Neue Opern-Gesamtaufnahmen und Recitals mit Werken Georg Friedrich Händels
"Faramondo" - Wer den Titel dieser Oper von Händel noch nie gehört hat, befindet sich in bester Gesellschaft. Es mag Gründe genug für diese Unbekanntheit geben, nicht zuletzt das schwache Libretto, dennoch ist die Musik dieser unmittelbar vor "Serse" komponierten Oper vom Feinsten, vor allem wenn sie von gleich drei der besten Countertenöre gesungen wird: dem hell timbrierten, mit aufregendem Thrill singenden Philippe Jaroussky, Max Emanuel Cencic mit seinen eher gedeckten Farben und dem faszinierend dunkel klingenden Xavier Sabata mit einer großen, tragfähigen Stimme in allen Lagen, man höre nur seine aufregende Rachearie "Voglio che mora". I barocchisti spielen unter Diego Fasolis schlank, plastisch und energiegeladen (Virgin).
Erinnert sei hier an die bislang beste "Riccardo Primo"-Aufnahme (DHM, 2007)) mit den beiden Countertenören Lawrence Zazzo in der Titelrolle und dem jungen, fein timbrierten Tim Mead als Oronte sowie der exzellente Sopranistin Nuria Rial, die mit Zazzo eine schöne Händel-Duette-Platte veröffentlicht hat. Das Kammerorchester Basel spielt in beiden Aufnahmen, dirigiert von Paul Goodwin ("Riccardo Primo") und Laurence Cummings.
Mit "Ezio" haben Alan Curtis und sein Ensemble Il Complesso Barocco wieder, wie schon bei seiner Rekonstruktion von Händels "Fernando", erschienen im letzten Jahr (Virgin), eine Aufnahme von hohem Repertoire-Wert vorgelegt - die einzige derzeit überhaupt erhältliche von Händels Oper! Trotz exzellenter Sänger wie Sonia Prina, Ann Hallenberg und Vito Priante ist sie interpretatorisch nicht von derselben Qualität wie andere Aufnahmen der heute zahlreichen Spezialisten auf diesem Gebiet. Und auch das Werk erreicht erst im Laufe des zweiten Akts die musikalische Reife, die man von einer Oper erwarten dürfte, die ein Jahr vor dem Meisterwerk "Orlando" komponiert wurde.
Es ist wahrlich bemerkenswert, welch' breites Repertoire Rolando Villazón mit Erfolg zu singen vermag. Nicht nur das italienische und französische, Donizetti und Verdi, Massenet und Gounod, sondern etwa auch Monteverdis "Combattimento" unter Emmanuelle Haïm. Auch sein Händel-Recital ist vielfach auf sehr persönliche Weise gelungen. Neben originären Arien für Tenor, wie der berühmte Sterbe-Szene des Bajazet aus "Tamerlano" singt er - transponiert - Schlager wie "Ombra mai fu" oder "Scherza infida". Unverwechselbar auch hier sein Timbre und die Expression des Singens, das sich jedoch nie auf Kosten der Musik verselbständigt (DG).
Das Händel-Recital von Joyce DiDonato (Virgin) gehört zu den aufregendsten Solo-CDs, die je diesem Komponisten gewidmet wurden. Gegen den furiosen Wind der einem da aus den Boxen entgegenweht wirkt selbst das Singen der Fachkollegen Magdalena Kozena oder Angelika Kirchschlager wie ein laues Lüftchen. Zudem dirigiert Christophe Rousset das Ensemble Les Talens Lyriques mit ebenso viel Feuer wie Stilsicherheit. Jetzt präsentiert sich Joyce DiDonato in einer Gesamtaufnahme von "Alcina". Vergleicht man diese Einspielung mit der neuen Solo-Platte von Christine Schäfer, die in den gesammelten Alcina-Arien allzu gepflegt und manchmal etwas bemüht singt und den Ausbrüchen nie wirklich gewachsen ist, dann freut man sich über die flammende Attacke dieser Mezzosopranistin in der Rolle der unsterblich verliebten Zauberin, die schließlich, betrogen um die einzige Liebe ihres Lebens, alles in und um sich zerstört. Aber auch das übrige Ensemble ist großartig: Sonia Prina, Maite Beaumont, Laura Cherici und Karina Gauvin, Kobie van Rensburg und Vito Priante.
"Semele" und "Orlando" unter Christie aus Zürich auf DVD
Im Zürcher Opernhaus aufgenommen wurde die szenische Fassung des mythologischen Oratoriums "Semele" (Decca). Wohl nur im koproduzierenden London kann man auf die Idee kommen, die antike Geschichte um Verführung, Eitelkeit und die Sterblichkeit des Menschen zwischen Semele, Jupiter und Juno an den britischen Königshof von heute zu verlegen und am Ende eine glanzvolle Hochzeit unter Royals zu zeigen. Zumal man den Eindruck hat, dass der Regisseur Cecilia Bartoli einen Freifahrschein für affektiertes Spiel gegeben hat und er auch die beiden anderen Damen, Birgit Remmert (Juno) und Isabel Rey als ihrer Vertrauten Iris, mit allzu vielen oberflächliche Gags auftrumpfen lässt. Immerhin gelingen der Bartoli in den ruhigen, melancholischen Arien große Momente, wie auch Charles Workman dann am besten spielt und singt, wenn er nicht göttliche Dominanz, sondern Schmerz und Verunsicherung zeigen darf. Der eigentlich Star des Mitschnitts vom Januar 2007 ist freilich das exzellente Barockorchester "La Scintilla" der Zürcher Oper, von William Christie zu aufregend lebendigem Spiel animiert.
"Orlando"
über den rasenden, aus Liebe wahnsinnig werdenden und sich in der Unterwelt wähnenden Ritter Roland ist eine der dichtesten und modernsten Händel-Opern, die schon Erkenntnisse der heutigen Psychiatrie vorwegnimmt. William Christie, der bereits 1990 mit Les Arts Florissants eine Referenzeinspielung auf CD vorlegte, lässt in dieser DVD aus Zürich (2007, Arthaus) "La Scintilla" ebenfalls famos aufspielen und treibt das Geschehen zügig voran. Jens Daniel Herzog siedelt es in einer Art "Zauberberg"-Sanatorium an, in der kriegs- und lebensmüde Helden unter ärztlicher Aufsicht stehen (Zoroastre wird vom jungen Konstantin Wolff als unbedarfter, aber gefährlicher, glatzköpfiger Psychiater verkörpert). Das Bühnenbild (Mathis Neidhardt) wandelt sich beständig wie im Barocktheater, nur virtuoser und bedrohlicher: Wände verschieben sich und ergeben die unterschiedlichsten Räume und Zimmerfluchten. Manches erinnert - auch in der wechselnd fahlen oder giftgelben Beleuchtung von oben - gar an die Horrorszenarien in Stanley Kubricks "Shining". Und dies nicht erst, wenn Orlando mit einer Axt Amok läuft! - Wer den Titel dieser Oper von Händel noch nie gehört hat, befindet sich in bester Gesellschaft. Es mag Gründe genug für diese Unbekanntheit geben, nicht zuletzt das schwache Libretto, dennoch ist die Musik dieser unmittelbar vor "Serse" komponierten Oper vom Feinsten, vor allem wenn sie von gleich drei der besten Countertenöre gesungen wird: dem hell timbrierten, mit aufregendem Thrill singenden Philippe Jaroussky, Max Emanuel Cencic mit seinen eher gedeckten Farben und dem faszinierend dunkel klingenden Xavier Sabata mit einer großen, tragfähigen Stimme in allen Lagen, man höre nur seine aufregende Rachearie "Voglio che mora". I barocchisti spielen unter Diego Fasolis schlank, plastisch und energiegeladen.
Marijana Mijanović ist Orlando: hier mit dem dank Frisur und Schminke kantigen Aussehen eines schlanken Knaben und der androgynen Stimme eines exzellenten Countertenors! Wie die Serbin in abgründig dunkle Tiefen ihrer Stimme hinabtauchen, dann wieder schönste Koloraturen singen und dabei ebenso Unschuld wie Furor verkörpern kann, das betört sogar vor dem Fernsehschirm - und auf ihrer Händel-CD (Sony).
Eine geradezu hollywoodreife Schauspielerin ist Martina Janková als seine heiß geliebte Angelica, die sich aber mittlerweile wie Dorinda (Christina Clark) den Medoro (Katharina Peetz) ausgeguckt hat. Noch in der Nahaufnahme zeichnet die Tschechin mit differenzierter Mimik und Körpersprache ebenso wie musikalisch das Psychogramm einer verwöhnten Frau im Widerstreit ihrer Gefühle.
Klaus Kalchschmid