Dompteure und Magier

"Große Dirigenten" von Wolfgang Schreiber
Piper Verlag, ca. 500 Seiten, 24.90 Euro
Eine aktualisierte broschierte Neuauflage erscheint in November 2007

"Der ideale Dirigent sollte hochgewachsen sein, schön, bleich und gebieterisch, ein großer Schauspieler, geheimnisvoll, magnetisch, das Antlitz geprägt von edlem Leid." - So jedenfalls stellte ihn sich Federico Fellini vor und setzte ihm in seinem Film "Orchesterprobe" ein Denkmal.

Exzentriker, selbstverliebte Diven oder grimmige Autokraten - all die gab es natürlich in der ca. 150jährigen Geschichte der Dirigenten. Und vermutlich prägten solche Erscheinungen das Bild vom Dirigenten in der öffentlichen Wahrnehmung stärker als introvertierte Feingeister. Ganz ohne Selbstinszenierung, wie auch immer, kommen Dirigenten allerdings nicht aus. Allein schon deshalb, weil ihr Instrument der Körper ist. Mit ihm müssen sie den Musikern deutlich machen, wie die Musik klingen soll, die sie spielen.

Obwohl Dirigenten (neben den Solisten) zweifellos im Zentrum eines jeden Orchesterkonzerts stehen und obwohl ihre Bekanntheit und ihre Gagen oft denjenigen von Popstars gleichen, gab es erstaunlicherweise lange Zeit keine kritische Würdigung der wichtigsten Dirigenten des 19., 20. und 21. Jahrhunderts.
Der Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung Wolfgang Schreiber füllt diese Lücke und bietet in seinem hervorragenden Buch "Große Dirigenten" nicht nur 120 überaus kundige und farbig geschriebene Porträts nahezu aller wichtigen Dirigentenpersönlichkeiten von Hans von Bülow bis Ingo Metzmacher, von Arthur Nikisch bis Franz Welser-Möst. Er stellt deren Biographien auch in übergeordnete Zusammenhänge. Da gibt es die Weltbürger, die Pultstars, die Kapellmeister, die Modernisten, die Romantiker, die Originalklang-Experten oder die dirigierenden Komponisten. Jenseits aller vordergründigen Kategorisierungslust macht Schreiber dadurch Verbindungslinien deutlich und stellt musik- und kulturgeschichtliche Bezüge her. Etwa in der Beziehung von Claudio Abbado, Zubin Mehta und Mariss Jansons zu deren gemeinsamen Lehrer Hans Swarowsky, dem berühmten Wiener Dirigentenmacher und ehemaligen Schönberg-Schüler, der noch als Chorknabe bei der Münchner Uraufführung von Mahlers Achter Symphonie unter der Leitung des Komponisten mitgesungen hatte.
Oder er skizziert die Bezüge innerhalb der großen russischen Dirigententradition von Jewjeni Mrawinkski und Juri Temirkanow zu Valery Gergiev und Kirill Petrenko.

Die Umsicht und Gewandheit mit der Schreiber die verschiedenen Auffassungen oder musikalischen Wahrheiten charakterisiert, stützen sich auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Musikjournalist und die daraus resultierende intensive Beschäftigung und auch persönliche Begegnung mit vielen der Porträtierten. In der Bewertung des musikalischen Ergebnisses neigt Schreiber nicht eben zu harten Urteilen, sein Tonfall ist immer uneitel und unprätentiös. Interview-Zitate verlebendigen das Buch zudem.
Schreiber läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß es viele richtige Wege, gedruckte Noten in Musik zu verwandeln. Die eine Wahrheit gibt es in der Musik ebenso wenig wie im richtigen Leben.

Robert Jungwirth


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