Wein, Mann und Gesang

Buchveröffentlichungen zum 250. Todestag von Georg Friedrich Händel

Auch wenn man über Händels Leben herzlich wenig weiß, geben doch die Fakten und Deutungen, auch seiner Musik, genügend Stoff für ein farbiges Bild. Vor allem, wenn man es anreichert mit anschaulichen Beschreibungen der Zeitumstände, gesellschaftlicher Konventionen und geschichtlicher Wegmarken. Franz Binder hat für dtv ein lockeres Sittenbild und eine ebensolche Künstlermonographie geschrieben. Leider haben seine Exkurse zu besonderen Themen nicht immer hinreichend Substanz und es unterlaufen dem (Reise-)Schriftsteller unschöne Fehler, die ein kundiger Lektor hätte beseitigen können. Denn dass Kastraten seinerzeit gleichermaßen Frauen- wie Männerrollen übernahmen, ist ebenso falsch wie die Bemerkung, sie hätten meist hellen Sopranglanz versprüht. Viele der berühmtesten Sänger waren vielmehr Alt-Kastraten.

Die präzise kleine Monographie bei c.h.beck-wissen stammt von der Musikwissenschaftlerin Dorothea Schröder. In ihrem prägnanten, schnörkellosen Text fehlt trotz der gebotenen Kürze kein wichtiges Faktum, kein wichtiges Werk. Karl-Heinz Ott bietet in "Tumult und Grazie" (Hoffmann und Campe) dagegen nicht nur ein überflüssiges, 32 Seiten langes, verqueres Vorwort, das nur so strotzt vor falschen Höreindrücken ("schrille Querflöten") über mutwillige Setzungen ("Partituren aus der Barockzeit sehen [bezüglich Vortragsangaben] vollkommen karg und kahl aus"), aus denen erst später zwischen den Zeilen die wichtige Schlussfolgerungen gezogen wird, dass in Kompositionen aus dieser Zeit beileibe nicht alles notiert ist, was die Musik ausmacht. Zahlreiche Protagonisten der Alten Musik aus 50 Jahren in einen Topf zu werfen, macht die Sache auch nicht besser. Und wer als Roman-Autor bekannt wurde, sollte doch einen prägnanteren, flüssigeren Stil pflegen.

Empfehlenswert ist dagegen die Monographie von Franzpeter Messmer (Artemis & Winkler). Denn der Musikwissenschaftler und Biograph von Orlando di Lasso und Richard Strauss schreibt anschaulich über Händels Leben und Karriere zwischen Hamburg, Italien und London. Er deutet seine Musik prägnant, traut sich aber auch, auf dünnem Eis zu wandeln, wenn er Hinweise für Händels mutmaßliche homsexuelle Neigungen, auf den Erkenntnissen von Ellen T. Harris fußend, in einem spannenden Indizien-Beweis sammelt. Eine einzige Affäre mit einer älteren Frau, der Sängerin Vittoria Tarquini, ist überliefert. Permanent aber pflegte Händel, der zumindest als 20-Jähriger nach einer zeitgenössischen Abbildung ein ausnehmend hübscher, femininer Mann war, enge Beziehungen zu nicht selten homo- oder bisexuellen Männern wie dem Medici-Prinzen Gian Gastone. Der bisexuelle Lord Burlington scharte die Dichter John Gay, Alexander Pope und eben Händel um sich, man redete, machte Musik, aß gut und "lag beieinander". Der Studienfreund John Christopher Smith lebte vier Jahre mutmaßlich mit Händel zusammen, bevor er endlich seine Familie nachholte, für die der Komponist fortan sorgte, während Smith lebenslanger Sekretär Händels blieb. Bis ins Werk hinein lassen sich einschlägige Stränge verfolgen: "Corydon und Damon sind in 'Acis and Galathea' homoerotisch mit einem Schäfer namens Alexis verbunden, einen Namen, den sich Alexander Pope selbst in seinen 'Pastorals' gab", so Harris. Doch nach 1727, als in den sogenannten Molly-Häusern, wo sich die "Sodomiten" trafen, immer häufiger Razzien vorkamen, die nicht selten mit Hinrichtungen endeten, wurde der schwule Damon aus der Partitur gestrichen! Messmer benennt die an Völlerei grenzende Liebe Händels zu gutem Essen als Ersatzbefriedigung für sexuelle Kontakte, die sich der religiöse Komponist wohl versagte. Zeitgenössische Karikaturen lassen sich diesbezüglich deuten, wie auch ein Gedicht, das ihn als Orpheus preist, aber zugleich als Frauenverächter brandmarkt, der deshalb gesteinigt wird.

Interessant an diesem Buch ist auch, in welch neuem Licht die Aussagen in der ersten Händel-Biographie von John Mainwaring erscheinen. Wer nun neugierig auf das vielzitierte Buch ist, dessen nicht gerade wörtliche deutsche Ausgabe just von Johann Mattheson, dem einstigen - bis zu einem Duell - Freund und Förderer, 1761, also zwei Jahre nach Händels Tod, herausgegeben wurde, der sei auf das bei der Edition Alte Musik des ORF erschienene Hörbuch (4 CD + mp3) hingewiesen. Es ist allerdings weniger in seiner dank Bernhard Drobig gewöhnungsbedürftigen vorgelesenen Form interessant, als durch die auf einer CD-Rom beigefügten pdf-Dateien mit der englischen und deutschen Erstausgabe im Faksimile! Als richtiges Buch gibt es das Faksimile des englischen Originals allerdings auch zum halben Preis (15 Euro) über JPC!

Klaus Kalchschmid