Alle Beethoven-Sonaten mit Friedrich Gulda aus den 50er Jahren sind digital bearbeitet neu erschienen
Die Tontechniker brachte der 23-jährige Friedrich Gulda bei seiner ersten von drei Gesamtaufnahmen der 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven wohl mächtig ins Schwitzen. Denn wie er manche Sätze ins dynamische Extrem treibt, ohne Rücksicht, ob der Diskant des Flügels zu klirren anfängt oder der Bass beinahe dissonant grollt - das hat die Rücksichtslosigkeit eines Glenn Gould, ohne dessen extreme Deutungen und ohne seinen Kontrollzwang über das tönende Ergebnis.
Diese Aufnahmen - an nur 14 Tagen zwischen Oktober 1953 und Januar 1954 entstanden - wirken nicht wie Studioeinspielungen, sondern besitzen den Reiz und die Spontaneität von Livemitschnitten. Die meiste Zeit auf der Stuhlkante sitzend hört man diese neun CDs - enthalten in der Box von Orfeo sind auch Eroica- und Diabelli-Variationen sowie die Bagatellen op. 126 aus dem Jahr 1957. Denn man weiß nie, wann die nächste plötzliche Beschleunigung, ein erneuter harscher Akzent oder ein aggressiv hingedonnerter Akkord auch in einem nur impressionistisch hingetupften Satz folgen. Wie überhaupt die Kontraste oft bis zum Anschlag ausgereizt sind.
Perfekt und aufregend ist das Passagenspiel Guldas, seine Fähigkeit, polyphone Verläufe eminent klar zu strukturieren, einen Triller förmlich vibrieren zu lassen. Aber auch sein wunderbar "singendes", weiches, warmes Pianissimo und sein bestechendes Legato, in das unversehens ein grelles, abruptes Fortissimo platzen kann, sind staunenswert und klingen noch nach einem halben Jahrhundert nicht nur jugendfrisch und manchmal jungmännlich dreist, sondern auch sehr modern.
Wie Gulda immer wieder in einen geradezu tänzerischen Ton verfällt, offenbart das Wienerische Temperament eines Zeit seines Lebens Unangepassten, der gerne auch Jazz in seine Klassikprogramme mischte. Kein Wunder, dass da ein schlichter Satz wie das Andante aus der "Pastorale" op. 28 schon mal zu swingen beginnt. Oder es erhalten die dezidierten Rhythmen, etwa im späten opus 101, ausgesprochen scharfe Kanten.
Plötzlich mischen sich bei diesem Spiel Kühnheiten von Beethovens Spätstil in die Frühwerke, braust ein Kopfsatz wie der zur Sturm-Sonate vehement los oder gerät ein langsamer an die Grenze des Stillstands und der Unhörbarkeit.
Bleibt die Arbeit des akustischen Restaurators im Wiener Studio Eichinger zu rühmen, der das Rauschen auf ein Minimum reduzierte, aber nichts glättete, keine Schärfen wegnahm und so ein eminent transparentes, körperhaftes Klangbild erhalten hat.
Klaus Kalchschmid