Jun Märkl und das Gürzenich-Orchester Köln kombinieren Debussy mit Werken japanischer Komponisten
(Köln, 30. September 2012) Häufig wird Katsushika Hokusais Holzschnitt "Die große Welle von Kanagawa" zur Programmheftillustration von Claude Debussys "La mer" verwendet, so jetzt auch in Köln. Zwar rauschen auch bei Debussy Wasser durchaus mächtig, aber doch weniger illustrativ. Beim 2. Saisonkonzert des städtischen Gürzenich-Orchesters machte das Bild aber besonderen Sinn, denn zwischen drei Debussy-Piècen standen Werke japanischer Komponisten auf dem Programm: "Quotation of Dream" von Toru Takemitsu und "Woven Dreams" von Toshio Hosokawa. Das erstgenannte Stück zitiert darüber hinaus ganz unverhohlen "La mer". Das Programm dürfte vor allem auf Wunsch des Dirigenten Jun Märkl zustande gekommen sein. Er ist der Sohn eines deutschen Geigers und einer japanischen Pianistin und gilt zudem als exzellenter Debussy-Interpret. Mit dem Orchestre National de Lyon hat er sämtliche Orchesterwerke des Franzosen eingespielt.
Den Dirigenten am Pult zu erleben, ist bereits optisch ein Genuss. Die exakte, geradezu theatralische Zeichengebung lässt profunde Vertrautheit mit den Werken erkennen. Sie ist jedoch nicht Ausdruck eines sich im Klangrausch Verlierenden, eher im Gegenteil. Bei Jun Märkl herrschen Wachsamkeit, Präzision, Intellekt. Das erinnert etwas an Pierre Boulez, einen anderen bedeutenden Debussy-Exegeten. Doch anders als dieser gibt sich Märkl am Pult ausgesprochen impulsiv, nachgerade tänzerisch, doch auch im Leisen außerordentlich beschwörend, wie beim Pianissimo-Beginn der "Nuages" aus den "Trois Nocturnes". Angemessen pompös dann "Fêtes", luzid die "Sirènes". Schade nur, dass die räumlichen Möglichkeiten der Philharmonie nicht für eine Lontano-Aufstellung des Vokalensembles Kölner Dom genutzt wurde; das hätte den seraphischen Vokalisen eine noch stärkere Transzendenz verliehen. Raffiniert hingegen der Effekt, die Singstimmen (tadellose Ausführung) nach dem Verstummen des Orchesters noch einige Sekunden weiter klingen zu lassen. Eine große orchestrale Klangregie durch Jun Märkl erfuhr zum Schluss auch "La mer".
Das kleine Debussy-Intermezzo mit "Clair de lune" (aus der "Suite Bergamasque") setzte nicht vordergründig auf die (eher fragwürdige) Popularität des Stückes. Die Wahl lässt sich auch damit begründen, dass der Komponist stets ein besonderes Faible für diffuse Naturstimmungen hatte, welche gerade den Stunden der Dämmerung eignet. Die Gürzenich-Musiker, bereits bei den "Nocturnes" ganz auf Märkl-Stil geeicht, spielten ausgesprochen süffig. Die Orchestrierung André Caplets gibt das vor. Das im Klang viel schlankere, intimere Klavier-Original bleibt aber immer noch erste Wahl.
Der musikalische Weg von Toru Takemitsu ist stark politisch geprägt. Zunächst war der Komponist offen für westliche Einflüsse, umso mehr, als er gegen das mit Hitler-Deutschland paktierende Japan regelrechte Aversionen entwickelt hatte. Später fand Takemitsu zu traditioneller Kultur zurück, ohne jedoch gemachte Erfahrungen über Bord zu werfen. Die Debussy-Zitate in "Quotation of Dream" wurden bereits erwähnt, aber auch die Klangdramaturgie des Werkes erinnert stark an den Franzosen. Die beiden Soloklaviere (höchst präsent: Yaara Tal und Andreas Groethuysen) suchen auch nicht den Kontrast zur orchestralen Sprache, sondern verschmelzen mit ihr, was gelegentliche pianistische Effekte nicht ausschließt. Erneut dirigierte Juan Märkl mit enormer Farbpalette.
Noch stärker als Takemitsu benutzt der um eine Generation jüngere Toshio Hosokawa die musikalische "Landessprache", bei "Woven Dreams" bereits ablesbar am exotischen Schlagwerk (u.a. japanische Windglocken). Ein anderer Klangeffekt ist das tonlose Blasen der Trompeten und Posaunen, also eigentlich mehr Geräusch als Ton. Das viertelstündige Werk beruht auf einem pränatalen Traum des Komponisten. Die wohlige Ruhe eines Ungeborenen im Fruchtwasser der Mutter bildet sich im Unisono-Ton B auf unterster Pianissimo-Stufe ab. Dieser baut sich dynamisch nach und nach auf, gewinnt ein harmonisches Umfeld und steigert sich irgendwann eruptiv (Geburt), wobei die Schläge der großen Trommel das Herzpumpen akustisch vergrößern. Darüber hinaus spiegelt auch dieses Stück einen Ost-West-Kontrast. In Europa gewinnt der Ton erst im Kontext mit anderen (harmonische) Bedeutung, in Fernost besitzt er autonome Qualität. So der Koreaner Isang Yun, ein Lehrer von Toshio Hosokawa.
East meets West - eine ausgesprochen faszinierende Quintessenz des ambitionierten Gürzenich-Konzertes. Vor drei Jahren hat Jun Märkl mit dem Kölner Orchester schon einmal ein eigenwilliges Kontrast-Programm realisiert: Richard Wagner und Olivier Messiaen.
Christoph Zimmermann