Dirigent Eivind Gullberg Jensen und Cellist Alban Gerhardt bei den Münchner Philharmonikern
(München, 5. Juli 2010) Dass die Münchner Philharmoniker nach wie vor auf der Suche sind nach einem Chefdirigenten mit Perspektive - fast hätte man es ob des vom Feuilleton angeheizten Kleinkrieges zwischen Bachler und Nagano an der Münchner Staatsoper ganz vergessen: München hat derzeit mehrere dirigentische Baustellen. Lorin Maazel, der bei Amtsantritt 82 sein wird, kann für die Philharmoniker nicht mehr sein als eine Übergangslösung. So läuft also das Casting, um bis 2015 einen jungen Nachfolger mit wohlklingendem Namen und profundem Können gefunden zu haben. Und weil derzeit die Jungen schwer im Kommen sind, hat man sich für die nächste Saison eine ganze Reihe von ihnen eingeladen: Theodor Currentzis, Lionel Bringuier, Kristjan Järvi, James Gaffigan. Noch in dieser Saison kehrte einer wieder, der schon 2008 als Einspringer überzeugt hatte: der junge Norweger Eivind Gullberg Jensen.
Gullberg Jensen stammt, wie so viele andere skandinavische Kollegen, aus der berühmten Dirgentenschule Jorma Panulas. Seine Schlagtechnik ist präzise und ökonomisch, seine Bewegungen wirken elegant und erfrischend unprätentiös: Sie wollen im Orchester etwas bewirken und nicht das Publikum mit musikalisch wirkungslosem Effektheischen überrumpeln. Dass Gullberg Jensen, der in der kommenden Saison auch bei den Berliner Philharmoniker debütieren wird, das Orchester erreicht, bewies er bereits mit der klug aufgebauten Dramaturgie der ebenso berühmten wie musikalisch dünnen Tondichtung Finlandia von Jean Sibelius. Die Aufführung hatte musikantischen Schwung, konnte das vom Komponisten selbst wenig geschätzte Stück jedoch nicht vom Charakter der patriotischen Gelegenheitskomposition befreien.
Zu großen Momenten fand Gullberg Jensen auch in Sibelius' zweiter Sinfonie mit ihrer mal vegetativ wachsenden, mal aufgewühlt zerfurchten Struktur: Das Blech schwang sich zu Brucknerscher Strahlkraft auf, der satte, goldene Streicherklang veredelte den suchend-sehrenden Beginn und entfaltete in der gigantischen Schlusssteigerung faszinierende Sogkraft. Was aber fehlte, war die Delikatesse im Leisen, die unerwartete Farbe. Wenn im Finalsatz das Holz über dem leisen Grummeln von Celli und Bratschen singt, muss das magischer klingen als es die erdverbundenen Philharmoniker hier zustande brachten. Und auch bei den Streichern hätte man sich eine etwas breitere, etwas raffinierte Klangpalette gewünscht, mehr nordische Kühle, weniger Münchner Sonne.
Im Team mit dem großartigen Alban Gerhardt brachte Gullberg Jensen die Philharmoniker in Prokofjews Symphonischem Konzert für Cello und Orchester op. 125 immerhin dazu, ihre Kultiviertheit zeitweise aufzugeben und das Geräuschhafte, Spröde der Tonerzeugung auch einmal zuzulassen. Gerhardt spielte dieses von Prokofjew in enger Zusammenarbeit mit Mstislaw Rostropowitsch erarbeitete Konzert mit seinen symphonischen Ausmaßen und fast unzumutbaren technischen Anforderungen mit souveräner Übersicht: die rasenden Sechzehntelketten, die vollstimmigen Doppelgriffe, das Hinaufschrauben in höchste, eigentlich der Violine vorbehaltene Tonhöhen: Gerhardt hexte es hin, als wäre es nichts. Und wo manche Cellisten sich in verlangsamte Tempi flüchten, um das Vertrackte ein wenig erträglicher zu machen, stürmte er unbeeindruckt voran in einer Geschwindigkeit, wie man sie auch aus Rostropowitschs Aufnahmen kennt. Grandios realisierte er damit die für Prokofjew so bezeichnende Mischung aus groteskem Scherz und lyrischer Sehnsucht, die dieses Konzert zu einem der ganz großen in der Celloliteratur machen. Ovationen.
Markus Schäfert