Überraschend unterhaltsam

Der österreichische Komponist und Dirigent HK Gruber leitet das Symphonieorchester des BR und präsentiert ein unkonventionelles Programm, das Spaß macht.

(München, 11. April 2008) Es gibt sie also doch, die ungewohnten, neutönenden, überraschenden Programme "klassischer" Konzerte, die das Publikum doch nicht verschrecken oder davon jagen. Das aktuelle Programm des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des österreichischen Komponisten HK Gruber ist so eines. Bei der Premiere am Donnerstag im Münchner Herkulessaal kamen viele Zuhörer und sie blieben auch. Diejenigen, die dann, nach John Adams' Orchesterstück "Slonimsky's Earbox" und dem Trompetenkonzert von HK Gruber, doch zur Pause gingen, müssen sich sagen lassen, dass sie auf den deutlich unterhaltsameren Teil des Abends verzichteten. Die Darbietung von Weill/Brechts Ballettmusik mit Gesang "Die sieben Todsünden" durch das Orchester, die Sopranistin Ute Gfrerer und die fünf Herren der "Berlin Comedian Harmonists" war beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Auch das geht also: Wirklich gute Musik, die Laune macht.

Alle Achtung: in diesem Programm gibt es keinen "Hit", kein "Schlachtross" weit und breit, nichts schon x-fach Abgespieltes und Abgenutztes. Und trotzdem ist das Orchester gut beschäftigt mit attraktiven Klängen und Motiven und gibt es Solo-Partien, die die Lust auf Virtuoses befriedigen. Adams, der Komponist von "Nixon in China", kann zwar nie seine Nähe zur Filmmusik verleugnen, aber er belässt es nicht dabei.  Nicolas Slonimsky war ein bekannter Musikforscher, dem Adams in seinem Stück seine Reverenz erweist. Er entfaltet darin die Vielfalt der Musikstile, die Slonimsky beschäftigten, als habe er sie direkt dem Gehörgang des Forschers entnommen. Für hiesige Ohren mag die Komposition zu unverbindlich klingen. Aber amerikanische  Komponisten sind pragmatisch: Sie möchten sich ihre Zuhörer erhalten und deshalb ihre Belastbarkeit nicht zu sehr strapazieren.

In seinem Trompetenkonzert gibt HK Gruber dem Solisten (hier: Hakan Hardenberger, der in seinem grauen Anzug mit offenen weißen Hemd auch optisch überzeugte) ordentlich zu tun, lässt ihn auch Piccolo-Trompete spielen und sogar auf dem Horn einer Kuh, und ihn auch viele raue Klänge produzieren. Gruber ist der Schalk unter den modernen Komponisten, er beherrscht sein Fach, nimmt sich aber nicht todernst. Vielleicht sollten mehr, vor allem junge, Komponisten, seinem Beispiel folgen. Dann wären sie nämlich auch hervorragende Dirigenten, wie Gruber in den "Todsünden" bewies. Diesem Singspiel um eine junge Frau aus den USA, die aus der Provinz auszieht, um ihr Glück zu machen um der Familie daheim ein Haus zu finanzieren, gab Gruber Tempo und Drive. Der Funke zündete sowohl bei Ute Gfrerer für ihre zwischen naiv und verschlagen pendelnde Darstellung der zwei Annas und den Berlin Comedian Harmonists, die sich sehr mitfühlend der Moralvorstellungen der Familie annahmen. Da entstanden dann die Bilder nicht nur ihm Ohr, sondern auch vor Augen und Brechts Text entfaltete eine geradezu greifbare Aktualität. Wozu doch Musik nicht alles fähig ist!

Laszlo Molnar

Nochmals heute, Freitag, 11. April, um 20 Uhr im Herkulessaal in München.
Karten beim BR-Ticket-Service, 089 5900-45 45.