat die Beweglichkeit ihrer Schöpfer immer eine große Rolle gespielt. Ob die Komponisten nun selbst losfuhren oder die Musik anderer Länder zu sich kommen ließen, aus der Vermischung der Stile und Gepflogen entstanden viele der Werke, die wir heute noch als die Meister- und Spitzenwerke schätzen. Mozart bleibt das Musterbeispiel für das segensreiche Wirken des Reisens. Aber einer, den wir heute leichten Herzens England zuschlagen, verdankte sein überragendes Können (und seinen späteren immensen Reichtum) seiner Neugier auf fremde Länder: Georg Friedrich Händel.
Zunächst bewegte er sich nur weg von seinem heimatlichen Halle nach Hamburg. Dort setzte er die Kunst der mittel- und norddeutschen Kirchenmusik, die er bei seinem ausgezeichneten Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow gerlernt hatte, in das Metier der Oper um. Unter Reinhard Keiser spielte er im dortigen Opernorchester und präsentierte dann, 1705, selbst zwei Kompositionen dieses Faches. 1706 brach er nach Italien auf, auf eigene Kosten. Der 21-Jährige war als Komponist schon ein gemachter Mann.
In Italien beeindruckte Händel mit seinem aus nordischem Kontrapunkt energiegeladenen Stil zutiefst seine Zuhörer in Venedig, Florenz, Rom und Neapel. Aber er lernte auch selbst enorm viel. Ohne den Schliff der Eleganz und die Geläufigkeit der italienischen Melodie wäre Händel in Sachen Oper eine Provinzgröße wie Keiser oder Telemann geblieben. In Italien erst gewann seine Musik jene Kombination von Brillanz, Ausdruck und Tiefe, mit der er dann eines der Zentren der damaligen musikalischen Welt ganz für sich einnehmen sollte - London. Da Händel sich schon so früh weit vorwagte, als junger Mann Opern und aufwendige geistliche Musik schrieb, kann man die Entfaltung und Reifung seines Stils anhand seiner Kompositionen besonders gut beobachten - und registrieren, was ihn von den anderen Komponisten seiner Zeit so wesentlich abhob.
Alessandro de Marchi, Leiter von Chor und Orchester der Academia Montis Regalis und der künstlerische Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik hat auf zwei CDs ein Programm zusammengestellt, das einen hörbaren Eindruck diese Unterschiedes gibt. Für eine fiktive Vesper des Karmeliter-Ordens im Jahr 1709 hat de Marchi Kompositionen von Händel und dessen fünfzehn Jahre älterem italienischen Zeitgenossen Antonio Caldara zusammengestellt. Mit Händels spektakulärer Psalmvertonung "Dixit Dominus", einem ihm zugeordneten "Salve Regina" und der Kantate "Seviat Tellus" für Sopran und Orchester sowie drei geistlichen Kompositionen für Soli, Chor und Orchester von Caldara.
Caldara sei hier nur deshalb so beiläufig erwähnt, weil sich seine Musik auch nur so beiläufig anhört. Das Reservoir der Harmonien ist schnell erschöpft, Caldara verlässt sich auf Konventionen und auf gefällige Melodien. Seine Kompositionen gehen ins Ohr, aber sie bleiben nicht in Erinnerung. Sie ermüden den Hörer nicht, aber sie regen ihn auch nicht an. Wie gesagt, er war fünfzehn Jahre älter als Händel. Wie braust dieser dagegen auf. Mit welcher Energie, welchem Drive bricht sich dagegen Händels Musik Bahn und reklamiert ihren Anspruch, haften zu bleiben. Händel hat so viele Register zu ziehen; in ihr klingt das Rauschen der vielen Stimmen der Orgel in Halle genauso durch wie die Arienbravour an Keisers Hamburger Oper. Und nun kommt die melodische Eleganz Italiens dazu, welche den Koloraturen ihre Willkürlichkeit nimmt und dem Kontrapunkt feine Geschmeidigkeit verleiht. In Händels "Dixit Dominus" kommt das alles noch ungestüm daher, man hört den jugendlichen Eifer Händels, um jeden Preis beeindrucken zu wollen, ebenso in der Kantate "Saeviat tellus", in der Händel der Solistin (hier brillant und mit warmem Ton: Roberta Invernizzi) einen Koloraturenstrudel nach dem anderen bescherte.
Alessandro de Marchi und seine Musikerkollegen sorgen dafür, dass diese Erkenntnisse keinesfalls akademisch herüberkommen, sondern als Ergebnis lust- und temperamentvollen Musizierens. Man erfährt weiter, dass Händels Musik ein großbesetztes Ensemble (Zehn Geigen, drei Celli, zwei Kontrabässe, 28 Sängerinnen und Sänger im Chor) sehr gut tut, vorausgesetzt, es wird so diszipliniert und im Umgang mit den Tempi moderat geleitet wie von de Marchi. Gerade in Händels "Dixit Dominus" fällt auf, dass die Raffinesse der ungestümen Komposition sich besser durch festlichen Klang und gezügeltes Tempo vermittelt als etwa durch die Nervosität und schnelle Gangart bei Marc Minkowski.
Die Doppel-CD ist unbedingt zu empfehlen. Denn sie hält nicht nur viel gute Musik zum lustvollen Hören bereit. Sie lässt den Hörer auch besser verstehen, was dazu gehört, um zu einem Genie zu werden. Unter anderem das Reisen.
Laszlo Molnar