Harald Eggebrecht: "Grosse Cellisten"
Mit zwei Exkursen über große Bratschisten und 69 Abbildungen, Geleitwort von Janos Starker.
Piper Verlag München, 416 Seiten, 24,90 Euro, ISBN: 9783492046695
Die Wogen des Musikbetriebs spülen in regelmäßigen Abständen neue Wunder-Geigerinnen auf den Markt, die üblicherweise jung, hübsch und sympathisch sind. Im Sommer vergangenen Jahres lächelte wieder einmal eine seidig blonde Schönheit von den Plakaten der Plattenläden. Allerdings hielt sie - Sensation! - keine Geige in den Händen, sondern ein Cello. Seither hat sich Sol Gabetta weltweit als eine der besten Cellistinnen ihrer Generation in die Herzen des Publikums gespielt. Und so ziert sie auch das Cover des Buches "Grosse Cellisten" von Harald Eggebrecht, dem Münchner Musikjournalisten und Streicher-Experten. Genauer gesagt, die obere Hälfte des Covers; der untere Teil zeigt den Urvater des modernen Cellospiels, Pablo Casals. Und diese Umschlaggestaltung ist programmatisch: Eggebrecht stellt Cellisten aus ganz unterschiedlichen Epochen einander gegenüber, schlägt eine Brücke von Stammvater Casals zu den aufgehenden Sternen am Cellisten-Himmel wie Han-Na Chang oder Danjulo Ishizaka und zurück zu den Pionieren der ersten Jahrhunderthälfte und beschließt seine Darstellung mit dem großen Casals-Antipoden Emanuel Feuermann. Dabei stellt er oft überraschende Bezüge zwischen weit auseinander liegenden Generationen und scheinbar gegensätzlichen ästhetischen Richtungen her.
Auch wenn Eggebrecht keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, liefert er doch ein umfassendes Abbild der Cellisten-Szene. Und er füllt eine Marktlücke: Denn während Abhandlungen zu den großen Geigern ganze Regale füllen, sind über lexikalische Stichworte hinausgehende Cellisten-Bücher Mangelware.
Die Gewichtung der einzelnen Musiker indes erscheint recht eigenwillig: So widmet Eggebrecht dem eher Spezialisten (und mit seinen Etüden geplagten Cello-Schülern) bekannten Janos Starker 20 Seiten - er hat übrigens auch das Vorwort des Buches geschrieben -, während Mstislaw Rostropowitsch, für manche der größte Cellist seit Casals, auf 11 Seiten abgehandelt wird.
Als etwas problematisch erweist sich auch der an und für sich plausible Ansatz, selbst erlebte Konzerte in den Mittelpunkt der Darstellung zu rücken: Zwar erreicht Eggebrecht dadurch einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit, aber letztlich bekommt das Buch über weite Strecken den Charakter aneinander gereihter Kurz-Kritiken und recht beliebiger Momentaufnahmen. Zudem - und dies ist der letzte Einwand - schlittert er ab und zu geradewegs in den Stilblüten-Sumpf hinein, wenn etwa von "ansteckender Brillanz" die Rede ist oder wenn es, in Bezug auf Emanuel Feuermann, heißt, die "Oberfläche des in sich ungemein festen, makellos fokussierten Tones" besitze "jene attraktive Widerständigkeit, die an die zarte Aufgerautheit einer die Haut streichelnden Katzenzunge denken lässt". Solche etwas unglücklichen Formulierungen sind allerdings nur die Kehrseite einer originellen, anschaulichen Beschreibung.
Die einzigartige Ausstrahlung der bereits erwähnten Argentinierin Sol Gabetta lässt sich kaum treffender charakterisieren als mit Eggebrechts - wie er selbst zugibt, etwas klischeehaft klingenden - Worten, Ton und Spiel der jungen Virtuosin wirkten "sonnendurchflutet und gleichsam etwas spanisch, sandig, rau, energisch, ohne Forcierung, manchmal nervös flirrend, manchmal träumerisch versonnen". Und Yo-Yo Ma nimmt als "Optimismus verbreitender jugendlicher Held", dessen "Interesse an neuen musikalischen Erfahrungen" und "Mangel an Berührungsangst auch gegenüber so genannter Popmusik" "nichts Beliebiges, sondern etwas von Forscherlust" an sich haben, vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt an.
Eines der ganz großen Verdienste dieses Buches bleibt es, vernachlässigte Bereiche der Cello-Literatur ins Bewusstsein zu holen. Mit kurzen Beschreibungen weckt Eggebrecht Neugier auf selten gespielte Werke wie das Cello-Konzert des englischen Stimmungs-Zauberers Frederick Delius oder das "hinreißend lichte, amüsante und doch niemals leichtgewichtige" Konzert Darius Milhauds.
Eggebrechts Cellisten-Anthologie als "Standardwerk" zu etikettieren, wie es der Verlag auf dem Umschlag tut, ist sicher etwas hoch gegriffen; ein überaus lesenswertes, informationsreiches Buch ist es aber allemal - und die Nummer des nächsten Schallplattenladens oder einer gut bestückten Musik-Bibliothek griffbereit neben dem Schmökersessel zu haben, ist bei der Lektüre bestimmt kein Nachteil.
Eva Blaskewitz